Der Film als Wiedergutmachung: Das Leben Romy Schneiders in einem schmerzlich-schönen Drama

Ein Mensch begehrt auf

Helmut Ziegler
6 Min

Was ich gesagt habe, als das Angebot kam?" Torsten C. Fischer schaut erstaunt ob der Frage. "Zunächst 'Nein', natürlich! Ich meine, ein Film über Romy Schneider? Wie sollte dies möglich sein?"Fischers Reaktion ist verständlich. Der 1963 geborene Regisseur ist gut im Geschäft, hat etwa "Tatort"-Folgen für den MDR oder WDR in Szene gesetzt. Er besitzt einen ausgezeichneten Ruf, gewann allein dreimal den Deutschen Fernsehpreis. All dies setzt man nicht unbedingt aufs Spiel. Denn eigentlich kann man mit einem Bio-Pic über Romy Schneider nur scheitern. Zu vielschichtig ist die Biografie der 1938 in Wien Geborenen und 1982 in Paris Gestorbenen, zu sehr taugt sie auch als Projektionsfläche. Welche Romy hätten's denn gern? Den süßen Fratz der Fünfziger? Die feministische Ikone der Siebziger? Die rätselhafte Verführerin? Oder doch lieber die Verzweifelte, von Rotwein, Zigaretten und Tabletten Verschlungene?Dass Fischers Haltung sich über Zögern zur Zusage wandelte, lag an seiner Neugier. "Zu viele meinen, sich sicher zu sein, wer Romy Schneider wirklich war. Doch wenn man nachhakt, erklingen oft nur Stereotype. Sissi. Der verstorbene Sohn. Vielleicht noch die Affäre mit Alain Delon - der einer jüngeren Generation schon nicht mehr vertraut ist." Ein biografisches Motiv kam hinzu: "Meine Mutter teilt ihren Geburtsjahrgang mit Romy Schneider. Wie sich ihre Generation an diesem Vorbild abarbeitete, dem wollte ich ein wenig nachspüren." Das Ergebnis dieser 5,8 Millionen Euro teuren Spurensuche ist nun zu besichtigen, 105 Minuten lang - und doch zu kurz.Postkartenidyll"Romy" beginnt mit Bildern aus dem Berchtesgadener Land, wo Rosemarie Magdalena Albach, wie sie offiziell hieß, bei ihren Großeltern aufwuchs. Ihre Eltern, die Kinogötter Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, fanden selten Zeit für ihre Tochter. Fischers Postkartenidyll gibt gleich zu Beginn Leitmotive aus Schneiders Leben vor. Die heile Welt, die lediglich im Wechselspiel von Schein und Sein existieren kann. Das Grundgefühl, dass all jene, nach deren Liebe sie sich sehnt, unerreichbar sind. Diese erste und viele andere Szenen wurden mit einer Super-8-Kamera gedreht. Deren grobkörnige, warme Bilder sorgen für einen privaten Touch, obwohl kein Originalmaterial verwendet wurde.Die große Bewährungsprobe steht dem Film allerdings noch bevor: Wie gut ist Jessica Schwarz? Lange Zeit stand nicht fest, ob Schwarz Schneider spielen würde. Es gab Terminprobleme - und Konkurrenz. Pünktlich zum 70. Geburtstag der "Unsterblichen" (Romy-Biograf Michael Jürgs) waren für 2008 drei Projekte geplant, neben der ARD-Produktion ein französischer sowie ein deutscher Kinofilm. Alle drei Drehbücher landeten bei Jessica Schwarz.Auf den ersten Blick ein erstaunlicher Gleichklang, die Ähnlichkeiten zwischen beiden springen nicht ins Auge. "GZSZ"-Darstellerin Yvonne Catterfield etwa kommt dem Original optisch näher - und war für den deutschen Kinofilm vorgesehen, bis dessen Finanzierung platzte. Doch Schwarz' Lebenslauf weist überraschende Parallelen mit dem von Romy Schneider auf.Beide standen früh in der Öffentlichkeit - Schneider mit dem ersten "Sissi"-Film 1955, Schwarz als 16-Jährige nach der Wahl zum "Bravo"-Girl. Beide absolvierten keine Schauspielschule, aber Ballett-Unterricht - und verfügen über eine entsprechende Körperlichkeit. Beide waren Fans von Frank Wedekinds Theaterklassiker "Lulu", in dem die Titelheldin mit ihrer offensiven Sexualität die bürgerliche Moral in Frage stellt. Beide mussten zudem beweisen, dass sie auch