Der dritte Platz war immer das Ziel für uns

Nico Fried
4 Min

Wir haben uns nie kennengelernt, die DDR und ich. Schade eigentlich. Dabei waren wir einmal ganz kurz davor. Meine Mutter schenkte jedem ihrer drei Kinder zur Konfirmation eine Reise nach Berlin. Eine Woche. Kurfürstendamm, Europa-Center, Siegessäule, Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie. Und ein Tag Ost-Berlin. Ein Tag DDR.Ostern 1982 war ich, der Jüngste, an der Reihe. Und Ostermontag wollten meine Mutter und ich nach Ost-Berlin. Es hätte interessant werden können. In meinen 15 Lebensjahren hatte ich gelernt, die DDR zu hassen.Die DDR, das war für mich Renate Stecher. Bei den Olympischen Spielen 1972 war sie über 100 Meter unserer Annegret Richter davongelaufen. Gold für die DDR, Silber für Deutschland. In meinem Bildband über die Spiele von München gab es ein Foto vom Zieleinlauf. Es zeigte Renate Stecher in einer weißen Hose und einem blauen Trikot und mit wehenden Haaren. Man konnte auf dem Foto sehen, wie schnell sie lief. In dem Moment, in dem das Bild entstand, drückte sie gerade kraftvoll ihre große Brust über die Ziellinie, den rechten Arm schon halb in Jubelpose. Links von Renate Stecher, dahinter, lief Annegret Richter mit einem verzerrten Gesicht. Sie wirkte schwach, fast klapprig. Ihre Haare wehten nicht. Sie waren ganz kurz und schienen am Kopf zu kleben. Ich sollte dieses Foto nie vergessen. Gold für die DDR war immer besonders ärgerlich. Denn mit der DDR konkurrierten wir um Platz drei im Medaillenspiegel. Besser als die USA und die UdSSR konnten wir niemals werden. Aber der dritte Rang war immer das Ziel für uns. Für mich.Meine Großtante, die schon in meiner Kindheit über achtzig war, ließ nie eine Sportübertragung aus. Und das mit dem Medaillenspiegel sah sie ganz genauso. "Rußland und Amerika sind große Staaten", sagte sie immer, "und die DDR gehört zu Rußland." Daß aber Deutschland so erfolgreich war, fand sie bemerkenswert. "Dieses kleine Land", sagte sie immer voller Rührung und Stolz. Meine Großtante war niemals in der DDR. Wie ich.Dabei hätte es ja damals, Ostern 1982, zehn Jahre nach Renate Stecher, soweit sein sollen. Meine Mutter und ich fuhren mit der S-Bahn zur Friedrichstraße, gingen die Treppe hinunter und stellten uns zur Einreise in die Schlange vor dem Grenzübergang. In meiner Erinnerung ist alles in diesem Keller grün und grau; grünes, dickes Glas wie in einem Aquarium und graues, glattes Blech. Als wir dran waren, gingen wir gemeinsam in die Schleuse, die in den Osten führen sollte. Hinter der Scheibe warteten zwei Grenzpolizisten. Der eine saß auf einem Holzstuhl, der andere stand hinter ihm. Der eine kontrollierte zunächst den Paß meiner Mutter. Der andere schaute ihm dabei über die Schulter. Dann legte der Sitzende den Paß beiseite und nahm sich meinen alten Kinderausweis vor. Meine Mutter erklärte mir später, daß die Grenzer immer zu zweit seien, damit einer den anderen kontrollieren könne. Bei den Polizisten sei das genauso. Ein Beamter allein würde vielleicht etwas tun, was der Regierung nicht gefallen könnte. Aber wenn noch ein zweiter Beamter dabei wäre, würde er sich das nicht trauen. Und umgekehrt auch nicht. Das ganze System beruhe auf gegenseitiger Kontrolle, erklärte mir meine Mutter, die zuvor genau zweimal in der DDR gewesen war. Einen Tag mit meiner Schwester, einen Tag mit meinem Bruder. Zur Konfirmation. Die DDR, das war für mich neben Renate Stecher auch Jürgen Sparwasser. Mein Vater hatte laut gelacht, als Sparwasser 1974 das 1:0 für die DDR schoß. Ein kurzes, hartes "Ha!". Und nach dem Spiel sagte mein Vater noch: "Das geschieht denen recht." Mit denen meinte er uns. Später habe ich das Buch "Einer wie ich" von Franz Beckenbauer bekommen. Es wurde die Bibel meiner Kindheit. Darin berichtet Beckenbauer, daß Bundestrainer Helmut Schön, der 1950 aus Dresden nach West-Berlin gegangen war, am Abend der Niederlage gegen die DDR aus Wut stundenlang kein Wort mit seiner Mannschaft sprach. Da habe er ihm leid getan, schrieb Beckenbauer. Unheimlich leid. An dieser Stelle des Buches mußte ich weinen. Schön tat mir leid, Beckenbauer tat mir leid, und ich tat mir leid. Ich hätte gerne Beckenbauer zum Vater gehabt. Ein paar Wochen vor Ostern 1982 riß an meinem Kinderausweis das hinterste Blatt ab. Meine Mutter klebte es mit einem Streifen Tesa-Film wieder an. So lag mein Ausweis jetzt hinter der Scheibe. Der Grenzer am Bahnhof Friedrichstraße erklärte uns, daß er das nicht akzeptieren könne. Der Tesa-Streifen hätte behördlich abgestempelt werden müssen. Ich durfte nicht einreisen. So haben wir uns nie kennengelernt, die DDR und ich. Meine Mutter und ich sind statt dessen in den Zoo gegangen.

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