LONDON. Schweinefleisch kommt nicht auf den Tisch. So viel steht als erstes Ergebnis des Londoner Gipfeltreffens von zwanzig Staats- und Regierungschefs bereits fest. Der vom britischen Premierminister Gordon Brown zum Küchenchef der Krisentagung ernannte Jamie Oliver will Rücksicht auf die kulinarischen Gepflogenheiten der muslimischen Gäste nehmen. Oliver, ein Fernsehkoch und begnadeter Selbstvermarkter, hat vor Kurzem ein Rezeptbuch veröffentlicht, das die Briten wie in Nachkriegszeiten an die Vorzüge des eigenen Herdes erinnern soll. Diese Idee hat Gordon Brown offenkundig gefallen. Und so hat Jamie Oliver Wochen damit zugebracht, sich die Zutaten für sein sechsgängiges Dinner von Botschaften und Delegationen aus zwanzig Ländern absegnen zu lassen.Dass zu viele Köche die beste Bouillabaisse verderben können, ist eine Erfahrung, die auch der britische Premierminister hat machen müssen. Browns ursprünglicher Menüvorschlag zu einer Neuordnung der Finanzmärkte und einem globalen Konjunkturpaket wurde von den G20-Teilnehmern im Vorfeld der Tagung geradezu zerpflückt. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy machte klar, dass er stärkere Regulierungen der Finanzmärkte durchsetzen will, als Großbritannien oder die USA es für nötig halten. Für den Fall, dass seine Pläne kein Gehör finden, wolle er aufstehen und gehen, berichtete die Zeitung Le Figaro.In anderer RolleSpaniens Finanzminister Pedro Solbes lehnt weitere Staatsausgaben ab. Kanzlerin Angela Merkel, die sich auf der Insel den Ruf einer störrischen Widersacherin Brownscher Wirtschaftspolitik erworben hat, will die Wirkung der ersten Notmaßnahmen abwarten. Über Milliardenhilfen zu entscheiden, sei keine Gipfel-, sondern Parlamentssache, beschied sie bei ihrem letzten Besuch in der Downing Street Number Ten einem tapfer lächelnden Gordon Brown. Und Australiens Ministerpräsident Kevin Rudd spekulierte bereits über die Notwendigkeit eines Nachfolgegipfels. In Teilen der britischen Presse las sich das so, als habe er Brown damit das Treffen schon verdorben, bevor es überhaupt begonnen hat.Ohnehin wird der britische Premier bei der von ihm angeregten und mit ungeheurem Aufwand vorbereiteten Weltkrisenkonferenz eine andere Rolle spielen müssen, als er ursprünglich geplant hat. Im Herbst noch hatte er sich einige Zeit lang als Vordenker der Welt gefühlt. Sein Rekapitalisierungsplan für die maroden Banken wurde überall kopiert. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann pries ihn als Helden der Stunde. Eine Neuordnung der Finanzmärkte wie nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Brown, von ihm mitgestaltet.Inzwischen hat ihm der neue US-Präsident Barack Obama das Zepter wieder aus der Hand genommen. "Die Vereinigten Staaten sind bereit zu führen", erklärte Obama wie selbstverständlich in einem Artikel für die Times: "Wir rufen unsere Partner auf, uns zu folgen."Für Gordon Brown bleibt damit nur noch die Aufgabe, den perfekten Gastgeber zu spielen und zu hoffen, dass von dem Goldstaub, der die neue vermeintliche Lichtgestalt der Weltpolitik umgibt, ein wenig auf ihn abfällt. Denn den außenpolitischen Erfolg des G20-Gipfels braucht er mittlerweile vor allem zur Imagepflege im eigenen Land. Auch deshalb hat er einige seiner Positionen längst zugunsten eines Kompromisses mit allen zwanzig Kollegen aufgegeben.In jüngsten Meinungsumfragen in Großbritannien liegt Gordon Brown dreizehn Prozent hinter der konservativen Oppositionspartei zurück. Der kleine Vorsprung, den er sich im Herbst erarbeitet hatte, ist wieder verloren. Wie im September wird Harriet Harman, die stellvertretende Chefin der Labour-Partei, von einigen Medien wieder als mögliche Nachfolgerin Browns nach den Parlamentswahlen im Jahr 2010 genannt. Ambitionen dieser Art verneint die Ministerin für Gleichstellungsfragen selbstverständlich. Wie ernst die Opposition bereits genommen wird, zeigt sich in dem Umstand, dass sich Barack Obama am Mittwoch auch mit dem Chef der britischen Konservativen, David Cameron, trifft. Brown, der sich als engster internationaler Vertrauter des US-Präsidenten sieht, hätte sich derartige Bilder vermutlich gern erspart.Pornos auf StaatskostenIn Bedrängnis bringen ihn zunehmend auch die Dummheiten seiner Kabinettsmitglieder. Jacqui Smith, die Innenministerin, hat sich diese Woche bereit erklärt, zehn Pfund an den Staat zurückzuzahlen. Für "Erwachsenenfilme", wie einer Rechnung zu entnehmen ist. Hinter diesem Begriff verbergen sich üblicherweise Pornostreifen, die Smiths Ehemann, wie nun herauskam, bei einem Bezahlsender schaute. Die Ministerin wollte die Kosten als Dienstausgaben abrechnen.Dass Jacqui Smith am fraglichen Abend im vergangenen Jahr gar nicht zu Hause war, dass sie sich für ihr Versehen entschuldigte, hat den Schaden nicht behoben. Die Ministerin, die für die Sicherheit von zwanzig Staats- und Regierungschefs samt ihrer Entourage verantwortlich ist, muss jetzt erst mal mit dem Spott fertig werden. Überdies steht sie, wie manch anderer Parlamentskollege, seit einiger Zeit wegen der Abrechnungspraxis für Erst- und Zweitwohnsitze in der Kritik. Der Premierminister hat diese Woche deshalb die Ethikkommission des Unterhauses drängen müssen, mit einer geplanten Überarbeitung der Statuten so früh wie möglich zu beginnen.Insofern ist es kaum verwunderlich, dass Brown der heimischen Misere vorige Woche den Rücken kehrte, um sein Profil als Staatsmann außerhalb des Landes zu stärken. Seine kleine Welttournee führte ihn zunächst nach Straßburg zum Europaparlament, das nicht allzu oft in den Genuss einer Rede des britischen Premierministers kommt, dann nach Südamerika, wo die Abstimmung für den G20-Gipfel vorangetrieben wurde.Momentan sieht es so aus, als müsse Brown sich um das Essen die wenigsten Sorgen machen. Dass bei Jamie Oliver nichts anbrennt, weiß jeder, der schon mal in seinem Londoner Restaurant Fifteen gegessen hat. Und für alle Fälle hat Amerikas Präsident Barack Obama in seiner 500-köpfigen Entourage ohnehin einen eigenen Koch dabei.------------------------------Foto: Gordon Brown: in den Umfragen gefallen, von den internationalen Partnern versetzt.
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