BERLIN, 17. Februar. Der Grill hat schon Glut. Schnitzel, Würste und Buletten braten darauf, zwei große Plastikspender voller Senf stehen bereit. Der Moderator spielt Puhdys und Metallica, eine Endlosschleife aus "Hey, wir woll n die Eisbären sehen" und "Nothing else matters". Die Fans stehen vor dem Kino, neben einem überdimensionalen, aufgeblasenen Eisbären. Der Bär ist aus Plastik, die Fans sind ganz leise und die Spieler sind noch nicht da. Das hier ist eine Weltpremiere, versichert der Moderator immer wieder und warnt vor zügellosem Gebrauch von Wunderkerzen.Hohenschönhausen ist die WeltDas "Cinemaxx" in Berlin-Hohenschönhausen hat neun Leinwände, an diesem Abend wird nur ein Film gezeigt. Eine Premiere in allen Sälen. "Heimspiel" heißt der Film zum Verein, dem Eishockeyclub Eisbären Berlin. Sicher, er war schon einmal auf der Berlinale zu sehen. Doch das zählt hier nicht. "Hohenschönhausen ist die Welt!", so hat es der Moderator jedenfalls sehr laut gesagt. Vielleicht ist Hohenschönhausen nicht die Welt, aber es liegt im Osten. Und läge es nicht dort, wäre der derzeit nicht einmal mittelmäßige Eishockeyclub Eisbären Berlin wohl nicht zu filmischen Ehren gekommen. Der Osten ist ein schönes Thema. Für Pepe Danquart, den Regisseur des Eisbären-Films. Für Senator Film, den Verleih des Eisbären-Films. Hohenschönhausen bringt jetzt ein paar gute Zeilen: "Heimspiel und du fühlst den Osten" und "Der Osten spielt wieder mit". Die Geschichte des weiterhin geteilten Berlins, erzählt anhand eines kleinen Eishockey-Vereins, ist so lange aufgeblasen worden, bis sie dick und prall war wie der schwankende Eisbär vor dem festlich ausgeleuchteten Premierenkino.Auf der Suche nach dem Osten streifen Fernseh-Teams aller Anstalten durch das Kinofoyer. Sie finden Leute in Trikots oder Bomberjacken. Fans, die eine vage Vermutung im Herzen tragen, dass hier heute vielleicht etwas Besonderes geschieht, dass sie Teil von etwas Großem geworden sind. Für elf Mark lösen sie Tickets an der Kasse.Den Fans gilt das Ereignis als eine Bestätigung. Denn dass sie großartig sind und toll, einfach die besten Fans der Welt, das war ihnen auch vor diesem "Heimspiel" klar. "Ich sage mal so: Der Film spiegelt die Wirklichkeit genau wider", sagt einer von ihnen stolz. Dann kommt noch einer und sagt es auch, und dann noch einer. Und alle sagen das Gleiche. Dann kommen die Spieler. Sie gehen ins Kino 3.Dort sitzen die harten Fans, die noch nie ein Spiel verpasst haben, der Regisseur und sein Team. Mit Popcorn und Cola bewehrt, erleben die Fans eine visuelle Streicheleinheit für das, was ein Eisbären-Anhänger vor dem Kino als "gedemütigte Ost-Seele" bezeichnet hat. "Heimspiel" kommt über die Fans wie Himbeersauce über ein Eis. Ein süßer Film, der reibungslos heruntergleitet und schließlich einen überaus angenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Die Helden des Films, Spieler und Fans gleichermaßen, sprechen den Zuschauern in Hohenschönhausen wohl tatsächlich aus der Seele. "Du giltst doch nur als asoziales Pack, nur weil ich aus dem Osten komme, weil ich Eisbären-Fan bin" und dann: "Wir sind stolz auf den Osten, dass er den Westen schlägt." Der Jubel im Kino 3 übertönt an manchen Stellen ganze Monologe.Auf der Straße ist während der Filmvorführung kaum ein Mensch unterwegs. Es ist eine unwirtliche Gegend. Zwischen den Plattenbauten in Grau und Pastell ist das "Cinemaxx" mit seiner pinkfarbenen Leuchtreklame ein greller Fleck. Dort, wo man dem Einfluss des Westens bislang erfolgreich getrotzt hat, haben sich zwei Elemente über die Stadtgrenzen hinweg wiedervereint. Der klobige Körper der sozialistischen Architektur hat sich das hässliche Gesicht des Westens geschnappt ein Multiplex-Kino für Hohenschönhausen. Noch während im Saal der Abspann läuft, beginnen die Fans ihr Dankeschön zu skandieren. "Danke, Pepe, danke!" Danquart, 1994 für seinen Kurzfilm "Schwarzfahrer" mit einem Oscar geehrt, bekommt von einer kleinen Delegation einen Blechpokal in die Hand gedrückt. Das bringt seine Stimme zum Zittern. "Das war die schönste Premiere meines Lebens", sagt er und lädt zur Feier ins Foyer. "Es gibt Bier. Habt Spaß."Das Berliner Pilsener gibt es heute kostenlos. Nur zwei Mark Becherpfand müssen hergegeben werden. Die Werbemusikband Puhdys lädt immer noch zum Mitsingen ein. "Hey, wir woll n die Eisbären sehen, denn unser Leben wär so leer ohne Bär." Wurststullen kosten 1 Mark 50.Sind sie noch ein wenig stolzer geworden nach diesem Abend, die Fans aus dem Osten? Nein, sagt eine Frau im Trikot. "Aber die Wessi-Fans sind jetzt noch neidischer, weil die Capitals keinen Film bekommen haben." Und "der Ralf", ein großer Fan, der im Film mitspielt, der ist immer noch "einer von uns". Genau wie vorher. Und Opa Gerhart ohnehin. Auch wenn der älteste Freund der Eisbären jetzt Autogramme gibt. Wichtig ist nur: "Wir müssen nach vorne schauen. Am Sonntag kommen die Moskitos aus Essen zu uns."Nach dem Film leert sich das Kino schnell. Alle tun das, was sie nach einem Spiel immer tun: "Jetzt trinken wir noch ein bisschen was und dann gehen wir nach Hause." Pepe Danquart ist längst weg. Kein Wunder, hatte er doch vorher im Kino 3 erklärt: "Die Reise nach Hohenschönhausen ist nicht so selbstverständlich." Der rote Teppich"Wir richten Ihre Jugendweihe aus", heißt es auf einem Schild des Lokals "Beverlys Diner" neben dem Kino. Drinnen im Diner steht ein Barkeeper einsam hinter der Theke während draußen die Premierengäste fahnenschwenkend über die mehrspurige Straße und den großen Parkplatz gehen. Nach Hause, auf die Plattenbauten zu. Die Ordner bauen das Gitter ab, mit dem der kleine rote Teppich umzäunt war. Durch die Kinosäle schieben sich die ersten Putzkolonnen und sammeln leere Colabecher ein und Popcorntüten. Auf dem Parkplatz stehen noch ein paar Autos. Hinter den Scheibenwischern der Wagen klemmen kleine Zettel: "Geld verdienen mit dem Computer! Durch Freude verschenken Geld verdienen. Ausgereiftes, 15-jähriges Unternehmenskonzept!"
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]