Stasi-Pflanze

Selbstoptimierung: Warum mich der Rosenstock meiner Oma in den Wahnsinn treibt

Unsere Autorin fühlt sich seit längerem von ihrer Balkonpflanze bespitzelt. Doch welcher Fluch steckt wirklich hinter dem Erbstück ihrer Großmutter?

Patricia Hempel
Patricia Hempel
3 Min
Solange der Rosenstock blüht, ist bei unserer Autorin alles im Lot.

Solange der Rosenstock blüht, ist bei unserer Autorin alles im Lot.

© Berliner Zeitung

Es gibt viele Dinge, die einen zur Selbstoptimierung anstiften. Zum Beispiel die Lieblingshose, die nicht mehr passt. Oder das müde Gesicht im Spiegel am Morgen, das einem rät: Heute solltest du wirklich mehr Nein sagen.

Auch die Befunde eines großen Blutbilds können darüber entscheiden, was besser nicht mehr so oft im Einkaufswagen landen sollte. Bei mir ist es eine Kübelpflanze und sie treibt mich in den Wahnsinn!

Es handelt sich dabei um keine gewöhnliche Kübelpflanze, sondern um einen pinkblühenden Rosenstock auf meinem Balkon. Und weil er ein Erbstück meiner Großmutter ist, gerate ich jedes Mal in Panik, wenn mit dieser Pflanze irgendetwas nicht stimmt.

Ich bin jetzt zertifizierte Expertin für Rosenkrankheiten

Fangen die Blätter an zu welken oder frische Knospen sterben ab, egal wie oft ich gieße – blanker Horror. Sternrußtau, Rosenrost, Echter oder Falscher Mehltau – ich bin inzwischen Expertin in der Diagnostik von Rosenkrankheiten.

Irgendwie schaffe ich es jedes Jahr, diesen Rosenstock, den meine Großmutter mit Herzblut geliebt hat, im Sommer nicht verdursten und im Winter nicht erfrieren zu lassen. Doch es gab dieses eine Jahr, in dem er ohne ersichtlichen Grund alle Blüten auf einmal abwarf und bis in den Herbst hinein, wie Totholz in seinem Kübel steckte.

Kompost, Hornmehl, Kaffeesatz, Erste-Hilfe-Dünger – egal, welche Maßnahmen ich ergriff, der Rosenstock kümmerte vor sich hin. Meine Großmutter hatte es mir vor ihrem Tod am Telefonhörer angedroht: „Wenn ich mal nicht mehr bin, dann vergewissere ich mich von meiner Wolke aus, dass du keinen Blödsinn machst!“

Ich werde das Gefühl nicht los, bespitzelt zu werden

Ist der Rosenstock eine Art Überwachungsapparat aus dem Jenseits? Eigentlich liegt mein Glaube an Gespenster schon länger zurück, doch ich werde den Gedanken nicht los, dass mich mein Erbstück bespitzelt.

Der Sommer, in dem der Rosenstock fast einging, war kein guter: Trennung, Umzug, ein sinnlos ertragener Ausbeute-Job. Gibt mir meine Großmutter durch die Blume zu verstehen, wenn ich auf dem Holzweg bin?

Erst im Winter wurde es besser und mit ihm kamen die Blüten zurück. Und weil sich die Vorfälle gehäuft haben, an denen mir der Rosenstock klare Kante gezeigt hat, studiere ich ihn und mich selbst seitdem obsessiv. Ich bin mir nicht sicher, ob die Erklärung für seine Launen im Klimawandel, in einem Familienfluch oder aber im Fluch der Selbstoptimierung liegt.

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