Der Einzelhandel hofft trotzdem auf ein passables Weihnachtsgeschäft

Schöne Bescherung: Die Berliner müssen an Geschenken sparen

Hartmut Augustin E. D. Schmid Brenda Strohmaier
5 Min

Für 225 Millionen Euro könnte man eine Menge tolle Geschenke kaufen. Eigentlich. Genau diese Summe wird den Berliner Beamten dieses Jahr jedoch auf den Gehaltsabrechnungen fehlen. Das Land Berlin spart am Weihnachtsgeld: Die Beamten erhalten statt siebzig Prozent ihres Einkommens nur noch pauschal 640 Euro fürs Weihnachtsshopping. Angestellte und Arbeiter bekommen ohnehin schon seit August acht bis zwölf Prozent weniger Gehalt und damit entsprechend weniger Weihnachtsgeld als im vergangenen Jahr. Zudem haben viele Unternehmen ihren Mitarbeitern die Weihnachtszahlungen gekürzt oder ganz gestrichen - wie etwa das Bestattungsunternehmen Grieneisen.Hunderttausende Berliner müssen am 24. Dezember deshalb mehr als in den Vorjahren mit Präsenten geizen. "Meine drei Kinder bekommen kleinere Geschenke", sagt Thomas Goiny, der in der Justizvollzugsanstalt Tegel in der Verwaltung arbeitet. Er erhält nur noch halb so viel Weihnachtsgeld wie in den Jahren zuvor. Die Folge: Die Kinder bekommen weniger Spielzeug und mehr praktische Dinge wie Winterjacken oder Schuhe. Die Erwachsenen wollen sich erstmals gar nichts schenken.Karl Brenke, Konjunktur-Experte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist überzeugt, dass die Kürzung des Weihnachtsgeldes erhebliche Auswirkungen auf den Einzelhandel haben wird: "Der Handel entwickelt sich schon seit Jahren nicht gerade blendend. Wenn die Leute weniger Geld haben, kaufen sie weniger. Der Handel muss das kompensieren. Wahrscheinlich wird er bei den Mitarbeitern sparen. Es wird weniger Beschäftigung geben. " Auch beim Berliner Einzelhandelsverband räumt man ein, dass die schwindende Kaufkraft der Hauptstädter wohl nicht ohne Folgen bleiben wird. "Natürlich hat die Kürzung des Weihnachtsgeldes einen Einfluss, vor allem auf die ohnehin schon schlechte Stimmung in der Stadt. Noch viel schlimmer ist jedoch die hohe Arbeitslosigkeit", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Nils Busch-Petersen. Im Oktober 2003 waren 7 300 Arbeitslose mehr registriert als im Oktober 2002. Im Laufe des Novombers sollen es noch einmal deutlich mehr werden.Trotzdem sagt Busch-Petersen, dass er auf ein gutes Weihnachtsgeschäft hofft, eines, das vielleicht sogar die Umsatzeinbußen der Einzelhändler wieder ausgleichen kann. Diese haben in den ersten neun Monaten 2003 rund zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum umgesetzt. Wo Busch-Petersen die Hoffnung hernimmt? Unter anderem lässt sein Verband just gemeinsam mit der Berlin Tourismus Marketing GmbH und Air Berlin in Londoner U-Bahnen Plakate kleben, auf denen für eine Reise in die deutsche Hauptstadt geworben wird. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Busch-Petersen.So etwas hört man von vielen Berliner Kaufleuten. Insbesondere großen Warenhäusern bleibt schließlich gar nichts anderes übrig als optimistisch zu sein: "Wir machen unsere Disposition im Frühjahr, die Ware ist längst geordert. Es ist also müßig darüber nachzudenken, wie das Weihnachtsgeschäft wird", sagt der Geschäftsführer von Karstadt in der Schlossstraße, Harald Kirchfeld. Sein Kollege von Wertheim am Kurfürstendamm, Volker Pesarese, sieht es ähnlich: "Wir ziehen ein ganz normales Weihnachtsgeschäft durch", sagt er. Dazu gehört inzwischen, Kundenkartenbesitzer