LONDON. Richard Harveys Londoner Kanzlei liegt am prestigeträchtigen Lincoln Inn Fields und trägt den idyllischen Namen Garden Court (Gartenhof). Seine Arbeit führt den erfahrenen Strafverteidiger hingegen meist in den Hinterhof internationaler Politik - dorthin, wo Menschen misshandelt und ermordet werden, häufig sanktioniert durch die Mächtigen. "Dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit" fühlen sich die Kanzlei und ihr Seniorpartner verpflichtet, viele Menschenrechtsgruppen und Umwelt-Organisationen wie Amnesty International und Greenpeace hat Harvey schon rechtlich beraten.Nun steht der freundliche Herr mit dem grauen Bart plötzlich auf der anderen Seite: Das internationale Tribunal für Jugoslawien in Den Haag berief Harvey zum Pflichtverteidiger für Radovan Karadzic. Der frühere Präsident der bonischen Serben-Republik steht wegen Völkermords und Kriegsverbrechen vor Gericht - genauer gesagt verweigert sich der Psychiater seinem Prozess, gab allen Anwälten den Laufpass, will sich selbst verteidigen. Dazu müsse er aber erst die rund eine Million Blatt umfassende Akte der Anklage-Behörde durcharbeiten, ließ Karadzic den Haager Richtern mitteilen und schwänzte den Prozessauftakt Ende Oktober.Harveys Berufung soll sicherstellen, dass der bis 1. März unterbrochene Prozess endlich beginnen kann. Verweigert sich Karadzic dann immer noch, kann der Brite notfalls allein die Interessen des Angeklagten wahrnehmen. Einiges spricht dafür, dass es soweit kommen wird: Mit seinem neuen Verteidiger wolle er "nichts zu tun haben", ließ der Angeklagte aus dem Gefängnis mitteilen.Auf Seiten der OpferWie kommt ein Menschenrechts-Aktivist ans Mandat für einen Drahtzieher der blutigen Balkan-Kriege? Harvey und seine Kanzlei geben auf diese Frage keine Antwort, schließlich läuft sie dem Ethos der Strafverteidigung zuwider. Im Interesse eines rechtsstaatlich einwandfreien Prozesses wird jeder verteidigt. Richard Harvey ist über jeden Zweifel erhaben, er lasse sich vom Haager Tribunal als Justiz-Marionette missbrauchen. Zwei Jahrzehnte lang lebte und lehrte der Menschenrechtsanwalt im New Yorker Stadtteil Harlem. Bei der jahrelangen Untersuchung des Massakers an unbewaffneten Katholiken im nordirischen Londonderry beriet er die Angehörigen eines der 14 Opfer. Der Mord an einem engagierten Anwalt der katholischen Terrortruppe IRA, Todesschüsse der Londoner Polizei auf einen unschuldigen Schwarzen, Terror-Anklagen gegen britische Muslime - stets ging es in Harveys Fällen um staatliche oder staatlich geduldete Willkür gegen einzelne Bürger. Insofern ist die Verteidigung eines blutigen Willkür-Herrschers für den erfahrenen Mann eine Premiere.
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