WASHINGTON, 12. Januar. Die Enthüllungen des ehemaligen Finanzministers Paul O Neill über die Bush-Regierung sorgen in den USA für große Aufregung. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Dick Gephardt bestätigte O Neills Beschreibung von George W. Bush als einen "abwesenden und wenig zugänglichen" Präsidenten. Als er als Minderheits-Führer im Kongress dem Präsidenten eine parteiübergreifende Zusammenarbeit nach den Anschlägen vom 11. September angeboten habe, habe Bush abweisend reagiert, sagte Gephardt am Sonntag.Doch O Neills Erinnerungen sind noch negativer: In Kabinettssitzungen, so wird der ehemalige Minister in dem nun erscheinenden Buch "The Price for Loyalty" zitiert, sei Bush wie "der Blinde in einem Zimmer voller Tauber" gewesen. Der Präsident habe häufig abwesend gewirkt, wenig Interesse an den Details politischer Vorgänge gezeigt und kaum Kritik seiner Kabinettsmitglieder geduldet, sagte O Neill im Interview dem Fernsehsender CBS. Bei seinem ersten persönlichen Treffen mit Bush, habe er als Finanzminister sein Konzept vorlegt und der Präsident habe keine einzige Frage gestellt. "Ich habe einen Monolog gehalten", erinnert sich O Neill vor der Kamera.Auch Vize-Präsident Dick Cheney, mit dem O Neill offenbar enger bekannt war, habe nicht die Rolle eines ehrlichen Vermittlers in den Kabinettsrunden gespielt. Als O Neill seine Besorgnis über das steigende Haushaltsdefizit äußerte, soll Cheney ihn belehrt haben, dass Haushaltsdefizite nicht wichtig seien, wie die Regierungszeit von Präsident Ronald Reagan bewiesen habe. Damals hatte der US-Haushalt ebenfalls eine hohes Defizit.O Neill ist das erste Kabinettsmitglied der Bush-Regierung, das Interna über den Führungsstil des Präsidenten publik macht. Bislang war das Weiße Haus unter Bush für seine Verschwiegenheit bekannt. Doch seit seinem Rücktritt Ende 2002 soll O Neill fast täglich mit dem Autoren des Buch, Ron Suskind, gesprochen und ihm insgesamt 19 000 Dokumente über Beratungen des Kabinetts oder des Nationalen Sicherheitsrates überlassen haben.Kabinettsmitglieder verteidigten Bush gegen die Angriffe O Neills. Wirtschaftsminister Don Evans, ein enger Freund des Präsidenten, sagte, Bush schätze Debatten. "Er glaubt, das ist gesund und sehr konstruktiv für den Prozess. Er muss oft Entscheidungen treffen, wenn seine Berater unterschiedlicher Meinung sind", so Evans im TV-Sender CNN. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte, der ehemalige Minister wolle nur sich selbst darstellen und davon ablenken, was die Regierung erreicht hätte. Im Übrigen, so hieß es, sei es nicht "die Aufgabe der Regierung, Bücher zu rezensieren". Ein Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte, kritisierte O Neill schärfer: "Niemand hat seinen verrückten Ideen Gehör geschenkt, als er im Kabinett war. Warum sollten wir ihm jetzt zuhören?"Generell jedoch versucht das Weiße Haus der peinlichen Geschichte nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, um die Dauer des Medieninteresses gering zu halten. Für Bushs Rivalen von der Demokratischen Partei sind die Enthüllungen ein gefundenes Fressen. Howard Dean zeigte sich empört über die Berichte, wonach die Bush-Regierung bereits vor dem 11. September den Angriff auf Irak geplant habe. Dennis Kucinich hofft, dass nun eine neue Debatte über Sinn und Grund des Irak-Kriegs geführt werde. Und Joe Lieberman hob hervor, dass die aktuelle Regierung "uns das größte Haushaltsdefizit in unserer Geschichte" beschert hat.Streit um Steuern // Paul O Neill wurde nach zwei Jahren als Finanzminister unter George W. Bush entlassen, weil er Kritik an den neuerlichen Steuersenkungen des Präsidenten übte.Der ehemalige Chef eines Aluminium-Unternehmens war der Meinung, dass angesichts des steigenden Haushaltsdefizits weitere Steuerausfälle untragbar seien.In einem Interview sagte 69-Jährige, dass selbst Präsident Bush Zweifel an weiteren Steuersenkungen für wohlhabende Amerikaner geäußert habe, aber dann von seinem politischen Berater Karl Rove überstimmt wurde.Ende 2002 wurde O Neill offenbar von Vize-Präsident Dick Cheney aufgefordert, den Rücktritt vom Ministeramt einzureichen.Foto: Gestörtes Verhältnis: Paul O Neill (l. ) und Präsident George W. Bush.
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