mit Rabattaktionen in den Laden zu locken. "Mitte Dezember geht dann voraussichtlich wieder die richtige Rabattschlacht los", sagt Pesarese voraus.Kostenloser Einpackservice.Hauptsache, die Kunden kommen. Ob Wertheim, KaDeWe oder jetzt erstmals auch das Ringcenter an der Frankfurter Allee - alle bieten zur Weihnachtszeit einen kostenlosen Geschenkeinpackservice. Viele versuchen zudem, das Klientel mit Kulturveranstaltungen zum Bleiben zu bewegen. "Wer sich wohlfühlt, kauft dann doch noch das eine oder andere", sagt Ring-Center-Chef Lutz Heinicke.Auch viele kleine Läden haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben - wie etwa das Teegeschäft Caliban in der Greifswalder Straße. "Das Weihnachtsgeschäft ist ja immer schlechter geworden. Und auch dieses Jahr wird es ein bisschen weniger werden. Dennoch wird es sich lohnen", sagt Inhaber Bernhard Voss - obwohl einige Stammkunden im vergangenen Jahr ihren Job verloren haben. "Egal wie schlecht die Stimmung ist, letztlich wollen sich die Menschen zu Weihnachten dann doch etwas schenken", prophezeit Voss.DIE SPARER // Manfred Götze, Sachbearbeiter im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg: "Wegen der Kürzungen habe ich mit sämtlichen Versicherungen gekämpft, um die Jahresprämien auf monatliche Zahlungen umzustellen, damit ich jetzt nicht alles auf einmal zahlen muss. Für die Enkel gibt es dieses Jahr nur absolute Kleinigkeiten. Auch Reisen oder Fahrten zu Freunden fallen flach. Man muss bei allen Belangen den Cent umdrehen und entscheiden, was wirklich notwendig ist und was nicht. ".Annemarie Müller* aus Reinickendorf, Sekretärin im Bezirksamt Reinickendorf: "Das Weihnachtsgeld rechne ich nie mit ein, ich freue mich, wenn ich ein paar Groschen mehr habe. Wenn ich mehr hätte, würde ich natürlich auch mehr ausgeben. Wenn es nicht so ist, dann habe ich halt Pech, aber für mich ändert sich nichts. Mein Mann ist Handwerker, da sehe ich, dass ich mit meinem Job noch ganz gut bedient bin. ".Werner Travers* aus Zehlendorf, Studienrat: "Ich bin in Altersteilzeit und bekomme sowieso schon 22 Prozent weniger Gehalt, da braucht man das Weihnachtsgeld besonders dringend, vor allem weil ich vier Kinder habe, von denen drei in der Ausbildung sind. Die Weihnachtsgeschenke fallen aus, es gibt keine Reise zu Weihnachten und mein Auto steht seit einem Monat still, weil ich mir die 3 000 Euro teure Reparatur nicht leisten kann. Die wollte ich mit dem Weihnachtsgeld bezahlen. Letztes Jahr bekam ich 3 000 Euro, jetzt nur noch 640. ".Wolfgang Rowenhagen, Sprecher der Berliner Feuerwehr: "Für mich war das Weihnachtsgeld immer der Grundstein für den Jahresurlaub. Es ging immer nach Florida. Jetzt sind die Urlaubsplanungen anstrengender geworden. Neben dem Weihnachtsgeld muss ich auch noch auf die 127 Euro Feuerwehrzulage verzichten, die es jetzt nur noch für Feuerwehrleute gibt, die unmittelbar im Einsatz sind. ".Knut Meier*, Lehrer: "Als Alleinverdiener versorge ich eine geschiedene Familie mit zwei Kindern, die noch in der Ausbildung sind. Meine Tochter braucht ein Fahrrad, das wird eng. Ich möchte mich nicht lumpen lassen und spare an mir selbst, kaufe mir eine Hose weniger und nur einen gebrauchten Computer. Das neue Auto muss warten. ".*Namen geändert.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Prächtiger Weihnachtsschmuck - in diesem Jahr soll es aber überall etwas sparsamer zugehen.

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