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Der Publizist und Aktivist Reimar Gilsenbach wurde vor einhundert Jahren, am 16. September 1925, am Niederrhein geboren. Er wuchs in einer anarchistischen Siedlung auf und erlebte den Krieg als Soldat an der Ostfront, den er wohl nur durch Desertion überlebte. Politisch unangepasst, musste er in der Sowjetunion diese Zeit aber im Gefängnis verbringen. Nach 1945 arbeitete Gilsenbach zunächst als Chefredakteur der DDR-Kulturbund-Zeitschrift „Natur und Heimat“ in Berlin, wurde jedoch 1961 wegen politischer Eigenständigkeit abgesetzt. Er entschied sich für ein freies Schriftstellerleben und zog 1975 nach Brodowin am brandenburgischen Plagefenn.
Wenig später, im Sommer 1976, kurz vor seiner Ausbürgerung, berichtete ihm sein Freund Wolf Biermann von seiner möglichen Verhaftung wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze“. Gilsenbach bot ihm daraufhin an, dessen seit 1954 geführte Tagebücher auf seinem Grundstück in Brodowin zu verstecken – die 50 Bände blieben unentdeckt. Wenige Monate später, im November 1976, stand Gilsenbach dann selbst unter Druck: In einer Entschließung der Parteiorganisation der Berliner Schriftsteller wurde er namentlich zusammen mit anderen kritischen Autoren genannt, weil sie das Vorgehen der SED gegen Biermann nicht mittragen wollten.
Kurz vor dessen Ausbürgerung half Reimar Gilsenbach seinem Freund Wolf Biermann beim Verstecken seiner Tagebücher.
© Dziedzic/imago
Reimar Gilsenbach widmete sich bereits zuvor – vor den meisten anderen und lange vor den Wasserproblemen um Tesla/Grünheide – intensiv den Fragen des Wasserschutzes und machte dieses Thema zu einem Schwerpunkt seiner publizistischen und künstlerischen Arbeit. Bereits Anfang der 1960er-Jahre kritisierte er die zunehmende Verschmutzung von Talsperren in der DDR, verglich die Zustände mit westdeutschen Beispielen und wies auf die wachsende Bedeutung von Investitionen in die Wasserwirtschaft hin.
In zahlreichen Artikeln und Reportagen thematisierte er Wassermangel, die Rolle von Wasser als lebenswichtiges Produktionsmittel sowie die Bedrohung einzigartiger Kulturlandschaften wie des Spreewaldes. Dabei verband er wissenschaftliche Erkenntnisse mit literarischen Mitteln und setzte sich für ein Bewusstsein ein, dass Wasser nicht nur Ressource, sondern auch Grundlage für Kultur, Landschaft und menschliches Leben sei. Mit Vorträgen wie seinem „Plädoyer für Flüsse und Seen“ machte er den Schutz der Gewässer zu einem öffentlichen Anliegen und trug dazu bei, Umweltfragen in der DDR stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken.
Ein Freiraum für die klugen Köpfe der DDR
Reimar Gilsenbach und seine Frau Hannelore engagierten sich aber auch regional und lokal in Brandenburg und Eberswalde über Jahrzehnte hinweg als kritische Publizisten, Naturschützer und DDR-Regimekritiker. So rief Gilsenbach 1981 in seinem Haus in Brodowin die „Brodowiner Gespräche“ ins Leben, bei denen er als Initiator, Gastgeber und geistiger Motor wirkte.
Ziel war es, Schriftsteller, Wissenschaftler, Landwirte und Umweltschützer zusammenzubringen, um Fragen des Natur- und Umweltschutzes, aber auch ethische und gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren, die in der kontrollierten DDR-Öffentlichkeit keinen Platz fanden. Gilsenbach schuf damit einen Freiraum, in dem Missstände wie Umweltzerstörung, gesellschaftliche Verantwortung oder politische Enge kritisch benannt werden konnten. Zeitzeugen wie Michael Succow erinnern sich daran, dass diese Treffen eine Bewegung kluger Köpfe formten, die das System DDR nicht nur ökologisch reformieren wollten.
Die Talsperre Bad Gottleuba. Gilsenbach setzte sich für den Wasserschutz und gegen die Verschmutzung von Talsperren ein.
© Ulrich Hässler/imago
Durch Gilsenbachs unermüdliches Engagement gewann Brodowin eine besondere Symbolkraft als Ort, an dem ökologische Anliegen mit gesellschaftlicher Erneuerung verknüpft wurden. Nach 1989 blieben die Gespräche bestehen und entwickelten sich zu einem Forum, das Gilsenbachs Impulse über die DDR-Zeit hinaus weitertrug.