kreativ, nicht nur kommerziell erfolgreich sein konnten. Und, vielleicht Zufall, vielleicht Symbol: Beide rauch(t)en wie die Schlote."Ich habe noch nie so viel gequalmt wie bei 'Romy'", gesteht Schwarz. "Ich war unfassbar nervös." Kein Wunder, denn wie spielt man eine Legende, die als "Synthese aller Frauen" bezeichnet wurde? Die ihre emotionalen Filmfiguren fast vollständig aus eigenem Erleben und Erleiden erschuf?Schwarz versucht gar nicht erst, mit der Rolle zu verschmelzen, die fließende Sprachmelodie, die weichen Bewegungen zu imitieren. Sie interpretiert Romy Schneider in persönlicher Nachempfindung. Das funktioniert erstaunlich gut - und ehrlicher ist es in jeder Hinsicht. Alles bekannte Material von Romy Schneider ist inszeniert - ob Home-Story, Foto-Session oder Talk-Show-Auftritt. Das, was man von der "Berührbaren" (Der Spiegel) kennt, ist also nicht "echt". Wirklich haben sie nur wenige Freunde gekannt, mit einigen von ihnen konnte Jessica Schwarz sprechen.Die Furcht seiner Hauptdarstellerin hat sich Regisseur Fischer zu Nutze gemacht. An den Anfang der Dreharbeiten setzte er eine Szene, in der eine verunsicherte Romy ihren Vater trifft, zum letzten Mal. "Die Angst", sagte Fischer zu Schwarz, "die du vor der Rolle hast, ist perfekt für diese Szene.""Romy" erzählt viele solcher eher zarten Episoden. Die Besetzung hilft dabei, Heinz Hoenig verkörpert den schmierigen Wirtschaftsboss und Stiefvater Blatzheim perfekt, Thomas Kretsch-mann überrascht in der Rolle des Schneider-Ehemanns Harry Meyen als sperriger Intellektueller. Das Drehbuch von Benedikt Röskau ("Contergan") ist stimmig, die Kamera von Holly Fink ("Mogadischu") lichtet elegant eine Ausstattung ab, deren Opulenz nahe am Kitsch liegt, aber jedes Mal die Kurve kriegt. Einen Fokus legt der Film dabei auf Schneiders Kampf um Deutschland, das Land, welches sie auf Sissi reduzierte und, als dies nicht mehr gelang, als Flittchen und Verräterin denunzierte.Natürlich hätte man es anders, drastischer erzählen können. Etwa entlang ihrer Filmrollen, wo sich Schein und Sein immer neu vermittelten: In "Abschied in der Nacht" spielt Romy Schneider eine von SS-Schergen vergewaltigte Französin, in "Mado" eine depressive Alkoholikerin, in "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" die Adoptivmutter eines Kindes, dessen Vater von den Nazis ermordet wurde - zwei Jahre, nachdem sich ihr jüdischer Mann Meyen erhängt hatte, wenige Monate nach dem tragischen Tod ihres eigenen Sohnes David."Ihr entziffert mich nicht!""Romy" ist eher behutsam und respektvoll, fast wie eine Wiedergutmachung dessen, was andere Schneider antaten. Dabei dramatisch genug, schließlich kann man dieses Leben nicht anders denn als Tragödie darstellen - immer wieder begehrt ein Mensch auf, immer wieder wird er mit maßloser Härte abgestraft.Natürlich bleibt jener trotzige Satz, den Romy Schneider einst schrieb, auch nach Ausstrahlung bestehen: "Ihr entziffert mich nicht!" Alles andere wäre aber auch ein Wunder gewesen.------------------------------Romy; 20.15 Uhr, ARD------------------------------Ein kurzes LebenRomy Schneider wurde am 23. September 1938 in Wien unter dem bürgerlichen Namen Rosemarie Magdalena Albach geboren; sie starb im Alter von nur 43 Jahren am 29. Mai 1982.Nach der Ausstrahlung von "Romy" zeigt das Erste um 22 Uhr die dreißigminütige Dokumentation "Romy Schneider - Eine Nahaufnahme".------------------------------Foto: Romy Schneider hat sich in ihren Schauspielkollegen Alain Delon (Guillaume Delorme) verliebt.Foto: Zeiten des Glücks: In Paris genießt eine unbekümmerte Romy (Jessica Schwarz) das wilde Nachtleben.

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