Treptow, Eichenstraße, Spreenähe. Die älteren Berliner wissen, was hier mal war, aber das ist schwer vorstellbar für die jungen.Oben zog sich bis Herbst '89 der Todesstreifen entlang der Berliner Mauer. Unten, im Militärbunker, war bis zuletzt alles bereit, sich im Kalten Krieg als Dauerzustand einzurichten. Alles unter Kontrolle. Dafür gab es auch diese unterirdische Mauer quer durch den arena-Bunker. Sie hatte jeglichen Fluchtversuch durch den Flutgraben der Spree zu vereiteln. So war es. Und so sollte es bleiben, mindestens für hundert Jahre. Soviel Stand-Zeit hatte Honecker bekanntlich Ulbrichts Mauer vorausgesagt.Es kam anders. Die Mauer fiel ein wie eine morsche Bühnendekoration. Und es kommt nun sogar soweit, dass in diesem Treptower Grenzbunker dreißig Künstler aus allen Richtungen der Windrose, darunter zehn aus dem ehemaligen Ostblock, mit symbolischen, auch sehr direkten Bildern ihren freien Willen und die Freiheit ihrer Kunst demonstrieren. Zugleich stellen sie in ihren Arbeiten unbequeme Fragen. Etwa nach der Berechenbarkeit - oder Unberechenbarkeit - des freien Willens. Oder nach seiner Vernunftbegabung beziehungsweise seiner Emotionalität. Und sie fragen, was der freie Wille bedeutet für die Freiheit individueller Entscheidungen in einer Welt voller globaler Konflikte.Jener freie Wille vom Herbst 1989 und dem Jahr 1990 stürzte bekanntlich nicht bloß Grenzzäune, sondern auch ideologische Festungen ein. Er jagte die Betonköpfe aus ihren Funktionärsstuben. Die unterirdische Bunker-Mauer ist jetzt mit einer idyllischen Birkenwäldchen-Tapete überzogen. Liebreizende, aber auch ironische Symbolik. In Moskau und St. Petersburg gab - oder gibt es noch - einen gelbbräunlich destillierten Wodka namens Stolitschnaja (etwa: Hauptstadt-Wodka), dessen Etikett ein Birkenwäldchen (Berjosowyj Bor) zeigt. In der DDR gab es ein (Birken-) Haarwasser mit einem ähnlichen Etikett. Reisten Ostdeutsche in die damalige Sowjetunion, kauften und tranken sie mit Vorliebe jenen - übrigens äußerst preiswerten - Wodka, der bei ihnen "Birkenwasser" hieß. Die russischen Gastgeber adoptierten den Namen amüsiert und besorgten das hochprozentige Destillat in rauen Mengen. "Birkenwasser" (Berjosowaja Woda) besiegelte eine andere deutsch-sowjetische Freundschaft als sie in Reden, Zeitungen und Brigadetagebüchern hochtrabend und verlogen beschrieben wurde. In einem solchen Wäldchen ist kein Platz für Waffen, nicht für echte und nicht für verbale. Ein Birkenwäldchen ist die russische Landschaft schlechthin, hat aber auch in Deutschland, zumindest im Frühstadium des Jugendstils, Tradition. Die Worpsweder Malergemeinschaft um Heinrich Vogeler (der später für immer nach Russland ging), malte um 1900 solche Heimatidyllen um die Wette.Ein Birkenwäldchen ist ideal für ein Picknick, ein Plätzchen für Verliebte und Vertraute. Oder für Pilzsucher. Nina und Torsten Römer - sie Russin, er Deutscher - sind die Kuratoren der Bunkerausstellung mit dem Titel "Der freie Wille". Zusammen bespielten sie vor geraumer Zeit schon den Bunker unterm Alexanderplatz mit junger Kunst. Ihre Idee vom Birkenwäldchen auf der Betonmauer unterm Todesstreifen ist genial. Sie legt ein befreites Lachen über traurige Erinnerungen.Wegen dieser Erinnerungen malten, bildhauerten, fotografierten und installierten nun die dreißig Künstler aus Ost und West, Süd und Nord. Ihre Arbeiten für den arena-Bunker sind sehr frei, sehr ungebärdig, sie scheren sich nicht um Stile und Konventionen. Alle Kunstsprachen der Postmoderne sind aufgeboten, vom Realismus zum Surrealismus, von der Neo-Romantik zur Pop Art. Es wird montiert, projiziert und collagiert. In einer witzigen Installation "Stigmata Spa" etwa setzt sich Nadja Schöllhammer bissig mit dem Diktat der modernen Leistungsgesellschaft auseinander, dass jeder schön, jung, perfekt sein muss, um Erfolg zu haben und sich deshalb werbegestützt mit Sport und Wellness traktiert.Die Bildhauerin Annegret Bleisteiner hat eine (Kunststoff-) Gruppe von Schwimmern - die Frauen in blauen Badeanzügen, die Männer in roten Höschen, - zu einer (Wasser-) Akrobatik-Gruppe ohne Wasser zusammengehängt, schicksalhaft aufgetürmt, einander verbunden, zeitgleich freischwebend im Element. Frei und doch nicht frei, weil Teil vom Ganzen, das nach Gleichgewicht sucht. Ein Gleichnis für Freiheit, aber im sozialen und im politischen Kontext.Der freie Wille 30 internationale Positionen, vom 16. Juni bis 31. Juli, Di-So 14-22 Uhr, Eintritt 4 Euro, im arena-Bunker. Zur Vernissage am 16. Juni, 18 Uhr, spricht Michail Gorbatschow.------------------------------Foto: Küssen - nicht etwa für den Fotografen, sondern aus ganz freiem Willen, nämlich aus Liebe: Nina und Torsten Römer, das Kuratorenpaar der arena-Bunker-Ausstellung vor dem historischen Sowjetischen Ehrenmal in Treptow.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]