BOSTON, 3. November. Es ist die perfekt falsche Kulisse. Die Sonne steht an einem blauen Neuenglandhimmel über den backsteinbraunen Häusern der Bostoner Altstadt. Tausende warten vor Faneuil Hall, dem traditionsreichen Versammlungshaus aus dem achtzehnten Jahrhundert. Es ist ein Ort, an dem man Siege verkünden möchte. John Kerry hat ihn ausgesucht, um seine Niederlage einzugestehen. Er hat aufgegeben an diesem Mittwochmittag.Menschen, die seit dreißig Jahren mit ihm Wahlkämpfe geführt haben, seine Familie, Freunde, werden über einen Nebeneingang in die Faneuil Hall geschleust; seine Schwester Diana kommt auf Krücken. Ihnen allen ist klar, dass John Kerry an diesem Tag in Boston Abschied nimmt von einem Lebenstraum - amerikanischer Präsident zu werden. Hier werden Ambitionen beerdigt und die Wünsche derer, die einen neuen Präsidenten für dieses Land wollten.In Faneuil Hall hängen Bilder von John F. Kennedy. Und John Kerry weiß, dass Ted Kennedy, der jüngere Bruder des legendären Präsidenten, hier sein wird, wenn er als Verlierer Abschied nimmt. Kerry wird seinem Vorbild nicht folgen. Er wird das Weiße Haus George W. Bush überlassen müssen. Kerry hat dem Präsidenten am Morgen in einem kurzen Telefongespräch zum Wahlsieg gratuliert. Draußen vor Faneuil Hall stehen Leute, die das immer noch nicht glauben wollen, die Kerry weiterhin unterstützen - mit Transparenten, mit Sprechchören -, die sich von ihm im Stich gelassen fühlen. Je nachdem, wie man es sehen will. Drinnen gibt es Beifall. John Kerry kommt Hand in Hand mit seiner Frau Teresa Heinz. Er geht mit John Edwards auf die Bühne, lässt zunächst seinen Vizepräsidentschaftskandidaten sprechen. Edwards sagt: "John Kerry ist ein großer Amerikaner", dann hält er eine Rede, die ein Regierungsprogramm sein könnte. Für John Kerry.Der versucht, zu lächeln, schafft es kaum, dann fängt er sich und reckt den Daumen hoch. "Ich hatte ein gutes Gespräch mit George Bush. Wir sprachen über die Gefahr der Spaltung dieses Landes. Heute, glaube ich, können wir mit dessen Heilung beginnen." Dann sagt er, dass diese Wahl nicht mit juristischen Mitteln entschieden werden sollte. Und dass die noch nicht ausgezählten Stimmen aus Ohio wohl nicht gereicht hätten für einen Sieg. Kurz bricht ihm die Stimme.Viele haben Kerry vorgeworfen, er sei eitel. Aber jetzt trauert er nicht um sich. Er redet einfach wie ein Präsident, der er hätte sein können, den viele gewollt hätten. In Amerika und in Europa. Kerry sagt kurz: "Amerika braucht eine neue Einigkeit, und ich hoffe, dass George W. Bush dies befördern wird." Der Verlierer vergibt einen Auftrag. Dann sagt er "God bless America". Und überlässt das Land dem Präsidenten, den die andere Hälfte der Amerikaner wollte.John Kerry wird genau gewusst haben, wieso er zwölf Stunden zuvor, in der Nacht dieser so außergewöhnlichen Wahl, zunächst John Edwards am Bostoner Copley Square vorgeschickt hat. Edwards sollte die Sache noch offen halten, Kerry würde der Niederlage einen Sinn geben, wenn es denn gar nicht anders geht. Er würde Bush in die Pflicht nehmen, endlich das einzulösen, was er schon bei der Wahl vor vier Jahren versprochen hatte - sich auch für die Amerikaner einzusetzen, die ihn, den Republikaner Bush, nicht gewählt haben. Vielleicht hat Edwards auch deshalb den Druck in der Wahlnacht noch einmal erhöht.Zumindest wollten die Demokraten dieses Mal nicht so schnell und folgenlos aufgeben, wie sie es vor vier Jahren getan hatten. Edwards spricht kurz und entschlossen, als er um halb drei Uhr am frühen Morgen auf der Bühne vor der Bostoner Bibliothek steht. "Wir haben vier Jahre auf den Sieg gewartet, wir können auch noch eine weitere Nacht warten", sagt Edwards da noch. "Wir werden um jede Stimme kämpfen." Zum ersten Mal in dieser Nacht jubeln die Menschen auf dem Bostoner Copley Square ein wenig mehr als pflichtgemäß. Sie haben noch Hoffung. Eine diffuse zumindest. Dann gehen sie nach Hause, der Platz lehrt sich schnell in dieser Nacht. Absperrgitter werden abgebaut, der Regen hat nachgelassen. Heute gibt es kein Ergebnis mehr. Edwards geht zurück über die Straße ins Westin-Hotel.In dieser Nacht in Boston werden sie nicht schlafen, Kerry und Edwards nicht, ihr alter Vertrauter Ted Kennedy