Richard Holbrooke läßt sich ungern bremsen. Als ein Panzerwagen aus seiner Kolonne nahe Sarajevo verunglückte und drei seiner Mitarbeiter starben, hielt ihn dies fünf Tage auf. Genauso lange, wie er brauchte, um die Toten nach Washington zu bringen, dem Präsidenten zu berichten und auf allen Fernsehkanälen zu erscheinen. Dann war Holbrooke zurück in Bosnien.Es ist dieses Tempo, das Washington von seinem Unterhändler erwartet. Als es darum ging, die amerikanische Bosnien-Initiative auf dem Balkan unmißverständlich und schnell deutlich zu machen, galt Holbrooke als der richtige Mann. Er wird als zäher Verhandler geführt. Und er weiß dieses Image zu kultivieren. Während der Genfer Konferenz nahm er den Vertreter der bosnischen Serben und den Belgrader Außenminister einfach zur Seite. "Es kam zum Finale", sagte Holbrooke später, "es war ein tolles Match im Anschnauzen." Der Amerikaner setzte sich durch. Und erzählte die Anekdote nicht ohne Vergnügen der Zeitung "USA Today". Kein Kompliment Richard Holbrooke wird in diesen Tagen oft mit Henry Kissinger verglichen. Das ist mitnichten immer als ein Kompliment gedacht. Rüde und launisch sei Henry "the Kissinger" gewesen, erinnern sich viele, die unter dem einstigen Sicherheitsberater und Außenminister arbeiteten und litten. Daß Holbrooke sich ebenso wie Kissinger gerne mit schönen Frauen umgibt, wird in Washington ebenfalls bemerkt. Er ist seit Anfang dieses Jahres zum drittenmal verheiratet, mit der Journalistin Kati Martin. Zuvor war Holbrooke der ständige Begleiter einer der populärsten Fernsehjournalistinnen der USA, Diane Sawyer.Holbrooke ist gelernter Diplomat, auch wenn er oft nicht so wirkt. Als er 1962 in den Diplomatischen Dienst eintrat, zur Zeit der Regierung Kennedy, und kurz darauf nach Vietnam entsandt wurde, schien das State Department der Hebel, die Welt zu bewegen. Nichts schien unmöglich. Unter Kennedy strömten junge, hochtintelligente Hochschulabsolventen wie Holbrooke zuhauf in die Hauptstadt und machten dort Karriere.Doch das geduldige Bohren dicker Bretter war Holbrookes Sache nie. Ehe er sich langweilte, sah er sich nach anderen Aufgaben um. So war er schon Journalist, Herausgeber einer außenpolitischen Fachzeitschrift, Berater einer Sportredaktion, Leiter des US-Peace-Corps in Marokko, Gastprofessor an der Princeton-Universität und Manager an der Wall Street. Immer lockte bald wieder etwas anderes.Kein Wunder, daß in Washington noch vor wenigen Wochen das Gerücht die Runde machte, Holbrooke wolle den diplomatischen Dienst quittieren und an die Wall Street zurückkehren. Er fühle sich im außenpolitischen Team der Clinton-Regierung übergangen. Insbesondere, hieß es damals, sei er von der Suche nach einer neuen Bosnienpolitik ausgeschlossen. Im Weißen Haus wird das heftig dementiert.An der Wall Street hat Holbrooke, Mitglied der Demokratischen Partei, überwintert, als in den achtziger Jahren die Republikaner das Weiße Haus beherrschten. 1985 wurde er Managing Director des Investmenthauses Lehman Brothers. Sein Jahresgehalt dort soll mindestens 900 000 Dollar betragen haben. Seit seiner Rückkehr in die Politik verdient Holbrooke nur noch ein Bruchteil davon. Aber Politik, Außenpolitik ist seine Leidenschaft.Als Holbrooke 1962 in den diplomatischen Dienst eintrat, begegnete er einem anderen jungen Diplomaten: Antony Lake. Lake ist heute Sicherheitsberater von Präsident Bill Clinton. Seine und Holbrookes Wege kreuzten sich immer wieder. So ähnlich ihre Ansichten und Ziele sein mögen, so verschieden sind ihre Temperamente. Lake ist still, bedächtig, denkt gern in die Ferne. Holbrooke liebt Resultate und dominiert jede Versammlung, die er betritt. Als Clinton zum Präsidenten gewählt wurde, dürfte sich Holbrooke