So deutlich wie noch nie zuvor hat der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry der Bush-Regierung Versagen und Inkompetenz vorgeworfen. Für den Angriff auf Irak, habe es keinen Grund gegeben, da das irakische Regime weder Massenvernichtungswaffen besaß noch eine Verbindung zu Osama-Bin-Ladens Terrornetzwerk El-Kaida bestand. Erstmals erklärte Kerry, dass der Sturz Saddam Husseins und das darauf folgende Chaos in Irak die Sicherheit der USA mehr gefährdet, als wenn Washington den Diktator an der Macht gelassen hätte. Kerry erinnerte auch an Vietnam und daran, dass es schon damals Leute gab, die die Realität nicht wahrhaben wollten. Wie damals, so die deutliche Message Kerrys an die amerikanischen Wähler, wolle er heute Widerspruch einlegen. Neben seiner harschen Kritik gab Kerry auch einen Ausblick auf eine Exit-Strategie. Wenn er ins Weiße Haus gewählt werden würde, würde er alles daran setzen, amerikanische Soldaten so schnell wie möglich nach Hause zu bringen und die Verantwortung für Irak mehr und mehr der internationalen Gemeinschaft und vor allem der Nato übertragen. Obwohl Kerry in seiner Ansprache nicht den geringsten Hinweis lieferte, wie er gedenkt, aus der verfahrenen Situation in Falludscha heraus zukommen und das Land so sicher machen will, dass die Iraker wählen können, versprach er einen amerikanischen Rückzug und einen größeren Einsatz der Alliierten. Auch wenn die Demokraten, und allen voran der ehemalige Chef des Weißen Hauses Leon Panetta, der jüngst Kerry dazu aufrief: "Liefer eine Message, ganz gleich welche", auch jubeln mögen, so ist es mehr als unklar, ob Kerry diese Rede hilft oder schadet. Abgesehen von dem scharfen Ton und den deutlichen Worten unterstützt Kerrys Rede alle Vorurteile, die die Bush-Wahlkampfmaschinerie gegen ihn ins Feld führt: Kerry wechsele seine Meinung immer wieder, er sei so stabil wie eine Fahne im Wind. Vor mehr als anderthalb jahren hat Kerry mit der Mehrheit seiner Senatskollegen für den Krieg in Irak gestimmt. Damals hatte die Mehrheit der US-Bürger den Analysen der Geheimdienste und den Worten von Präsident Bush geglaubt, und war der Meinung, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen. Deshalb, so sagt Kerry, habe auch er damals für den Einsatz von Gewalt gestimmt. Doch noch vor wenigen Monaten wiederholte der Demokrat, dass er auch nach dem Wissen um das Fehlen von Massenvernichtungswaffen, den Angriff auf Irak und den Sturz Saddam Husseins für richtig hält. In seiner jüngsten Rede hat er dieser Überzeugung nun grundsätzlich widersprochen.Es ist mehr als fraglich, ob die Wähler diesen Wandel als Zeichen der Stärke interpretieren werden. Immerhin glaubt bis heute eine Mehrheit der Amerikaner daran, dass Bush den Krieg gegen den Terror besser führt als sein Rivale und sie geben dem Präsidenten auch positivere Noten in der Irak-Politik als Kerry. Kerry hat nun sechs Wochen Zeit, um diese Zahlen zu ändern. Doch es ist fraglich, ob es ihm so gelingt. Wer sich mit internationaler Politk beschäftigt, weiß, dass die Alliierten nicht im Traum daran denken, Soldaten in den Irak zu schicken. Von den versprochenen Millionen Hilfe für Irak ist bislang nur wenig angekommen und das Training irakischer Sicherheitskräfte findet kaum statt. In diesem Punkt ist Kerrys neue Strategie nicht mehr als Augenwischerei.Dennoch ist es verständlich, dass der Demokrat in seiner derzeitigen eher schwierigen Lage einen Befreiungsschlag versucht. Über Monate hinweg hatte er über Bildung und Gesundheitspolitik referiert, während alle in den USA über Irak sprachen. Nun wird es spannend sein, zu sehen, ob Kerrys Wendung rechtzeitig kam und ob sie geglaubt werden wird.
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