Aber nicht nur in großen Zusammenhängen, auch im Privaten war sein Umweltengagement ansteckend. Mit meiner Frau und unserem Sohn Albrecht besuchte ich Gilsenbach im Sommer 1986 zu einer Wanderung ins nahe Plagefenn, seit 1907 Pioniermodell für Naturschutz in Deutschland. Wir wurden bei ihm am Häuschen begrüßt, mit einem Glas erfrischender Milch aus der damals gebräuchlichen Dreieck-Papptüte vom VEB Milchhof Berlin. Mit von der Partie war auch Alfred Breitschmidt von der Universität Bern. Gilsenbach zeigte uns zum ersten Mal in unserem Leben den sehr seltenen Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze, die er mit gefangenen Insekten ernährte.
Das Ökodorf Brodowin, in dem Gilsenbach mit seiner Frau lebte
© F. Anthea Schaap/imago
Engagement für Sinti und Roma in der DDR
Reimar Gilsenbach engagierte sich in gleicher Weise seit den 1960er-Jahren intensiv für die Aufarbeitung der Geschichte und Gegenwart von Sinti und Roma in Deutschland. Er hielt in Berlin zahlreiche Vorträge, u. a. unter dem Titel „Zigeuner – Legende und Wirklichkeit“ und konfrontierte die Öffentlichkeit mit Vorurteilen und Diskriminierungen.
Sinti-Familien in Berlin (Ost) lernten, ihm zu vertrauen und erfuhren durch ihn konkrete Unterstützung, insbesondere wenn es um verweigerte staatliche Anerkennung als Verfolgte des NS-Regimes oder die staatliche Anerkennung beruflicher Fähigkeiten, z. B. als Musiker, ging. Er scheute in Gesprächen mit den Regierenden auch hier keinen Konflikt. Besonders setzte er sich für ein würdiges Gedenken an die Opfer des ersten „Zigeunerlagers“ der Nationalsozialisten in Berlin-Marzahn ein, in dem Sinti und Roma ab 1936 interniert wurden. Die meisten von ihnen ermordeten die Nazis später im KZ Auschwitz.
„Regelung der Zigeunerfrage“: Wieso ist der Genozid an Sinti und Roma fast vergessen?
Mit Veröffentlichungen – u. a. 1986 in seiner Studie „Hitlers erstes Lager für Fremdrassige. Ein vergessenes Kapitel der Naziverbrechen“ – machte er die Geschichte des Lagers bekannt und drängte energisch auf ein Erinnerungszeichen. Gemeinsam mit Überlebenden und Verbänden wie der Berliner Sinti-Union, der evangelischen Kirchgemeinde Marzahn Nord und anderen Initiativen setzte er sich für einen Gedenkstein ein, der im September durch die Stadt 1986 schließlich errichtet wurde.
Über die erste Aufschrift, später ergänzt, konnte sich Gilsenbach in der ihm eigenen Art nur lustig machen. Weil die Opfer auf dem Stein nur zuletzt genannt, sie in das Errichten und Aufstellen des Steins aber nicht einbezogen wurden, schlug er als Inschrift vor: „Vergebt den Sinti eure Schuld. Den Berliner Sinti, die im ‚Zigeunerlager Marzahn‘ litten (Mai 1936-Mai 1945)“. Das wurde natürlich abgelehnt.
In unserer Dorfkirche in Neuenhagen hielt Reimar Gilsenbach am 2. Juni 1985 einen Lichtbildervortrag zum Thema „Sinti“, begleitet von „Sinti-Swing-Berlin“. In seinen Vorbemerkungen kündigte er vorsorglich an, dass die Vertreter der Kirchen in ihrem Verhältnis zu den Sinti („Zigeuner“) über Jahrhunderte bis in die Gegenwart nicht gut wegkommen würden. Und für Kritik an der Kirche sei eine Kirche der geeignete Ort. Bei einigen kirchlichen Teilnehmenden bemerkte ich gewisses Unbehagen über eine solche Ankündigung. Aber ebenso, so betonte er, würde er seine kritischen Bemerkungen über schwierige Situationen der Sinti in der sozialistischen Gesellschaft, wenn er mit so einem Thema vor Genossen spräche, auch nicht verschweigen.
