Der Choreograf Johann Kresnik wird am Sonntag sechzig Jahre alt

Tanztheater der ersten Stunde

Michaela Schlagenwerth
3 Min

Johann Kresnik ist einer, der die Ärmel hoch krempelt, auf den Tisch haut und sagt, wie es ist. In seinen Stücken und auf jeder Podiumsdiskussion. Auch wenn er etwas milder und vielleicht sogar ein wenig fragezeichenhafter geworden ist in den letzten Jahren. Seit er 1994 vom Bremer Schauspiel an die Berliner Volksbühne kam ein Wechsel, den er sich dringlichst wünschte war es nicht gerade leicht für ihn und sein "Choreografisches Theater". 1993 war er noch mit seinem Stück "Wendewut" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, die vierte Einladung innerhalb von fünf Jahren, eine Serie sozusagen, die 1988 mit "Macbeth" angefangen hatte und über "Ulrike Meinhof" und "Frida Kahlo" bis zu seinem Stück über die Nöte der Bürger der untergegangenen DDR anhielt. "Mitläufertum ist ein Menschenrecht", sagte Kresnik damals, den die selbstgefällige Arroganz der Westler furchtbar in Rage brachte.Wut, der Zorn auf jedwede Art von Ungerechtigkeit ist der nicht zu stoppende Motor des Kresnik schen Schaffens seit er 1967 seine choreografische Arbeit begann, mit "O sola pei" und ein Jahr später mit "Paradies?", seinem Kommentar zum Attentat auf Rudi Dutschke, in dem er "Bild"-Zeitungen vom Bühnen-Himmel hinunter regnen und Tänzer in Polizei-Uniformen auf die demonstrierende Jugend einknüppeln ließ ohne jede Ballett-Attitüde, ohne dass es schön anzusehen war, wie Kresnik sagt.Er war drei Jahre alt als sein Vater in seinem Beisein von slowenischen Partisanen ermordet wurde. Einer schoss, sagt Kresnik, und ein anderer hat ihm ein Bajonett ins Schlüsselbein gestoßen. Aus Rache verhaftete die Wehrmacht zehn Bauern aus den umliegenden Höfen, neun von ihnen starben im KZ. Jahrelang prozessierte die Mutter um klar zu stellen, dass ihr Mann kein hohes Tier bei den Nazis, sondern nur einfacher Soldat gewesen ist. In diesem Klima von Schuld wuchs Kresnik in den Kärntner Bergen auf. Aber wirklich schwer, sagt er, sei es erst später in der Stadt geworden, als er als einziges Kind kein richtiges deutsch sprechen konnte, nur slowenisch, und sich prügeln musste, um sich zu behaupten.Mit siebzehn Jahren ist er der kommunistischen Partei beigetreten, mit sechzehn saß er erstmals im Theater. Ein einschneidendes Erlebnis. Kresnik hat seine Werkzeugschlosser-Lehre noch beendet, aber bereits ein Jahr später war er Gruppentänzer in Graz, weitere zwei Jahre später, 1961, wurde er Mitglied von Aurel Miloss Kölner Ballettcompagnie, 1964 wurde er Solist mit Gasttänzervertrag für George Balanchines weltberühmter New-Yorker Compagnie. Eine Märchenkarriere, Traum jedes von Kindesbeinen an trainierten Tänzers Kresnik hat sie binnen fünf Jahre absolviert. Aber ihm war diese heile Ballettwelt zu wenig. Noch vor Pina Bausch wurde er zum Tanztheatermacher der ersten Stunde.Das öffentliche Bewusstsein dafür, dass er wie kein anderer die deutsche Tanzlandschaft politisierte und sie nicht nach, sondern neben Pina Bausch maßgeblich bestimmte, ist in den letzten Jahren fast ein wenig verblasst, vielleicht gerade weil sich Kresnik in seiner mittlerweile dreißig Jahre währenden Choreografenkarriere auf beeindruckend geradlinige Weise treu geblieben ist. Nur die Zeiten haben sich geändert. Seine Stücke über gut und böse, über Leni Riefenstahl, Ernst Jünger und Gustaf Gründgens auf der einen und Figuren wie Rosa Luxemburg oder Goya auf der anderen Seite kommen bei Publikum und Kritik nicht mehr so direkt an. Kann sein, dass seine Thesen bald schon ihre Wirkmächtigkeit zurückgewinnen. Am Sonntag wird Kresnik sechzig Jahre alt.

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