nicht, und wohl niemand, der in der Wahlkampfkampagne der Demokraten noch etwas zu sagen hat. Denn Mary Beth Cahill, Kerrys Wahlkampfchefin, will noch weitermachen. Sie debattieren darüber, ob Kerry wirklich um hunderttausend Stimmen streiten soll, ob er die kleinste Chance auf einen Sieg wahren soll. Sie haben es dem amerikanischen Fernsehsender CNN zu verdanken, dass sie überhaupt noch darüber reden können. Denn um ein Uhr morgens hat in Boston zunächst niemand mehr daran geglaubt, dass John Kerry noch eine Chance hat, und sei es nur eine theoretische. Um ein Uhr morgens haben zwei andere Sender den Bundesstaat Ohio schon George W. Bush zugeschlagen und damit indirekt einen Sieg des Präsidenten erklärt in dieser wichtigsten Präsidentschaftswahl seit Jahrzehnten. Ohio wird in diesem Moment auf der politischen Landkarte rot eingefärbt, rot für die Republikaner. So leuchtet es auf den Videoleinwänden am Copley Square. Das war's. Die ersten Demokraten verlassen da schon den Platz, sie tragen ihre Kerry/Edwards-Transparente unter dem Arm. "Wir sind für Jahre verloren", sagt einer von ihnen.Doch dann kommt CNN ins Spiel. Die Journalisten des Senders haben - anders als ihre Kollegen - Angst, sich zu früh auf einen Gewinner festzulegen. Sie wollen die Fehler des Jahres 2 000 nicht wiederholen. Also greift CNN zu einem Trick. Ohio wird nicht rot oder blau eingefärbt, sondern grün. Unentschieden bislang. Das ist etwas Neues, ein grüner Staat, der jetzt auf den Leinwänden aufleuchtet. Einige von Kerrys Anhänger kehren um, kommen wieder vor die Bühne am Copley Square.Schließlich sorgt John Edwards mit seiner kleinen Rede für ein Ende dieser langen Nacht vor der Bostoner Bibliothek. Es ist das Ende einer Nacht, deren Stimmung von Anfang an nicht zu den letzten Tagen dieses Wahlkampfes gepasst hat. John Kerry ist in diesen Tagen locker gewesen, kraftvoll, manchmal hat man gedacht, er spielt mit dem Präsidenten, wenn er auf Kundgebungen der Demokraten die Körpersprache George W. Bushs parodierte. Der Kandidat war in den Umfragen längst gleichgezogen mit dem Präsidenten. Er war zuversichtlich. Doch dann legt sich am frühen Dienstagabend über den Copley Square und die Anhänger der Demokraten ein hartnäckiger Nieselregen. Die Stimmung auf dem Platz im Zentrum von Boston ist seltsam gedrückt, und die Künstler, die auftreten, drücken sie weiter. Die Sängerin Charly Simon singt noch ältere Lieder als sonst, der Sänger James Taylor singt noch langsamer als sonst. Alles wirkt ein bisschen klein für dieses großen Tag. Sheryl Crow, für deren Konzerte manche Leute hier viel Geld ausgeben würden, hört kaum einer wirklich aufmerksam zu, weil nun immer mehr Ergebnisse bekannt werden, die weder Kerry noch sein Publikum freuen können. Da fällt es dann kaum noch auf, dass die Demokraten vergessen haben, Champagner zu bestellen für eine Feier im nahe gelegenen Copley Plaza Hotel.Es ist ein seltsamer Kontrast zwischen dem Wunsch der Veranstalter, unnachgiebig ein Unterhaltungsprogramm zu bieten und dem Wunsch der Leute auf dem Platz, Genaueres über die möglicherweise wichtigste Wahl ihres Lebens zu erfahren. Erst der Sänger Jon Bon Jovi begreift, was schief läuft. Er merkt, dass das Publikum Politik will. Also unterbricht er sein Konzert und spricht über sein Land. "Amerika war niemals so gespalten, und ich möchte euch unabhängig von allen Wahlergebnissen daran erinnern, dass wir alle Amerikaner sind", sagt Bon Jovi. Vielleicht ist das ein wenig zu pathetisch. Aber Bon Jovi spricht weiter: "Wir müssen mit einer Versöhnung beginnen. Ich bete für euch." Ausgerechnet der Rockstar Jon Bon Jovi hat es in dieser Nacht doch noch geschafft, der Wahl ihr Thema zurückzugeben. Denn mit dem Wunsch nach Einigkeit unter den Amerikanern war John Kerry ja angetreten. Und mit diesem Wunsch tritt er ab. Erfüllen muss ihn George W. Bush.------------------------------"Amerika braucht eine neue Einigkeit, und ich hoffe, dass George W. Bush dies befördern wird." John Kerry------------------------------Foto: "Bei amerikanischen Wahlen gibt es keinen Verlierer. Am nächsten Morgen wachen wir alle als Amerikaner auf" - John Kerry verabschiedete sich in Boston.
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