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Der „Goldene Esel“ von Berlin-Neukölln – eine Skulptur mit Geschichte

Seit 1985 steht der rostbraune Esel am Buckower Damm. Wie Eckhart Haischs Skulptur zur Bundesgartenschau entstand und zum Wahrzeichen wurde.

Gabriel Wolfson
8 Min
„Unverrückbar, geradezu unbeirrbar“ sitzt der „Goldene Esel“ am Buckower Damm in Berlin-Neukölln.

„Unverrückbar, geradezu unbeirrbar“ sitzt der „Goldene Esel“ am Buckower Damm in Berlin-Neukölln.

© Schöning/Imago

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In gewisser Hinsicht entspricht er fraglos seinem stärksten Stereotyp: Sturheit. Unzugänglich gegenüber jedweden Einwänden, sich selbst gut gemeinten Ratschlägen verwehrend, die Untugend zur Charaktereigenschaft erhebend, weicht er nicht von der Stelle, sondern behauptet wacker seinen Platz. So weit, so arttypisch.

Ungewöhnlich hingegen ist die dabei eingenommene Sitzposition mit zwei auf dem Boden ausgestreckten und zwei in die Luft ragenden Hufen. Verstärkt durch die zur Seite gedrehten Schlappohren entsteht ein unbeschwerter, geradewegs verspielter Eindruck, der trotz der rostbraunen Stahlkonstruktion ungeachtet ihrer 6,30 Meter Höhe keine Minderung erfährt.

Es sind auch diese Attribute, auf die die Geltung als markanter Orientierungspunkt im städtischen Raum zurückgeht. Im geografischen Zentrum Neuköllns, an der linksseitig südlichen Ecke der Kreuzung Buckower Damm/Mohriner Allee gelegen, stellt die Eselskulptur gleichsam für Fußgänger wie Autofahrer einen unübersehbaren Vertrauten dar.

Diesen Status nimmt der „Goldene Esel“, wie das Kunstwerk offiziell heißt, seit über vier Jahrzehnten in Anspruch. Seine Entstehungsgeschichte ist unauflösbar mit der Bundesgartenschau (Buga) von 1985 verbunden. Deren Historie reicht wiederum in die Zeit kurz nach dem Mauerbau, als erste Überlegungen der Stadtväter zirkulierten, diese öffentlichkeitswirksame Veranstaltung im bundesrepublikanischen Teil der nunmehr geteilten Stadt auszurichten.

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Sowohl ideologische als auch pragmatische Absichten gingen hierbei Hand in Hand. Man erhoffte sich Aufmerksamkeit für das Geschick der „Frontstadt“, suchte aber zugleich nach der Schaffung grüner Ersatzflächen angesichts des abrupten Wegfalls der traditionellen Naherholungsgebiete im Osten Berlins wie des brandenburgischen Umlandes. Mit dem Bau der Großsiedlung Gropiusstadt wurde das Defizit an öffentlichem Grün verschärft; rund ein Drittel der West-Berliner Bevölkerung lebte inzwischen in den südlichen Bezirken, war jedoch – gutachterlich bestätigt – mit naturnahen Erholungsmöglichkeiten unterversorgt.

Ein Park für den grünen Süden

Auch politisch als untragbare Situation aufgefasst, verband sich die Einsicht einer drängenden Notwendigkeit mit dem bis dahin immer wieder aufs Neue aufgeschobenen Gedanken zur Durchführung einer Bundesgartenschau. Der Wille zum Handeln geriet zur Wirklichkeit, als das Abgeordnetenhaus auf Antrag des Senats im Sommer 1975 die finale Entscheidung zur Realisierung gab.

Erstmals seit der ein halbes Jahrhundert zurückreichenden Eröffnung der Volksparke Rehberge und Hasenheide sollte ein Großprojekt dieser Dimension angegangen werden. Eine unter der Schirmherrschaft des Senators für Bau- und Wohnungswesen agierende Projektgruppe übernahm die Koordination des gewaltigen Unterfangens, das unter expliziter Einbeziehung der Wünsche der Bürger Gestalt anzunehmen hatte.

Fast eine Viertelmillion Fragebögen – Motto: „Wir planen den grünen Süden“ – landeten in den Briefkästen von Neuköllner und Tempelhofer Haushalten, von denen aber weniger als ein Prozent beantwortet den Weg zurückfanden. Umso ergiebiger erwies sich die Auswertung, der zufolge das Verlangen nach einem der Entspannung dienenden, naturbelassenen Rückzugsraum die Prioritätenliste bestimmte.

