Der FC Bayern schließt nach dem 2:4 gegen Leverkusen einen brüchigen Frieden mit sich selbst

Schweiß auf der Stirn

Daniel Theweleit
4 Min

DÜSSELDORF. Wenigstens in einem bedeutsamen Segment des Profisports macht der FC Bayern derzeit rasante Fortschritte: in der Fähigkeit, Niederlagen zu verarbeiten. Nachdem der Titelverteidiger am Mittwochabend im Viertelfinale des DFB-Pokals von grandios aufspielenden Leverkusenern in seine Bestandteile zerlegt worden war und 2:4 (0:0) verloren hatte, versammelte Trainer Jürgen Klinsmann seine Mannschaft in der Kabine und bat um einen Moment der Besinnung. "Wir haben uns hingesetzt und gesagt, dass wir Ruhe bewahren und diese Situation annehmen müssen", berichtete Klinsmann später - es war die einzige Trainermaßnahme des Abends, die Früchte trug. Diesmal verzichteten die Spieler auf öffentliche Kritik an der Aufstellung oder an taktischen Variationen, eine gewisse Routine des Misserfolges stellt sich ein.Selbst Uli Hoeneß war gefasster als nach den Niederlagen im Februar. "Das ist jetzt der erste richtige Rückschlag", stellte der Münchner Manager nüchtern fest, "die anderen Dinge sind ja alle noch reparabel." Eigentlich wäre diese Erkenntnis Anlass für besonders heftige Kritik, doch nur der Schweißfilm auf seiner Stirn verriet, dass es gärte im Inneren des Managers. "Es macht ja keinen Sinn, sich hier vor Millionen Leuten zu profilieren, alles besser wissen, das können viele, alles besser machen, das wollen wir", sagte Hoeneß. Die Bayern haben erkannt, dass ihre Abwärtsspirale nicht über autoritäre Maßnahmen oder öffentliche Schuldzuweisungen gebremst werden kann, vielmehr tritt immer deutlicher zu Tage, wie komplex die Ursachen der Probleme sind.Nach wie vor sucht die Mannschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen defensiver Ordnung und offensiven Freiheiten. Nun hat Klinsmann sich überzeugen lassen, grundsätzlich defensiver zu agieren, doch auch das ging schief. "Wir wollten Leverkusen kontrollieren und haben darauf spekuliert dass die am Ende etwas abbauen", sagte Hoeneß. Erst als es in bester Klinsmann-Manier hieß "Leinen los!", hat die Mannschaft "plötzlich unglaublich reagiert", so Hoeneß. Da stand es allerdings schon 3:0 für Bayer.Die fußballtaktische Debatte ist längst nicht das einzige Problem der Klinsmann-Bayern. Es zeichnet sich die Brüchigkeit des sozialen Gefüges beim FC Bayern ab. Auf dem Platz wird kontrovers diskutiert, und immer wieder kommentieren die Münchner Aktionen der Mitspieler mit abfälligen Handbewegungen. "Fußball ist einfach ein Kollektivspiel, und wenn das Kollektiv nicht funktioniert, dann kann uns auch kein einzelner Spieler helfen", umschrieb Hamit Altintop den heterogenen Zustand der Gruppe. Das nicht ganz einfache Verhältnis der Mannschaft zu ihrem Trainer verstärkt eine solche Dynamik.Klinsmann hofft nun auf die heilende Kraft der Champions League. Ein Problem sei, dass der FC Bayern im Vorjahr das Double gewonnen habe, meinte er, "deshalb haben die Spieler in Pokal und Bundesliga im Hinterkopf, dass das schon irgendwie laufen wird". In der Champions League sei das Team hingegen "in allen Spielen imponierend aufgetreten", diese innere Haltung gelte es auf die Bundesliga zu übertragen. Eine vage Hoffnung angesichts der Dimension des Problems.Auf eine Wende in der Bundesliga wartet zwar auch Leverkusen, doch die Aussichten dazu sind ungleich besser. Trainer Bruno Labbadia hatte nach der Häufung von Niederlagen befürchtet, dass die Mannschaft "irgendwann den Glauben an sich verliert", auch in Leverkusen hatte ja gerade eine Grundsatzdebatte über Dinge an Fahrt aufgenommen, die sich nicht so leicht ändern lassen. Kritiker halten das Team für zu jung, zweifeln an der Mentalität der Spieler, "deshalb war dieser Sieg ein Befreiungsschlag für die ganze Mannschaft", sagte Kapitän Simon Rolfes. Denn gegen Leverkusens Fußballkunst vom Mittwochabend gibt es keine Argumente.Sie hatten ihr aggressives Pressingspiel durchgesetzt, um nach Balleroberungen feingliedrig und temporeich nach vorne zu kombinieren. Die Kulisse in Düsseldorf produzierte Geräusche größter Bewunderung. "Jeder hat mitgemacht, die Jungs haben extrem zusammengearbeitet", sagte Labbadia. Vielleicht ist der Klub jetzt heimisch geworden in seinem Düsseldorfer Exil, und der lange Leverkusener Winter hat in diesem Urknall sein Ende gefunden.------------------------------"Die Niederlage nervt." Jürgen Klinsmann, unentspannt------------------------------Foto: Wie viele arbeitsame Fußballer aus Leverkusen und München auf ein einziges Foto passen? Na, zählen Sie doch einfach mal nach.

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