Noch nie zuvor hat es ein Dokumentarfilm in den Berlinale-Wettbewerb geschafft. Dass es als erstem Errol Morris' Film über die Hintergründe des Folterskandals von Abu Ghoreib gelungen ist, sagt etwas aus über die Bilderverfallenheit unserer Kultur. "Standard Operating Procedure" ist ein Film über die Zustände im größten Militärgefängnis im Irak - im besonderen aber ein Dokumentarfilm über die Macht der Bilder, über Sadismus und Voyeurismus und eine besonders perfide Form des Amateurkinos und der Fotografie, gedreht und geknipst auf drei Digitalkameras von US-Soldaten.Errol Morris hat für den Film mit etlichen der Gefängnisaufseher gesprochen, deren Fotos von Folterungen irakischer Häftlinge im April 2004 jeglichen verbliebenen Respekt für den amerikanischen Einsatz im Irak zerstörten und Präsident Bush nötigten, sich öffentlich zu entschuldigen. Der Reservist Charles Graner wurde dafür zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und durfte aus juristischen Gründen im Film nicht auftreten. Ausführlich zu Wort kommt jedoch die zu drei Jahren verurteilte Lynndie England, die wohl auf traurige Weise berühmteste der Folterer. Es ist jene damals gerade 21 Jahre alte Soldatin im Rang eines Specialist, die vor der Kamera mit einem nackt auf dem Boden liegenden Iraker an der langen Hundeleine posierte und mit der zur Waffe geformten Hand lachend auf die Genitalien entblößter Gefangener zielte. Interviewt werden neben anderen Beteiligten auch die auf den Bildern hinter einem Berg nackter Leiber feixende Megan Ambuhl und Sabrina Harman. Es werden deren scheinbar reumütige, bedrückte Briefe nach Hause zitiert. Angesprochen auf ein Bild, das Harman lachend mit triumphal hochgerecktem Daumen über einem übel zugerichteten Gefangenen zeigt, den man zuvor mit den Bluthunden der Militärpolizei traktiert hat, sagt sie jedoch in unfassbarer Dreistigkeit: "Wenn von einem ein Foto gemacht wird, lächelt man halt. Man versucht freundlich auszusehen und macht den Daumen hoch. Da ist doch gar nichts dabei."Gar nichts dabei - das empfinden fast alle Beteiligten. Überraschend viele habe diese extrem kleinen spitzen Münder mit Mausezähnchen. Lynndie England stößt immer wieder verächtlich die Luft hinaus zwischen den kurzen Lippen, die dann sehr schief werden und besonders hart aussehen. So ist es halt, sagt sie, das ist kein Zuckerschlecken für Frauen in der Armee. Schulterzucken und dieses kurze Luftausstoßen. Dass es eine besondere Demütigung sei, sich nackt und wehrlos von einer Frau dominieren zu lassen, das ist ihr klar. Das ist schließlich der tiefere Sinn des Einsatzes von Frauen in diesem Krieg. Und sie schaut direkt und sehr tapfer in die Kamera. Geradezu herausfordernd. Die Kindheit im Trailerpark sieht man ihr an.Ein schwarzer Gefreiter erzählt lächelnd vom Schlafentzug durch brüllend laute Musik. Man habe es mit HipHop versucht, der Gefangene habe am Ende mitgesungen. Mit Heavy Metal, auch nichts. Erst Country sei die wahre Folter gewesen. Er lächelt stolz über seinen guten Geschmack. Der Folterknecht als guter Junge, der sich an die Vorschriften gehalten hat. Der Film zeigt, wie die Grenze zwischen den offiziellen Dienstanweisungen der Militärverwaltung und dem kriminellen Exzess verwischt. Wo die Fixierung in "Stresspositionen", die "Portionierung" des Schlafs, die psychische Demütigung zur "Standard Operating Procedure" gehören, hat das Verbrechen schon begonnen.Ein besondere Dynamik entsteht durch die Präsenz der kleinen Digitalkameras. Errol Morris arbeitet heraus, wie in Abu Ghoreib für die Kamera gefoltert wurde, wie man posierte und inszenierte. Eine sexualisierte Atmosphäre herrschte unter dem Gefängnispersonal ohnehin, wie andere Bilder belegen. Bananen und Zahnbürsten hält man sich an den Hosenschlitz; es gibt ein Bild, in dem Lynndie England mit Handschellen angekettet ist. Mit breiten Beinen präsentiert sie sich in der unförmigen Uniform auf dem Bett.In den Folterbildern arrangiert Charles Graner sein nacktes Menschenmaterial wie ein sadistischer Pornoregisseur. Erst die nackten Rücken nebeneinander, dann zu ganzen Oralsexketten zusammengefügt, schließlich auf einen Haufen übereinander geworfen. Hinter und über ihnen die Soldaten als Herrenmenschen und als Chefs der Regie. Ein grausiges Viddeo zeigt ein "Making of" der schlimmsten Art. Man sieht, wie die Bewacher die gefesselten Leiber über den Boden schleifen und bildwirksam arrangieren. Man entnimmt den Gesprächen, wie begierig sie auf diese perversen Arrangements waren. Sie gingen dafür ein hohes Risiko ein, war es doch strikt verboten, von den Gefangenen Fotos zu machen.Diese Macht über die Regie nimmt Errol Morris ihnen weg. Fragwürdig, verstörend und erschreckend ist auch das. Der Oscarpreisträger ("Eine kurze Geschichte der Zeit") hat sich einen Namen gemacht als "impressionistischer" Dokumentarfilmer, der um keine Designidee verlegen ist. Morris ist ein Meister der nachträglichen Inszenierung, der weiß, wie man Dokumentarfilmen Schauwerte verleiht, die es ästhetisch mit jedem spektakulären Spielfilm aufnehmen können.Hier nimmt er es mit den grausigen Regisseuren von Abu Ghoreib auf - und scheitert. Er bindet ihre Fotos und die Gespräche mit ihnen in ein Gewebe aus ambitionierten Nahaufnahmen, Zeitlupentricks, Gegenlichtspielereien und Grafikdesign ein. Eine Braue wird rasiert in quälender Nahsicht, Patronen schweben zu Boden wie Lippenstifte, ein Hubschrauber explodiert wie eine Orchidee im Zeitraffer. In die Verliese des Foltergefängnisses wird sich, als wäre das nötig, in nachgestellten Szenen noch intensiver hineingefühlt, Man sieht flirrend dahintreibende Staubflusen im Gegenlicht vor der bloßen Haut irgendeines Statisten.Über all diesem Schnickschnack wabert ein meditativer Musikteppich. Er liegt als sentimentales Klangambiente über den Folterbildern genauso wie über den hübschen Sensatiönchen aus Morris' Trickkiste und bisweilen sogar über den Gesprächen mit den Folterknechten. Es ist die Musik, die zu der Stimmung passen mag, die einen am Schnittcomputer erfasst. Es ist die Melancholie der Macht am Schneidetisch, an dem Gott seinen siebten Tag verbracht hätte. So ist "Standard Operating Procedure" ein wirklich trauriger Film über die Gewalt des Films geworden.Standard Operating Procedure13. 2.: 18.30 und 21 Uhr, Urania.------------------------------Der Film zeigt, wie die Grenze zwischen den offiziellen Dienstanweisungen der Militärverwaltung und dem kriminellen Exzess sich verwischt.------------------------------Foto: Abu Ghoreib: Charles Graner und seine spätere Frau Megan Ambuhl posieren hinter ihren Opfern.
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