Der Erreger stammt wahrscheinlich von Wildtieren. Neue Studien zeigen, dass er auch von Haustieren übertragen werden kann

Sars macht nur eine Pause

Kathrin Gerewitz
5 Min

Eine Weile hat man nichts mehr gehört von Sars, der lebensbedrohlichen Lungenkrankheit, die im vergangenen Winter und Frühjahr die halbe Welt in Angst und Schrecken versetzte. Die erste große Seuche des 21. Jahrhunderts, wie sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet, scheint eine Pause eingelegt zu haben. Den letzten Krankheitsfall registrierte die WHO im Juli. Insgesamt hatten sich bis dahin mehr als achttausend Menschen mit dem Sars-Erreger infiziert - vor allem in China, aber auch in anderen Teilen Asiens sowie in Nordamerika und Europa. Fast jeder zehnte Infizierte starb. Die Pause des Schweren akuten respiratorischen Syndroms - so heißt die Krankheit mit vollem Namen - könnte bald zu Ende sein. "Ich rechne damit, dass es einen neuen Ausbruch im Winter gibt", sagt Rolf Hilgenfeld, Direktor des Instituts für Biochemie an der Universität Lübeck. Ähnlich wie die Grippe könne auch Sars saisonal auftreten. Hilgenfeld ist einer der deutschen Wissenschaftler, die den Sars-Erreger erforschen. Im Mai hatte er gemeinsam mit Kollegen aus Würzburg und Jena die Achillesferse des Virus entdeckt: Das Enzym Proteinase, welches das Virus braucht, um sich zu vermehren. Gelänge es, dieses Enzym zu blockieren, dann könnte sich der Sars-Erreger nicht mehr im menschlichen Körper ausbreiten. Woher das neuartige Coronavirus genau kommt, weiß man immer noch nicht genau. Sicher ist nur, dass die ersten Fälle der mysteriösen Lungenkrankheit bereits vor einem Jahr, im November 2002, in der südchinesischen Provinz Guangdong auftraten. Einige dieser frühen Sars-Fälle haben chinesische Forscher jetzt in der Fachzeitschrift Lancet analysiert. Die Mediziner um Yi Guan von der University of Hongkong wiesen nach, dass die Coronaviren, die sich im Februar weltweit auszubreiten begannen, schon bei den ersten Patienten in Südchina zu finden waren. Dort müssen sie demnach auch entstanden sein.Befallene SchleichkatzenEiner der ersten Patienten war dem Bericht zufolge ein Koch, der vor allem Wildtiere zubereitete. Das erhärtet die These, dass der Ursprung des für den Menschen gefährlichen Sars-Virus im Tierreich zu suchen ist. Im September hatten Guan und seine Kollegen bereits Belege dafür vorgelegt: Bei Schleichkatzen, die auf einem südchinesischen Markt angeboten wurden, hatten sie ein Coronavirus identifiziert, das mit dem Sars-Erreger zu 99,8 Prozent übereinstimmte. Daraus hat sich wahrscheinlich die für den Menschen gefährliche Virusvariante entwickelt.Nun legen niederländische Virologen den Beweis vor, dass das Sars-Virus nicht nur wilde Tiere befällt, sondern auch Haustiere. Das Team um Albert Osterhaus vom Erasmus Medical Centre in Rotterdam infizierte jeweils sechs Hauskatzen und Frettchen im Labor mit dem Erreger. Wenige Tage später hatten sich die Viren in Luftröhre und Lunge der Tiere ausgebreitet und waren auch im Rachensekret nachweisbar, schreiben die Forscher im Wissenschaftsjournal Nature. Die Frettchen wurden schon nach zwei Tagen auffällig träge und teilnahmslos, ein Tier starb sogar vier Tage nach der Infektion. Dagegen zeigten die Katzen keine Anzeichen einer Erkrankung. Nicht infizierte Katzen und Frettchen, die mit den Versuchstieren zusammenlebten, steckten sich innerhalb von zwei Tagen mit dem Virus an. "Die beiden Arten könnten sich als sehr nützliche Tiermodelle erweisen", schreiben Osterhaus und seine Kollegen in Nature. An den Tieren ließen sich Medikamente und Impfstoffe gegen Sars testen. "Das ist ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Therapie", sagt Rolf Hilgenfeld. "Denn ohne Tiermodelle lassen sich neuartige Substanzen gar nicht studieren." Zwar sucht auch er nach Wirkstoffen, mit deren Hilfe der Sars-Erreger unschädlich gemacht werden kann. Mit Katzen oder Frettchen wird er in absehbarer Zeit aber nicht experimentieren. "Wir betreiben Grundlagenforschung und geben unsere Ideen an die Pharmaindustrie weiter", sagt der Lübecker Biochemiker. Für diese sei der niederländische Forschungsbericht von großer Bedeutung.Allerdings haben die Ergebnisse aus Rotterdam auch eine negative Seite: Haustiere, die das Sars-Virus in sich tragen, kommen als Krankheitsüberträger infrage. Damit besteht nun auch die Möglichkeit, dass sie Menschen mit der Krankheit infizieren. Außerdem könnten dann auch Viren für den Menschen gefährlich werden, die eigentlich nur Haustiere befallen. "Eine sehr schlimme Katzeninfektion wird ebenfalls von einem Coronavirus ausgelöst", berichtet Hilgenfeld. Dieses Coronavirus namens FIPV verursacht bei den Tieren eine ansteckende Bauchfellentzündung. Es sei nicht auszuschließen, dass FIPV und das Sars-Coronavirus Genmaterial untereinander austauschen. Durch eine solche Mutation, sagt Hilgenfeld, würden die Erreger möglicherweise noch bedrohlicher.Besser vorbereitetSollte Sars im bevorstehenden Winter erneut ausbrechen, dann ist die Wissenschaft zumindest besser darauf vorbereitet als beim ersten Mal. Es gibt zwar noch keine Therapie, aber der Erreger ist identifiziert, isoliert und sein Erbgut ist entschlüsselt. "Außerdem wissen wir, welche Medikamente überhaupt nichts nützen und welche die Krankheit zumindest abschwächen können", sagt Rolf Hilgenfeld. Er sieht eher eine Gefahr darin, dass Sars im kommenden Winter nicht auftritt und die Forschungsarbeit dann zurückgefahren wird. "Dann träfe es uns beim nächsten Ausbruch in ein, zwei Jahren völlig unvorbereitet." Hilgenfelds Fazit: "Wir müssen wachsam bleiben."Lancet, Bd. 362, S. 1353Nature, Bd. 425, S. 915BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Süße Tücke: Hauskatzen können die Lungenkrankheit Sars übertragen.

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