Der Film "Alles auf Zucker" von Dani Levy war der sympathische Absahner beim 55. Deutschen Filmpreis

Ich habe Hitler geschlagen

Anke Westphal
6 Min

Der Satz des Abends fiel Henry Hübchen ein. Wobei hier nicht unerwähnt gelassen werden soll, dass es viele gute Sätze gab während dieser 55. Verleihung des Deutschen Filmpreises, die erstmals in den Händen der Deutschen Filmakademie lag und außerdem von dem Entertainer Michael "Bully" Herbig moderiert wurde, der bislang nicht eben durch geringe Schlagfertigkeit auffiel. Der Satz des Abends also fiel dem Hauptdarsteller von "Alles auf Zucker!" ein: "Ich habe Hitler geschlagen!" triumphierte Hübchen, als er gestern in der Philharmonie den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller entgegennehmen durfte. "Ich habe Hitler geschlagen!", meinte natürlich in erster Linie, dass Bruno Ganz den Darstellerpreis für die beste männliche Hauptrolle nicht gewonnen hat, aber es bedeutete offenbar - und zwar nicht einzig für Henry Hübchen - auch mehr: Dani Levys neujüdisch-deutsch-deutsche Erfolgskomödie hatte den "Untergang" von Bernd Eichinger (Produzent) und Oliver Hirschbiegel (Regie) schon bei den Nominierungen zum 55. Filmpreis ausgestochen. Nun schlug sie dieses Experiment einer "Einfühlung in den Führer" noch einmal.Es war ein schöner Abend; das gesteht man gern ein bei aller Kritik an der Deutschen Filmakademie, die am Freitag noch einmal erklärt hat, warum es richtig und toll sei, Steuergelder an die eigene Branche zu verteilen. Als Akademiepräsidenten eröffneten die Schauspielerin Senta Berger und der Produzent Günter Rohrbach die Gala , die dem heiklen und wohl auch unfairen Vergleich mit den Oscar-Verleihungen standhalten sollte - und es über weite Strecken tatsächlich tat. "Bully" Herbig erwies sich als vortrefflicher Zeremonienmeister für eine Veranstaltung, die allen gefallen sollte, und einen Veranstalter - die Deutsche Filmakademie -, die offensiv, aber doch auch charmant für sich werben will und muss. Mit schöner Ironie demonstrierte Herbig Freude über seinen "Kulturauftrag"; aber noch mehr freute sich der Mann, der lange nicht als salonfein galt, darüber, bei dieser Gala auf der Bühne zu stehen, weil "ich Sie so alle so einmal von vorn sehen kann". (Rasender Beifall.)Das war hübsch ausgeteilt, aber natürlich wusste Günter Rohrbach, wen er da eingeladen hatte. Und letztlich war wohl auch das Publikum dankbar dafür, dass der staatstragend repräsentative Charakter der Veranstaltung etwas durchgeschüttelt wurde. "Nun haben wir sie - die Filmakademie", fasste Senta Berger gleich zu Beginn der Preisverleihung feierlich zusammen (stürmischer Beifall). Christina Weiss hob in ihrem Grußwort noch einmal hervor, wie "unglaublich sorgfältig doch das Auswahlverfahren gewesen sei, in dem Filmleute Filmleuten Geld zusprechen (frenetischer Applaus). "Der deutsche Film hat es verdient, gefeiert zu werden!" (orkanartiger Applaus). So wurde wohl noch nie ein Minister beklatscht, von einer Kulturstaatsministerin ganz zu schweigen.Christina Weiss kann wohl schon mal eine vorfristige Erfolgsbilanz ihrer Amtszeit ziehen, wenigstens was die Filmpolitik angeht. Deren Ziel war es, den deutschen Film "als Kultur- und Wirtschaftsgut" im Inland und im Ausland zu stärken - das hat sie erreicht. Weiss hat nicht nur die Gründung der Deutschen Filmakademie als Plattform für Kreative und Produzenten unterstützt, sondern diese Branchenorganisation auch - ungeachtet der Kritik - mit drei Millionen Euro Steuergeldern ausgerüstet und zur Vergabe des Deutschen Filmpreises ermächtigt. Sie hat ein novelliertes Filmförderungsgesetz durchgesetzt - auch gegen dessen Kritiker -, das den Erfolg von Filmen an der Kinokasse und auf internationalen Festivals belohnt. Das ist viel für eine kurze Amtszeit. Verhaltener Beifall indes genügt. Ob es nämlich tatsächlich Verdienst ihrer Politik ist, dass einheimische Produktionen 