Hoffnungen gemacht haben, selber den Stuhl zu besetzen, auf dem Lake nun sitzt.Er hatte sich früh an die Seite des Kandidaten Clinton geschlagen, und seine Firma Lehman Brothers war einer der größten Spendengeber für Clintons Wahlkampagne. Außerdem kannten sich der Kandidat und Holbrooke aus dem Salon von Pamela Harriman.Ms. Harriman ist die Witwe des früheren US-Botschafters und Pariser Vietnam-Unterhändlers Averell Harriman. Sie erbte ein Riesenvermögens und war in den achtziger Jahren so etwas wie eine Mutter jener jungen, ehrgeizigen Oppositionspolitiker, die sich als "neue Demokraten" verstanden. Die der Ära Reagan/Bush ein Ende machen würden. Falls "Mutter" ein Titel ist, der zu Pamela Harriman paßt. Der Designer Oscar de la Renta hat Pamela Harriman "die bezauberndste Frau der westlichen Welt" genannt. Politik-Unterricht Sie war mit dem Sohn Winston Churchills verheiratet, später mit einem Broadway-Producer, schließlich mit Harriman. In den achtzigern Jahren, Ms. Harriman war schon über sechzig, zählte Richard Holbrooke, Jahrgang 41, zu den Männern, die sie in Washington "ausführten". Und er unterrichtete sie in Außenpolitik. Denn Ms. Harriman hatte sich vorgenommen, eines Tages Botschafterin zu werden: Wenn denn einer ihrer Salon-Schützlinge - vielleicht Al Gore jr., vielleicht der junge Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton - Präsident werden würde.Seit 1993 vertritt Pamela Harriman die Interessen der USA in Paris. Ihr Berater Richard Holbrooke wurde Botschafter in Bonn. Das war eine tiefe Enttäuschung für ihn. Die er sich nicht anmerken ließ. "Es gibt keine NATO- oder US-Politik, die nicht mit Bonn beginnt," tröstete er sich damals. Auch in Bonn hatte sich herumgesprochen, daß dieser neue Botschafter und Asienexperte nur widerstrebend an den Rhein zog.Doch Holbrooke versteht es, Skeptiker zu überzeugen, Herzen zu gewinnen. Zu seinem Antrittsbesuch in Deutschland brachte er seine Mutter mit, eine gebürtige Hamburger Jüdin, deren Familie Deutschland in den dreißiger Jahren verlassen mußte. Zudem lernte Holbrook schnell und demonstrativ Deutsch. Dennoch hielt es ihn nur ein Jahr in Bonn.Im Sommer 1994 hatten es seine Freunde in Washington geschafft, den Präsidenten und Außenminister Christopher davon zu überzeugen, Holbrooke werde in der Hauptstadt gebraucht. Er kehrte als stellvertretender Minister, mit Zuständigkeit für Europa und Kanada, zurück. Auch das dürfte er nicht als Gipfel seiner Karriere verstanden haben: Stellvertretender Außenminister war er schon einmal gewesen, zur Zeit der Carter-Regierung, damals mit Zuständigkeit für Asien und den pazifischen Raum. Überredungskunst Holbrooke begann, die Erweiterung der NATO voranzutreiben. Mit einem Tempo, das nicht jedermann paßte. Nebenbei krempelte er seinen Teil des State Departments um. Er ist kein Freund von Hierarchien. Oder, in den Worten eines Kritikers: "Er weigert sich, das bürokratische Spiel zu spielen." Holbrooke ermuntert Mitarbeiter, mit wichtigen Vorschlägen direkt zu ihm zu kommen, unter Umgehung der Vorzimmer. Andererseits müssen die Vorschläge schon originell und sehr gut begründet sein. "Wer seine Ansicht nicht in maximal 35 Sekunden erklären kann, fliegt zum Fenster raus", beschreibt ein Beamter Holbrookes Führungsstil.Und US-Außenminister Christopher sagte über seinen rempelnden und drängenden Stellvertreter: "Dick hat enorme Fähigkeiten und Überredungskünste." Die Bosnienverhandlungen seien deshalb "genau die Art von Aufgabe, die seinen Fähigkeiten entspricht". Womit Christopher, ganz Diplomat, auch indirekt bedeutete, was Holbrookes Fähigkeiten nicht entspräche. Zum Beispiel ihn, Christopher, im Amt zu beerben. +++
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