Auszeichnung

„Genau die Werte, die wir würdigen“: Dresdner Presseclub ehrt Samuel Koch

Der Erich-Kästner-Preis 2026 geht an den Schauspieler, Autor und Redner Samuel Koch. Eine Wette veränderte nicht nur sein Leben. Sie machte ihn zu einem Kämpfer für die Teilhabe aller.

Ines Mallek-Klein
Ines Mallek-Klein
5 Min
Der Erich-Kästner-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, die Samuel Koch spendet. Zudem gibt es noch eine Skulptur des Bildhauers Vinzenz Wanitschke.

Der Erich-Kästner-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, die Samuel Koch spendet. Zudem gibt es noch eine Skulptur des Bildhauers Vinzenz Wanitschke.

© Ulf Mallek

Die Augustsonne durchflutet den Kronsaal auf Schloss Albrechtsberg in Dresden. Sie lässt die goldbemalten Säulen leuchten und bringt die champagnefarbenen Vorhänge zum Strahlen. Die märchenhafte Kulisse beeindruckt auch einen, der, wie Samuel Koch (38), schon viel erlebt hat.

Er ist zu Gast in Dresden. Jener Stadt, in der seine Oma geboren und getauft wurde, zu der er eine ganz besondere Verbundenheit verspürt. Der Dresdner Presseclub hat ihn eingeladen, um ihn mit dem Erich Kästner-Preis zu ehren. „Samuel Koch verkörpert mit seinem Einsatz für gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen, für Toleranz und Verständigung genau die Werte, die wir mit dem Preis seit über drei Jahrzehnten würdigen“, sagt Tobias Wolf als einer der beiden Co-Vorsitzenden des Vereins. Für den Weg zu einer Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt, brauche man Menschen wie Samuel, so Wolf weiter.

Eine Wette hat Samuel Koch berühmt gemacht. Am Abend des 4. Dezember 2010 war er in der Wetten, dass...?-Show von Thomas Gottschalk zu Gast und bereit zu einem kühnen Experiment. Auf Sprungstelzen wollte er nacheinander über fünf auf ihn zufahrende Autos im Rückwärtssalto springen. Für den Leistungsturner ist das kein Problem. Hunderte Male hatte er solche Hindernisse schon überwunden und auch in der Generalprobe der Show lief alles reibungslos.

Ein Kind, nah bei der Sonne

Doch dann, beim vierten Auto, passierte das Unfassbar. Samuel Koch setzte zum Sprung an, drehte sich und schlug neben dem Auto auf, blieb regungslos liegen. Knapp zehn Millionen Fernsehzuschauer haben die Show damals verfolgt, die erst unterbrochen und später abgebrochen wurde. Knapp zehn Millionen Menschen, die mit Samuel und seiner Familie bangten, beteten und hofften.

Der Unfall hat sein Leben geteilt in ein Davor und ein Danach. Hat er Samuel verändert? Seine Mutter Marion, die auch mit nach Dresden gekommen war, sagt: „Samuel war schon als Kind ein Mensch, der nah an der Sonne war, der immer das Positive gesehen hat.“ Der Unfall, über den die Familie heute nur noch selten spricht, habe ihn darin bestärkt, das noch konsequenter zu tun.

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Und genau das ist, wofür alle Menschen, die mit Samuel Koch zu tun haben, ihn so schätzen. Bischöfin Kirsten Fehrs ist eine dieser Wegbegleiterinnen. Die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland lobt in ihrer Laudatio die Aufrichtigkeit von Samuel Koch, der andere aufrichte, der Hoffnung streue, ohne die Wirklichkeit schön zu reden und der damit eine Zuversicht in die Welt trage, die gerade jetzt junge Menschen brauchten, um bei dem ganzen weltweiten politischen Irrsinn den Kurs des Herzens zu halten.

Zum 27. Erich-Kästner-Preis gratulieren Samuel Koch die beiden Co-Vorsitzenden des Dresdner Presseclubs Tobias Wolf (l.) und Andreas Weller sowie Vorstandsmitglied Sabine Mutschke.

Zum 27. Erich-Kästner-Preis gratulieren Samuel Koch die beiden Co-Vorsitzenden des Dresdner Presseclubs Tobias Wolf (l.) und Andreas Weller sowie Vorstandsmitglied Sabine Mutschke.

© Ulf Mallek

Dem Preisträger berühren die Worte sichtlich und er kontert, wie immer, mit viel Charme. „Kirsten und ich haben gestern noch einmal miteinander telefoniert und ich hatte sie gebeten, nicht zu dick aufzutragen. Sie hat nicht auf mich gehört.“

Samuel Koch habe es nicht zugelassen, sich auf den Moment seines tragischen Unfalls reduzieren zu lassen. Der Erich-Kästner-Preis gehe damit an einen Mann mit einem großen Hoffnungstrotz, der in einer Zeit des aufkeimenden Hasses für Liebe und Toleranz eintrete, erklärte die Ratspräsidentin.

Inklusion dürfe, so die mahnenden Worte des Co-Vorsitzenden Tobias Wolf, kein Luxus in guten Zeiten sein. Es ist vielmehr ein Versprechen an alle, dazuzugehören. Wolf thematisierte dabei auch die anstehende Landtageswahl am kommenden Sonntag in Sachsen-Anhalt. Die laut Wahlumfragen stärkste Partei hat in ihrem Programm Inklusion als „gescheitertes Experiment“ bezeichnet. Die AfD wolle stattdessen die Förderschulen weiter ausbauen und favorisiert die getrennte Beschulung. Es seien solche Entwicklungen, die dem Preis in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung zukommen lassen, so Wolf.

Darüber hinaus verbindet Samuel Koch und Erich Kästner noch viel mehr. Beide schreiben oder schrieben Literatur für Kinder, glauben an die Neugier und Unbefangenheit des Nachwuches und appellieren, sich ein Stück Kindsein zu erhalten. Sie teilen auch die gleiche sportliche Leidenschaft. Beide waren Turner – wenngleich es Kästner nie zum Leistungskader gebracht hat und nach einer schweren Verletzung eines Schulfreundes das Turnen aufgab. Beide hatten mit dem Hochreck auch das identische Lieblingsgerät. „Die Schwerelosigkeit beim Schwung ist unvergleichbar“, schwärmt Samuel Koch.

Sie gehört zum ersten Teil seines Lebens. Heute, nach abgeschlossenem Schauspielstudium, ist er auf diversen Theaterbühnen präsent, gehört zum festen Ensemble der Münchner Kammerspiele und ist in verschiedenen Fernserien und Filmen zu erleben. Bei all dem will er eines nicht: Mitleid. Er möchte, ob als Schauspieler oder als Autor, die Menschen zum Staunen bringen, ihr „Kopföffner“ sein. Denn der Weg von der Offenheit zur Toleranz ist ein kurzer.

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