2004 zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen nationalen Marktanteil von fast 24 Prozent erreicht und fast 35 Millionen Kinobesucher hatten, ist nicht bewiesen.Der große Favorit und tatsächliche Gewinner des Abends hat jedenfalls kräftig beigetragen zu den guten Statistiken. Das eigentlich Erfreuliche und Wertvolle aber ist auch für Christina Weiss, und da hat sie nun einmal Recht, dass das deutsche Kino wieder authentische Geschichten erzählt. Und nun hat es ja mit der Repräsentations- und Kommunikationsplattform Filmakademie auch einen subventionierten Verein, der dieses nicht selten von den eigenen Mitgliedern geschaffene Wertvolle auch gleich selbst prämieren darf.Die Preisentscheidungen des Abends waren sicher sorgfältig, aber doch auch repräsentativ (siehe nebenstehende Spalte): Julia Jentsch als beste Hauptdarstellerin, Henry Hübchen als bester Hauptdarsteller und "Alles auf Zucker!" als sympathischer Absahner - da wurde schon auch das Breitenwirksame belohnt - umso schöner. Und es schadet wohl auch nicht, wenn ein Film außerdem bildet und belehrt. Bei Dani Levy lernt man bei aller Lustigkeit auch etwas über die zarten Anfänge eines neuen deutsch-jüdischen Selbstverständnisses. Und aus Marc Rothemunds "Sophie Scholl" etwas über die Kraft gläubiger Zivilcourage.Die Stärke der deutschen Filme liegt in der Authentizität der Geschichten - da hat Weiss nicht Unrecht. An einem guten Image möglicher Genrevielfalt ist indes noch zu arbeiten. Mit dem diesjährigen Filmpreissieger "Alles auf Zucker!", ist man auch da nicht auf dem übelsten Weg. Insgesamt lässt die Bevorzugung deutscher (Zeit-) Geschichte folgenden Rückschluss zu: Wenn man diese Filmthemen und das staatliche Repräsentationsstreben, wie es sich in Weiss' Verteidigung des Filmakademie-Gedankens niederschlägt, aneinander schließt, muss man annehmen, dass dem jungen deutschen Film im Ausland eine zunehmend wichtige politische Botschafterrolle zukommt. Immerhin verhandelt er ausgesprochen heikle Fragen auch der nationalen Identität. Und diese Überlegungen werfen ein neues Licht auch auf die Deutsche Filmakademie und ihre Preisentscheidungen in der Philharmonie.Wie sich die Deutsche Filmakademie künftig nach außen darstellen wird, konnte man am Freitag ahnen. Doch noch sind ihre finanziellen Grundlagen ungesichert. Und außerdem hat sie immer noch zu wenig Mitglieder, um den deutschen Film wirklich repräsentieren zu können. Hochangesehene Regisseure wie Christian Petzold, Benjamin Heisenberg, Angela Schanelec oder auch Christoph Hochhäusler hat man gestern vermisst.------------------------------"Bully" Herbig erwies sich als vortrefflicher Zeremonien- meister für eine Veranstaltung, die allen gefallen sollte.------------------------------Die Gewinner des Deutschen FilmpreisesBESTER SPIELFILM:"Alles auf Zucker" von Dani Levy.BESTER SCHAUSPIELER:Henry Hübchen ("Alles auf Zucker")BESTE SCHAUSPIELERIN:Julia Jentsch ("Sophie Scholl")BESTE REGIE:Dani Levy ("Alles auf Zucker")BESTE NEBENDARSTELLERIN:Katja Riemann ("Agnes und seine Brüder")BESTER NEBENDARSTELLER:Burghart Klaußner ("Die fetten Jahre sind vorbei")BESTES DREHBUCH:Holger Franke, Dani Levy ("Alles auf Zucker")BESTE KAMERA:Hans-Günther Bücking ("Schneeland")BESTER SCHNITT:Dirk Grau, Martin Hoffmann ("Rhythm is it!")BESTES SZENENBILD:Ari Hantke ("Der neunte Tag")BESTES KOSTÜMBILD:Lucie Bates ("Alles auf Zucker")BESTE FILMMUSIK:Niki Reiser ("Alles auf Zucker")BESTER TON:Gregor Kuschel u.a. ("Touch the sound")BESTER DOKUMENTARFILM:"Rhythm is it!" von Uwe Dierks, Thomas Grube und Andrea ThiloBESTER KINDER- UND JUGENDFILM:"Lauras Stern" von Thilo Rothkirch und Maya RothkirchEHRENPREIS:Reinhard Hauff------------------------------Fotos (2) : Henry Hübchen - bester Schauspieler im besten Spielfilm: "Alles auf Zucker" von Dani Levy.Beseelt: Preiskönig Dani Levy.

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