Ökodorf Brodowin: Brandenburger Biotraum
„Sinti in der DDR“: Wie zwei Sinteza Wolf Biermann versteckten
Gilsenbach kritisierte auch später die Mitschuld der Kirchen an der jahrhundertelangen Diskriminierung und dokumentierte dies in einer sechsteiligen Artikelserie 1989/90 in der Neuen Zeit. Mit seinem Buch „Oh Django, sing deinen Zorn – Sinti und Roma unter den Deutschen“ aus dem Jahr 1993 schrieb er ein Standardwerk, das historische Verfolgung und aktuelle Vorurteile schlüssig zusammenführte. Darin griff er auch alltägliche Sprachdiskriminierungen auf, etwa am Beispiel des „Zigeunersteaks“. Gemeinsam mit Otto Rosenberg veröffentlichte er 2001 Texte über die im KZ ermordeten Komparsen aus Leni Riefenstahls Film „Tiefland“.
Gilsenbach organisierte zudem Gedenkveranstaltungen, etwa am genannten Sinti-Stein in Berlin-Marzahn. Die ersten Gedenkveranstaltungen wurden vom Ökumenischen Zentrum Marzahn unter Pfarrer Bruno Schottstädt und Pfarrer Gottfried Buntrock initiiert. Nach Schottstädts Tod führte Buntrock die Veranstaltungen bis in die 1990er-Jahre fort. Später übernahm der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V. unter der Leitung von Petra Rosenberg die Organisation. Durch seine Arbeit knüpfte Gilsenbach Kontakte zu Bürgerrechtsorganisationen wie dem Landesverband der Sinti und Roma Berlin-Brandenburg.
Der Gedenkstein zur Erinnerung an die ermordeten Sinti in Marzahn, hier im Jahr 1998
© Günter Schneider/imago
Immer in Bewegung
So bleibt er als oft ruheloser Aktivist in Erinnerung. Ich tauschte mit Gilsenbach gelegentlich selbstentwickelte Fotos zum Thema Sinti aus – einmal sogar am Straßenrand nahe Chorin, als ich dort im Sommer 1987 beruflich tätig war. Gilsenbach hatte es wieder sehr eilig auf dem Weg nach Berlin. Am kleinen Abzweig von der damaligen Fernstraße 2 ins Dorf Chorin hielt er sein Auto verabredungsgemäß am Straßenrand. Nach kurzem Gespräch reichten wir einander die Fototüten, und schon setzte er seine Fahrt fort.
Veranstaltungshinweis
Nach der Friedlichen Revolution entwickelte sich Brodowin zu einem Modellort für ökologische Landwirtschaft. Bereits im Sommer 1991 gründeten Gilsenbach, der Bürgermeister, Pfarrer Rau, die Familie Upmeier und weitere Genossenschaftler eine neue Landwirtschafts-GmbH & Co. KG, in der nicht nur das Kapital, sondern die Stimme jedes Mitglieds zählte. So entstand mit Unterstützung von Wissenschaftlern und Ökobauern aus den alten Bundesländern ein landwirtschaftlicher Betrieb, der ganz auf Bio setzte und heute in jedem wohlsortierten Super- oder Biomarkt in Berlin zu finden ist. Am Rande des Dorfes hatten Reimar Gilsenbach und seine Frau Hannelore Kurth schon zuvor ein kleines „Öko-Paradies“ geschaffen.
Mit Vorträgen und rund 600 Publikationen prägte Reimar Gilsenbach die Umwelt- und Friedensbewegung der DDR in Berlin und Brandenburg. Zugleich setzte er sich literarisch für Sinti und Roma sowie für Kinder, für den Zirkus und vieles mehr ein. Für dieses vielfältige Werk erhielt er bedeutende Ehrungen, darunter den Erwin-Strittmatter-Preis Brandenburgs (1994) und die Hugo-Conwentz-Medaille (2000). Ein Jahr später, am 22. November 2001, verstarb er in Eberswalde.
In Zeiten, in denen stärker denn je Mitverantwortung und Mitbeteiligung vieler an der humanen Gestaltung unseres Gemeinwesens notwendig erscheinen, lohnt es sich unbedingt, an diesen Mann zu erinnern.
Peter Leu, geboren 1947 in Berlin, arbeitete als evangelischer Pfarrer in der Berlin-Brandenburgischen Kirche. Anfang der 1980er-Jahre war er unter anderem in der Uckermark tätig, wo er Reimar Gilsenbach kennenlernte. Ab 1984 arbeitete Leu als Gemeindepfarrer in Neuenhagen bei Berlin, seit 2012 ist er Rentner.
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