Der frühere Bayern-Trainer Jupp Heynckes springt bis zum Saisonende für Jürgen Klinsmann ein

Keine Experimente

Boris Herrmann
4 Min

BERLIN. Am Wochenende hat Uli Hoeneß in seinem Haus am Tegernsee - rein zufällig - einen alten Freund bewirtet, Jupp Heynckes. Weil der FC Bayern - rein zufällig - ein Heimspiel hatte, ist er am Samstag mit nach München ins Stadion gekommen. Und als Hoeneß nach diesem 0:1 gegen Schalke mal wieder einen neuen Trainer suchte, traf es sich dann eben ganz gut - und rein zufällig - , dass Jupp Heynckes in der Nähe war.Selbst wenn man Hoeneß abnimmt, dass er bis Sonntag um 17 Uhr "mit keinem Trainer der Welt" über die Nachfolge von Jürgen Klinsmann verhandelt hat, so ist es doch keineswegs ein Produkt des Zufalls, dass er nun Jupp Heynckes als Interimslösung bis zum Saisonende präsentiert hat. Uli Hoeneß fürchtet nach 30 Jahren als Manager dieses, seines Klubs um sein Lebenswerk. Und in solchen Momenten, das hat Strategie bei ihm, schart er seine Freunde um sich.Als er 1996 Otto Rehhagel entließ - ebenfalls nach der Ausrufung einer neuen Ära, die dann ebenfalls nach nur zehn Monaten an einem 27. April endete - da sprang Franz Beckenbauer für den Rest der Saison ein. Diesmal ist es mit Heynckes ein anderer Nationalmannschaftskumpel aus den goldenen Siebzigern. Es ist jener Mann, den Hoeneß vor 18 Jahren schon einmal vor die Tür gesetzt hat, nach zwei Meistertiteln und zwei Halbfinal-Teilnahmen im Europapokal der Landesmeister. "Wir haben damals beide geheult wie die Schlosshunde", erzählte Hoeneß am Montag.Die Tränenfreundschaft hat bis heute gehalten und fachlich bestand für den Bayern-Manager ohnehin nie ein Zweifel: "Jupp Heynckes ist eben ein Fußballlehrer." Interessant an diesem Satz sind vor allem die Zwischentöne. Vielleicht war es ganz gut, dass Klinsmann zu diesem Zeitpunkt bereits vom Vereinsgelände gerollt war.Stabilität statt InnovationAls der Chefstratege des WM-Sommers nach München kam, wurde er als Heilsbringer des zeitgenössischen Fußballspiels gefeiert, als unangepasster, laptopgestützter Muntermacher. Der Mann, der jetzt seinen Scherbenhaufen zusammenfegen soll, könnte unklinsmännischer nicht sein. Jupp Heynckes, 63, ist der älteste Trainer, den Bayern je hatte. Er steht für die gute, alte Fußballschule. Für Stabilität statt Innovation. Nach dem Berufsanfänger kommt der Frührentner. Die Schaltzentrale des Vereins widerlegt sich damit innerhalb einer Saison selbst. Und doch ist diese Zwischenlösung aus Sicht der Münchner durchaus nachvollziehbar. Heynckes hat offenbar aus alter Verbundenheit zum Klub gar nicht über Geld reden wollen, bevor er zusagte. "Wir brauchen wahrscheinlich noch nicht einmal einen Vertrag", trällerte ein erstaunlich gut aufgelegter Hoeneß am Montag. Und wohl nur aus Angst davor, dass ihm die notorisch bayernkritische Fachpresse gleich wieder eine Schwarzarbeiter-Affäre anhängt, schob er nach: "Obwohl wir natürlich einen Vertrag machen müssen." Es ging hier ja auch um einen durchaus heiklen Tagesordnungspunkt. Der Trainer Klinsmann war ein teures Missverständnis. Nächste Woche kommt sein Anwalt an die Säbener Straße, um eine Abfindung auszuhandeln. Da Klinsmann noch einen Vertrag bis 2010 hat, dürfte diese Abschiedsprämie nicht unter zehn Millionen liegen. Dazu kommt ein hübsches Investition-Sümmchen für die dringend notwendigen Reparaturmaßnahmen am Kader. Und der Trainer, der dann zur nächsten Saison übernehmen soll und, wie Rummenigge sagte, ein Volltreffer werden muss, wird auch nicht ehrenamtlich arbeiten. Da ist der Freundschaftsdienst von Heynckes überaus willkommen.Außerdem gewinnen Hoeneß und Rummenigge durch diese Personalie Bewegungsfreiheit auf der Suche nach einer Dauerlösung. Heynckes hat seine Karriere hinter sich. Sein Abschied nach vier Wochen als Notarzt steht fest. "Wir haben jetzt keine Geheimnistuerei mehr nötig", sagte Hoeneß.Wenn man ihn richtig versteht, dann hat er jetzt auch von Experimenten erst einmal genug. Heynckes soll Aufbruchstimmung verbreiten - und vielleicht auch noch die Meisterschale bringen. Es ist nur eine von vielen Teilironien, dass der alte und neue Bayern-Coach damit am Samstag gegen Mönchengladbach beginnen muss. Dort war die letzte Trainerstation von Jupp Heynckes - bevor er wegen Erfolglosigkeit zurücktrat.------------------------------"Er war immer geradlinig""Das Experiment Klinsmann war schon im Wesentlichen gescheitert." Helmut Markwort, Bayern-Aufsichtsrat in einer ARD-Sondersendung"Insgesamt muss man sagen, dass Jürgen dem Verein gegenüber grundsätzlich eine große Loyalität gezeigt hat, er war immer geradlinig und hat nie die Fehler bei anderen gesucht. Er hat sich stets vor seine Mannschaft gestellt. Das ist Charakter." Joachim Löw, BundestrainerDer Chef: Heynckes gewann als Trainer 1998 mit Real Madrid die Champions League. Er coachte Gladbach, Bayern, Bilbao, Frankfurt, Teneriffa, Benfica, Schalke.Der Assistent: Hermann Gerland, der Heynckes unterstützt, betreut seit 2001 die Amateure des FC Bayern. Diesen Job soll nun Mehmet Scholl übernehmen.Von Heynckes bis HeynckesJupp Heynckes 1.7.1987-8.10.1991Sören Lerby 9.10.1991-10.3.1992Erich Ribbeck 11.3.1992-27.12.1993F. Beckenbauer 28.12.1993-30.6.1994Giovanni Trapattoni 1.7.1994-30.6.1995Otto Rehhagel 1.7.1995-27.4.1996Franz Beckenbauer 29.4.1996-30.6.1996Giovanni Trapattoni 1.7.1996-30.6.1998Ottmar Hitzfeld 1.7.1998-30.6.2004Felix Magath 1.7.2004-31.1.2007Ottmar Hitzfeld 1.2.2007-30.6.2008Jürgen Klinsmann 1.7.2008-27.4.2009Jupp Heynckes ab 28.4.2009------------------------------Foto: Interimslösung II: Hermann Gerland wird Assistenztrainer.------------------------------Foto: Mein bester Freund und ich: Manager Uli Hoeneß (mit antizyklischer Brillenmode) und Trainer Jupp Heynckes (in bester Ballonseide) im Jahr 1990.

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