Der Deutsche Rudi Czikl bekämpft in Zentralafrika die Flussblindheit und erblickt Korruption und Schlamperei

In der Hauptstadt der Blinden

Stefan Ehlert
7 Min

BANGUI. Schon die Anreise ist beschwerlich. Da steht man auf dem Flughafen Douala in Kamerun, der allein schon aus hygienischen Gründen geschlossen werden müsste, und wartet. Stundenlang. Dann heißt es: Kein Flug nach Bangui. Vielleicht morgen. Mit einem Tag Verspätung besteigt das Team der Christoffel-Blindenmission (CBM) die abgetakelte MD 90 der tschadischen Staatsairline Tumai Air und erreicht eine Stunde später die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Hier wollen Rudi Czikl und sein medizinischer Berater Adrian Hopkins die Arbeit ihrer Partner überprüfen. Der Trip ist keine Lustreise.Rudi Czikl stammt aus Freiberg am Neckar und ist seit fünf Jahren Regionaldirektor der Blindenmission für Zentralafrika. Der Agrarökonom betreut rund 75 Behindertenprojekte und Kliniken in elf Ländern, in die sich kein Tourist je verirren würde. Er verwaltet einen Jahresetat von 4,5 Millionen Euro. "Elf Millionen wären besser", sagt er immer. Die Not in Burundi, Kongo, Tschad und Sudan ist groß. Bis auf Kamerun gehören alle "seine" Länder zu den ärmsten der Welt. Mindestens alle vier Jahre muss er ein Projekt persönlich besucht haben, sonst muss er es schließen. Das bedeutet reisen, reisen, reisen.Mikroskop im Garten vergrabenZum Beispiel nach Bossangoa im Norden der Zentralafrikanischen Republik. Eigentlich wollten wir mit dem Auto fahren. Doch die Sicherheitslage lässt es nicht zu. Erst vor kurzem erlitt ein Mitarbeiter Czikls auf dem Weg einen Beinschuss. Für die 300 Kilometer Flug mit der Cessna Caravan der "Piloten ohne Grenzen" muss Czikl viele Hundert Dollar aus dem Gürtel holen. Hopkins, hat dort sieben Jahre lang gelebt und eine Augenklinik aufgebaut. Sie wurde 2002 geplündert und zerstört, erst von tschadischen Söldnern, dann von kongolesischen, dann von einheimischen Banditen. Hopkins OP-Assistent Gaspard Mukofei konnte ein Mikroskop und OP-Besteck in seinem Garten vergraben, bevor er sich mit seiner Familie für viele Wochen im Busch versteckte.Hopkins, der zuvor 17 Jahre lang im Kongo tätig war und 2005 den Preis der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft erhielt, zeigt uns seine zerschossenen Wohnhäuser und die Ruine des Rehabilitationszentrums. Nichts wurde wieder aufgebaut. Zehntausende Einwohner der Stadt sind verschwunden, tot oder geflüchtet. Die Armut in den umliegenden Dörfern ist mit Händen zu greifen. Da auch die Baumwollfabrik verwüstet wurde, können die Bauern ihre wichtigste Ertragsfrucht, die Baumwolle, nicht mehr verkaufen.Die Kinder leiden. Zum Beispiel die vierjährige Abigaelle Nambeti. Sie hat einen Klumpfuß. Operation und Nachsorge würden keine 100 Euro kosten, die haben ihre Eltern nicht. Czikl weist seine örtlichen Mitarbeiter an, die Summe einem Sonderfonds zu entnehmen. Auch Wasserköpfe oder schwere Fälle von Epilepsie und spastischen Lähmungen sind verbreitet. Doch oft sperren die Eltern die betroffenen Kinder nur weg, weil sie fürchten, unter einem Fluch zu leben und dass die Nachbarn schlecht über sie reden könnten. Blindheit galt immer als ansteckender Fluch. Allenfalls suchen die isolierten Kranken Hilfe beim örtlichen Wunderheiler. Nur wenn er versagt, kommen sie in die Klinik, oft ist es dann zu spät für eine Behandlung.Czikl und Hopkins haben die Probleme ihrer Augenklinik in Bossangoa rasch erfasst. Der Blick in die handschriftlich geführte Registratur belegt: Es kommen kaum mehr Patienten. Statt der wöchentlich 500 bis 700 Kranken erreichen nur noch rund 100 die Missionsklinik. Der Weg durch die Buschsavanne ist zu gefährlich geworden. Kürzlich wurde der Bürgermeister Bossangoas erschossen. Ein Flugzeug der örtlichen Gendarmerie stürzt während unseres Besuchs unter dubiosen Umständen ab. Der Norden ist Bürgerkriegsgebiet.Ein mutiger alter Mann sitzt vor der Tür, er leidet am Grauen Star, ist blind. 