So ausgelassen hat man ihn noch nie gesehen. Kimi Räikkönen stand auf seinem roten Auto, streckte beide Fäuste in den brasilianischen Himmel und freute sich über den ersten Weltmeistertitel. Dann begann die Jubelarie mit seinen Teammitgliedern; er umarmte jeden Einzelnen, noch mit dem Helm auf dem Kopf. War das wirklich Kimi Räikkönen? Der Iceman, wie ihn die heiße Branche nennt? Später bei der Siegerehrung und der Pressekonferenz kehrte der Finne, der vor vier Tagen 28 Jahre alt geworden ist, zu den Wurzeln zurück, er wirkte wie immer cool. Ohne äußerliche Regung sagte er Sätze wie "Es war ein langer Weg" oder "Ich war nicht immer in der besten Situation". Dabei haftet seinem Triumph durchaus etwas Sensationelles an.Spätestens nach der Hälfte der Saison hatten ihn die Experten abgeschrieben. Und mit der schlechtesten Ausgangsposition der drei Titelanwärter ging er in das Finale von Interlagos. Er musste gewinnen und er brauchte Schützenhilfe. Beides traf ein. Räikkönen war der lachende Dritte in der knappsten WM-Entscheidung der Formel-1-Geschichte. Man kann es vielleicht sogar als Zeichen ausgleichender Gerechtigkeit werten. Denn seit fünf Jahren gilt Räikkönen als heißer Titelkandidat - doch eine schier unendliche Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen verdarb ihm stets die Tour.Auch deshalb muss der WM-Gewinn eine ungeahnte Genugtuung für ihn sein. Endlich der Titel für einen, der seit seinem Einstieg 2001, als er nur dank einer Sondergenehmigung fuhr, als ungeheuer schnell gilt. Das bewog Ferrari dazu, ihn vor dieser Saison als Nachfolger für den großen Michael Schumacher zu verpflichten. Ein Jahresgehalt von 30 Millionen Dollar machte ihn zum bestbezahlten Fahrer und erleichterte den Abschied von McLaren-Mercedes. Bei den Silberpfeilen waren sie dem kleinen Finnen ohnehin nicht mehr wohlgesonnen. Er arbeite wenig für die Entwicklung des Autos, hieß es intern, mache gern früh Feierabend, und am besten können er ausgiebig feiern. Bilder von Parties hatten die Runde gemacht, mit einem Kimi, der gern ein Gläschen Vodka Koskenkorva zu sich nahm. Da wollte man lieber auf einen anderen setzen: auf den Weltmeister Fernando Alonso.Inzwischen fragen sich die Chefs bei McLaren-Mercedes längst, ob ihre Entscheidung die richtige war. Nicht nur angesichts der ständigen Stänkereien von Alonso gegen seinen Teamkollegen Lewis Hamilton. Vielmehr hat Räikkönen nun bewiesen, dass er durchaus das Zeug zum Weltmeister besitzt - mit einem zuverlässigen Auto. Das Fehlen eines solchen fahrbaren Untersatzes hatte er stets beklagt und war damit angeeckt.Jetzt also werden sie ihn feiern, in Finnland, wo sie nach Keke Rosberg und Mika Häkkinen endlich wieder einen Weltmeister haben, und in Italien, wo er nun doch die Nachfolge von Michael Schumacher angetreten hat. Man darf wohl davon ausgehen, dass der Iceman gemeinsam mit seiner Frau Jenni, einer ehemaligen Miss Finnland, dabei das Eis zum Schmelzen bringt.Sport Seite 14------------------------------Foto: Kimi Räikkönen, der neue Formel-1-Weltmeister
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