Der Banker Andreas Dürr, Berlin-Grünau

Zwischen Angst und Aufbruch

Maxim Leo
4 Min

Vor zwei Tagen hat Andreas Dürr mit einer Gruppe von Bankern unten am Wasser gestanden. Die Sonne ging gerade unter und die Banker erzählten von ihrer Arbeit. Sie haben die Sonne gar nicht gesehen, sie haben nicht mitbekommen, wie wunderbar warm die Luft an diesem Abend war. Sie erzählten von der Krise, wieder mal. Und Andreas Dürr kam es so vor, als sei sein erstes Leben schon wahnsinnig weit weg.In diesem ersten Leben war Andreas Dürr auch Banker und es ist gerade mal ein Jahr her, dass dieses Leben zu Ende ging. Dürr hat bei einer mittelständischen Bank gearbeitet, deren Namen er nicht nennen will. Im Sommer 2008 teilte der Vorstand mit, das Unternehmen werde sich künftig auf bestimmte Geschäftsbereiche konzentrieren. "Und mein Firmenkunden-Bereich war nicht dabei", sagt Dürr. Er wurde freigestellt.Andreas Dürr hat eine Frau und drei Kinder. Normalerweise ist er eher ein Typ, der kein Risiko eingeht. Deshalb hatte er ja diesen Beruf gewählt, damals, nach dem Mauerfall. Im Osten war er Baggerfahrer, im Westen machte er mit 22 eine Banklehre. Was Solides, Langfristiges eben, sagt er. Er hat sich nach oben gearbeitet, wurde Teamleiter, hat Kollegen fortgebildet. Die Arbeit hat ihm Spaß gemacht, weil er das Gefühl hatte, seinen Kunden wirklich helfen zu können. Es ging um Firmenkonzepte, um Kreditstrategien. Er hat die Firmenchefs beraten und oft auch abgeraten. Und es war eigentlich so, wie Dürr es sich vorgestellt hatte. Solide und eben auch langfristig.Das alles hat sich dann immer mehr verändert, sagt Dürr. Vor drei Jahren ungefähr hat es angefangen. "Da ist etwas aus dem Gleichgewicht gerutscht." Auf einmal gab es diese neuen Produkte, diese hippen Derivate, diese komplexen Kreditpakete. Der Dax knallte nach oben, die Stimmung in der Bank war aufgekratzt. Dürr sagt, er hätte bei vielen dieser supermodernen Anlageformen gar nicht gewusst, wie sie funktionieren. Aber die Renditen, die man damit erzielen konnte, waren gigantisch. "Deshalb wollten alle das haben, die sind da hinterher gerannt wie eine Herde."Er will jetzt nicht so tun, als habe er die Krise vor den anderen gespürt. Aber unheimlich war ihm das alles schon, sagt Dürr. Es habe dann auch nicht mehr so großen Spaß gemacht, weshalb es ihm leichter fiel, die Bank zu verlassen. Kurz bevor der große Sturm einsetzte, ein paar Wochen, bevor Lehmann Brothers pleite ging. "Irgendwie hat sich alles gefügt", sagt er.Andreas Dürr steht vor dem großen Bootshaus in Berlin-Grünau, dessen welliges Dach mit Holzschindeln gedeckt ist. Lange Stege führen ins Wasser der Dahme. Hier, an diesem Fluss, hat er als Kind im Verein "Rotation" mit dem Rudern angefangen. Hierhin wollte er zurück. Die Idee mit den Drachenbooten hatte er schon länger im Kopf. Er weiß, wie wichtig es ist, Kollegen zu einem Team zu formen. Dürr bietet Firmen nicht nur das von einem Trommler begleitete Gemeinschafts-Paddeln im chinesischen Drachenboot an. Bei ihm können Manager auch Flöße bauen oder mit Bogen schießen. Sie sollen den Gruppengeist entdecken, den "Teamspirit", wie Dürr es nennt.Das funktioniert, das ist gefragt, gerade jetzt in der Krise, in der jeder nur noch auf sich schaut. Auch seine ehemaligen Kollegen waren schon hier draußen in Grünau. Sie haben ihm gesagt, wie mutig und super es sei, was er da mache. Sie hatten leuchtende Augen, als sie nach der Drachenboot-Fahrt abends am Ufer um den Grill herum saßen. Und manche sahen dann sogar den Sonnenuntergang. ------------------------------Foto: Irgendwie hat sich alles gefügt. ANDREAS DÜRREin Banker vermietet jetzt Boote, ein junger Architekt findet seine erste Stelle, einem Arbeiter wird der Lohn gekürzt. Sechs Geschichten von Menschen, deren Leben sich durch die Finanzkrise verändert hat.

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