TURIN. Manchmal können Freude und Leid sechzig Zentimeter auseinander liegen. Hans-Jörg Butt, der Torwart des FC Bayern München, stand am Dienstagabend vor dem Rasen des Turiner Olympiastadions, neben ihm stand Diego, der Spielmacher von Juventus Turin. Butt sagte: "Wir sind froh, dass wir das Achtelfinale erreicht haben. Das ist eine schöne Geschichte." Er schien erleichtert zu sein. Diego blickte ernst; die italienischen Journalisten stellten ihm Fragen, die wirkten wie Maschinengewehrsalven. 4:1 im letzten Gruppenspiel der Champions League, ein Ergebnis wie von Blei behängt und ins Gesicht geschleudert, für die einen. Ein Ausbruch der Befreiung, für die anderen. 90 Minuten können viel bewirken im Fußball.Das ist die eine Geschichte dieser Nacht von Turin, dokumentiert zum Beispiel durch Karl-Heinz Rummenigge, der zu jedem Journalisten und dann noch einmal auf seiner Bankettrede von einer "magischen Nacht" und einem "historischen Abend" sprach, stets in dieser Reihenfolge. Der vom "unglaublichen Willen der Mannschaft in der Kabine" berichtete, Trainer Louis van Gaal "zu diesem außergewöhnlichen Erfolg" gratulierte, Bastian Schweinsteiger "das beste Spiel, seit er bei Bayern ist", bescheinigte. Und die Euphorie nutzte, um sämtliche bisherigen Probleme in ein fernes Reich außerhalb der Vereinsgrenzen zu verweisen: "Wir hatten nie Unstimmigkeiten, die Unruhe wurde von außen herangetragen."Spät nachts saß Rummenigge an einem Tisch im Saal des Mannschaftshotels, mit Uli Hoeneß, dem Vizepräsidenten Bernd Rauch und anderen Zigarre rauchenden Herren. Rummenigge lachte oft und laut, er stieß immer wieder mit Rotwein an; er genoss den Abend, warum auch nicht. Schließlich war nicht mit einem derartigen Spiel zu rechnen, zustande gekommen durch eine beeindruckende Leistung. "Damit haben selbst wir nicht gerechnet", sagte Daniel van Buyten, als er als letzter Spieler das Bankett verließ, da war es schon bald halb drei.Die andere Geschichte dieser Nacht, das war die Geschichte von Hans-Jörg Butt. Der Torwart Butt ist vor zwei Jahren zum FC Bayern gegangen, als Nummer zwei hinter Michael Rensing, ein in die Jahre kommender Profi, der dem jungen Rensing Rückhalt geben sollte. Rensing ist jetzt die Nummer zwei, zuletzt geplagt von Verletzungen, Butt die Nummer eins. Unumstritten. "Ich habe immer gesagt, dass ich zum FC Bayern gekommen bin, um zu spielen", sagt Butt, "im Moment passt das ganz gut." Er lächelt nicht einmal, wenn er so etwas sagt, Butt ist keiner, der seine Freude in Genugtuung verwandelt und sie dann vor sich herträgt; Butt ist kein Rummenigge. So ruhig und souverän, wie er da nun neben dem Rasen steht, so stand er auch darauf, vorher, als er den Elfmeter zum 1:1 verwandelte. Um ihn herum tobte das Stadion, aber als Butt den Ball links unten versenkt hatte, als stünde er im Training, da war es plötzlich still."Sensationell" sei das gewesen, fand Sportdirektor Christian Nerlinger, aber Butt sei ja schon seit Längerem der Elfmeterschütze Nummer eins, das habe sich "im Training herauskristallisiert". Nummer zwei und drei sind Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger, aber wenn Butt schießt, ist ihnen das am liebsten. "In so einer Situation musst du versuchen, alles auszublenden", sagt Butt. Welchen Puls er gehabt hätte, wisse er nicht, aber der sei nach dem Elfmeter sicher höher gewesen.Er hat damit nun womöglich gar Argumente für seine Weiterverpflichtung geliefert - es schien ja bereits beschlossen zu sein, dass der FC Bayern für kommende Saison eine neue Nummer eins holen würde. Jetzt sagt Nerlinger: "Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, es zählt das Leistungsprinzip, und Hans-Jörg Butt bringt eine hervorragende Leistung."Dieses Selbstverständnis des FC Bayern, mir san Leistungsgesellschaft, das hat auch Butts ehemaliger Kollege in Hamburg, Ivica Olic, kennen gelernt. Und das wäre die dritte Geschichte dieser Nacht, nein, die Fortschreibung einer begonnenen Geschichte. Das "vielleicht beste Spiel meiner Karriere" habe er in Turin absolviert, fand Olic, und er hatte Recht. Aber Olic ist kein Träumer.Als er mit Butt und den anderen am nächsten Tag in den Flieger nach Hause stieg, war er schon wieder auf dem Weg zurück in die Realität. Am Sonnabend spielen die Bayern beim VfL Bochum.------------------------------Kuriosum in der NachspielzeitGepunktet: Titelverteidiger FC Barcelona und Inter Mailand haben sich ins Achtelfinale der Champions League gekämpft. Der spanische Meister qualifizierte sich mit dem 2:1-Arbeitssieg bei Dynamo Kiew als Erster der Gruppe F. Mailand sicherte sich mit dem 2:0 gegen Rubin Kasan punktgleich den zweiten Rang.Geköpft: Neben dem FC Arsenal kam in Gruppe H Olympiakos Piräus nach dem 1:0 über die Briten ins Achtelfinale der Champions League. Für ein Kuriosum in der Gruppe sorgte Torhüter Sinan Bolat von Standard Lüttich, der seinen Klub gegen Alkmaar in der Nachspielzeit zum 1:1 und damit in die Europa League köpfte.------------------------------Foto: Wieder alles rund: Formvollendet bejubeln die Spieler des FC Bayern den Einzug ins Achtelfinale der Champions League.
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