55 Kilometer ist Pierre Namsemne auf seinen Stock gestützt zur CBM-Klinik gelaufen. Er will operiert werden. Nach der Katarakt-Operation wird er bald wieder sehen können. Aber viele Leidensgenossen werden blind bleiben, sie wagen sich nicht auf den Weg. Czikl und Hopkins checken die Magazinbestände der Klinik: Die Linsen sind zu alt, das Desinfektionsmittel abgelaufen. Nachschub muss her. "Wir achten auf Qualität", sagt Czikl, auch im Herzen Afrikas.Wir fahren mit einer Rot-Kreuz-Ambulanz, einem der wenigen fahrtüchtigen Autos, ins Feld nach Gbaton, der heimlichen "Hauptstadt der Blinden". Als Hopkins 1993 seine ersten Statistiken erstellte, war mehr als die Hälfte der Bewohner des Dorfes blind. Sie leiden am Trachom, am Grauen Star, an der tückischen Flussblindheit. Leicht zu behandeln - theoretisch.Die Versammlung auf dem Dorfplatz an diesem Morgen ist eine traurige Ansammlung. Eine Frau zeigt uns die Knoten über ihrer Hüfte, wo sich der Mutterwurm der tückischen Filarien eingenistet hat, die Auslöser der Flussblindheit. Die Larven erzeugen einen bestialischen Juckreiz, dringen bis ins Auge, machen blind. Die Blindenmission lässt dagegen Mectizan verteilen. Zweimal im Jahr müssen die Menschen eine Tablette nehmen, über 20 Jahre, ohne Unterbrechung. Die Verteilung ist sehr aufwändig, die Menschen leben weit verstreut, ihre Dörfer sind schwer zu erreichen. Dennoch erreichte die Mission allein in diesem Landstrich in besseren Zeiten eine Million Patienten. Jetzt berichtet der Pillenverteiler in Gbaton, Emmanuel Feidalgafara, dass seit mehr als einem Jahr keine Pillen angekommen sind. Eine Katastrophe, das ganze Programm ist gefährdet. Ein Ministerialbeamter in Bangui hat die Bestellung der Medikamente verschlampt. Vielleicht wollte er Geld von Czikl erpressen, vielleicht ist er nur unfähig.Zurück in Bangui erwirken Czikl und sein Berater Hopkins einen Termin bei Gesundheitsminister Bernard Lala. Wir legen trotz der schwülen Hitze Anzug und Schlips an und triefen nach fünf Minuten von Schweiß. Ein vernünftiger Mann scheint Lala zu sein, lange Jahre war er für die Weltgesundheitsorganisation tätig. Er fährt einen kleinen Nissan Sunny als Dienstwagen, nicht den in Afrika üblichen Mercedes. Das lässt hoffen. Er hört sich geduldig die Klagen der Helfer an und verspricht Abhilfe. Viel mehr bleibt ihm auch nicht übrig, denn seine Kasse ist leer. Es sind allein ausländische Hilfsorganisationen, die das Gesundheitswesen am Leben erhalten. Das Nationalkrankenhaus neben dem Ministerbüro ist eine Ruine für Fledermäuse.Die Armut in der Hauptstadt ist kaum geringer als auf dem Land. Ein paar Triumphbögen aus Kaiser Bokassas Zeiten wurden frisch gestrichen, aber im Hotel du Centre, dem zweitbesten der Stadt, rumoren nachts die Ratten im Zimmer. Nichts ist einfach. Nicht einmal die Abreise. Auf dem Flughafen Bangui wollen die Zöllner Rudi Czikl noch etwas von seinem Reisebudget abpressen. Sie durchwühlen das Gepäck. Czikls muss immer viel Bargeld dabei haben, darauf haben es die Uniformierten abgesehen. Aber Bestechung kommt nicht in Frage. Der Manager und Hopkins stürmen das Flugzeug. Meist sind die Flüge überbucht, wer keinen Platz erobert, muss eine Woche warten. Bald schweben sie über dem Wasser des Oubangui-Flusses. Erleichtert.------------------------------Tückische KrankheitenDie Flussblindheit wird durch durch Fadenwürmer (Filarien) ausgelöst, sie tritt hauptsächlich im tropischen Afrika auf. Die Filarien werden durch Stiche der Kriebelmücke übertragen; die lebt in Flussnähe - daher der Name. Die Larven der Würmer wandern in den ganzen Körper, auch ins Auge. Unbehandelt erblinden zehn Prozent der Befallenen.Das Trachom ist eine bakterielle Entzündung des Auges, die mit Erblindung enden kann. Wegen der hygienischen Verhältnisse ist das Trachom in armen Ländern stark verbreitet und die wichtigste Erblindungsursache.Der Graue Star ist eine Trübung der Augenlinse. In Deutschland werden jährlich 600 000 Fälle operiert.Die Christoffel-Blindenmission ist die einzige deutsche Organisation, die noch in Zentralafrika arbeitet: www.christoffel-blindenmission.de------------------------------Karte: Zentralafrikanische Republik------------------------------Foto: Nach der Heilung: In Bossoanga wird die Brillenstärke für eine Frau ausgemessen.------------------------------Foto: Rudi Czikl, 46, lebt eigentlich mit Frau und zwei Kindern in Nairobi, aber meist ist er unterwegs. In seinen Hilfsprojekten trifft er Kinder wie diesen Jungen in Zentralafrika.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner