Der Element-of-Crime-Sänger Sven Regener hat eher zufällig einen "Kreuzberg-Roman" geschrieben

Lehmanns kleine Welt

Marin Majica
4 Min

Sven Regener ist sich keiner Schuld bewusst. Der Sänger und Trompeter der deutschen Band Element of Crime, seit 1985 im Geschäft, hat mit "Herr Lehmann" sein Debüt als Schriftsteller vorgelegt. Mit diesem Buch soll ihm der "definitive Kreuzberg-Roman" gelungen sein, titelt eine Zeitung. Was Sven Regener etwas überrascht: "Es ging mir nicht darum, einen Roman über Berlin zu schreiben, auch nicht über West-Berlin, schon gar nicht über Kreuzberg."Midlifecrisis in Wendezeiten"Herr Lehmann" ist ein Roman über einen gleichnamigen Kreuzberger und spielt in SO 36 kurz vor der Wende. Der Osten interessiert Herrn Lehmann, wie viele seiner Zeitgenossen im Westteil, kaum. Ihn plagen andere Sorgen, wie der Leser gleich im ersten Satz erfährt: "Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging."Regeners Erzählweise verknüpft symbolische Morgenröte mit Alltäglichem. Es ist wieder spät geworden bei Herr Lehmann, dessen Geburtstag am 9. November (!) drohend näher rückt. Er hat sich wieder zum Schnapstrinken überreden lassen, und das sagt viel über den Endzwanziger, der sich als Barmann durch seine Tage wurschtelt. Dann blockiert plötzlich ein Hund den Gehweg.Die folgende absurd-komische Konfrontation zwischen Mensch und Hund ist nicht nur der Anfang des Romans. Mit ihr begann auch Regeners Arbeit als Autor. Die Hunde-Episode schrieb der Sänger, der bei Element of Crime eher zufällig zum Songtexter wurde, schon 1994 als Kurzgeschichte. 1997 wurde sie in einer nicht allzu verbreiteten Bremer Zeitschrift in 100er-Auflage veröffentlicht, verschwand dann aber wieder in der Schublade. Doch Herr Lehmann ließ Regener nicht los. "Ich hab immer gedacht, man könnte mehr aus ihm machen", sagt Regener.Vor zwei Jahren griff er die Idee wieder auf. "Ich dachte, es wäre nicht uncharmant, wenn es komplett im alten West-Berlin spielen würde." Kennzeichnend dafür sei "das Bewegen auf kleinen Räumen, diese Abgeschottetheit von der westdeutschen Herkunft" gewesen, sagt Regener. Das passe zu seinem Herrn Lehmann, der sich in Kreuzberg seit neun Jahren vor der Frage nach der Zukunft versteckt.Regener selbst kam 1982 nach Berlin und lebte zuerst drei Jahre lang in Schöneberg und dann zwölf Jahre in Kreuzberg. "Ich habe da eher wie eine der Randfiguren aus dem Roman gelebt, die eine Band haben", erinnert sich Regener, der heute in Prenzlauer Berg wohnt. Damit will er auch sagen, dass er nicht Herr Lehmann ist. Zwar kommen beide aus Bremen und sind mit 21 nach Berlin gezogen. "Aber ich habe nie in Kneipen gearbeitet."Menschen und PappkameradenRegener sieht sein Buch weder als historisch korrektes Stimmungsbild noch als Bezirks-Porträt: "Ich habe noch nie einen typischen Kreuzberger getroffen, was soll das sein?" Die Szenen am 9. November 1989 auf der Oberbaumbrücke habe er zwar erinnerungsgetreu nacherzählt. Und Herr Lehmanns Kneipe "Einfall" - klar könne das auch das "Madonna" an der Wiener Straße sein. Die "Markthallenkneipe" aus dem Buch gibt es auch im Bezirk. "Aber 1989 gab es die nicht", sagt Regener: "Mir ist das wurscht. Wichtig ist, dass die Figuren lebende Menschen und nicht irgendwelche Pappkameraden sind."Regeners Kreativität gehört jetzt erst mal wieder Element of Crime, deren neue Platte im November erscheint. Kommt nun trotzdem zu den Berufsbezeichnungen Sänger, Produzent, Trompeter und Songwriter Schriftsteller dazu? Regener muss lachen: "Das wäre doch albern." Wenn das nicht typisch Kreuzberger Understatement ist.Umsteiger // Zehn Alben hat Sven Regener seit 1985 mit Element of Crime vorgelegt. Das Musik-Magazin "Rolling Stone" verlieh der Band bereits "Klassikerstatus"."Herr Lehmann" ist der Erstling des 1961 in Bremen geborenen Musikers und Songwriters. Erschienen ist der Roman bei Eichborn Berlin und kostet 36 Mark.Zu hören gibt es Auszüge aus "Herr Lehmann" am Freitag, 14. September, im Columbiafritz, Columbiadamm 9-11. Sven Regener liest ab 20 Uhr.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Sänger, Trompeter, Schriftsteller: Sven Regener probiert sich aus.

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