Eine bis dahin teils landwirtschaftlich genutzte, stellenweise von Kleingärten durchzogene, hie und da brachliegende Fläche zwischen den Ortsteilen Buckow, Britz und Mariendorf lud zur Umsetzung der Vorstellungen ein. Mit einem Budget von rund 100 Millionen Mark ausgestattet, begannen zeitnah die umfangreichen Arbeiten, die das hierfür auserkorene Gelände markant verändern würden.

Ab dem Herbst 1978 begann die Pflanzung von mehr als 3000 Bäumen, im Jahr darauf die Modellierung einer zehn Hektar großen Seefläche. Die während dieses Prozesses ausgehobenen Erdmassen erlangten als drei Hügel von zwölf bis neunzehn Metern eine neue Daseinsform. Schiere Großzügigkeit zeigte die florale Varianz: Über 150 verschiedene Stiefmütterchen-, 260 Tulpen- und 385 Rosensorten sorgten alsbald für ein wogendes Blumenmeer. Sorgfältig angelegte Themengärten kontrastierten bewusst unberührt gelassene Wildflächen.

Künstlerische Komponenten galt es zu berücksichtigen

Doch nicht nur rein botanischen Erwägungen kam in den Planungen eine wesentliche Bedeutung zu; einen unerlässlichen Bestandteil des Gesamtentwurfs bildete die Einbeziehung künstlerischer Komponenten. Der vonseiten der Politik aufgebrachte Stellenwert ließ sich auf fünf Millionen Mark beziffern, wovon, so der in der Senatsbauverwaltung federführende Klaus Keller, „eine parkliche Kunst zu erschaffen sei, die sich mit den landschaftsräumlichen Vorgaben des Parkes auseinandersetzt und den Besuchern Blickpunkte und Orte zum Verweilen anbietet“.

Um das Erwartete verwirklicht zu sehen, hielt das Land Berlin insgesamt zehn Wettbewerbe ab, die konkreten Aufgabenstellungen gewidmet nach permanenten Objekten wie auch temporären Aktionen fragten. Der Maßstab umfasste gleichermaßen ästhetisch-funktionale Aspekte, welche den jeweilig angedachten Standorten entsprachen. Da nicht nur das eigentliche Parkgelände, sondern ebenfalls die nähere Umgebung in den Fokus genommen und damit unter ein übergreifendes Gesamtkonzept gestellt wurde, musste eine angemessene Bewältigung zahlreiche städtebauliche Gegebenheiten berücksichtigen.

Bevor der „Goldene Esel“ zum Wahrzeichen wurde, entstand mit der Bundesgartenschau 1985 eine völlig neue Parklandschaft im Süden West-Berlins.

Bevor der „Goldene Esel“ zum Wahrzeichen wurde, entstand mit der Bundesgartenschau 1985 eine völlig neue Parklandschaft im Süden West-Berlins.

© Günter Schneider/Imago

Die Suche nach einem Wahrzeichen

Im wahrsten Sinne herausfordernd konnten nahezu 600 eingereichte Beiträge verzeichnet werden. „In der Summe“, wie die Kunstwissenschaftlerin und Preisrichterin Lucie Schauer bilanzierte, „zugleich ein repräsentativer Querschnitt durch die stilistische, inhaltliche und technisch-handwerkliche Vielfalt von Gegenwartskunst“. Exakt 197 betrafen die sogenannten Eingangssituationen, aus Sicht der Planer neuralgische Punkte, deren künstlerische Gestaltung vorzugsweise über die Dauer der Bundesgartenschau bestehen könnte, unbedingt aber auf ihre Ausrichtung verweisen müsste.

Das Augenmerk lag auf zwei Haupteingängen sowie dem zwischen ihnen liegenden Kreuzungsbereich, den vormals ein in der Kaiserzeit erbautes vierstöckiges Haus prägte. Obwohl dieses mitsamt seiner Ausflugsgaststätte Goldener Esel dem Abriss zum Opfer fiel, blieb der Name im Volksmund für den Ort erhalten.

Als Anklang an eine derartige Verbundenheit fand die „Manifestierung des populären Begriffes“ Einzug in den Kriterienkatalog, der den siegreichen Entwurf ermitteln sollte. Weitere Gesichtspunkte betrafen, wie dem Ergebnisprotokoll der Preisgerichtssitzung ferner zu entnehmen ist, die Idee, Wirkungsweise, Materialien, Kosten, eine „stadträumlich ausreichende Dimensionierung“ und die Vermeidung störender Einflüsse auf den Straßenverkehr.

Am 12. und 13. Dezember 1983 tagte in den Räumlichkeiten der Technischen Universität die Jury unter Vorsitz des bildenden Künstlers Waldemar Grzimek, dessen von sanfter Rigorosität gekennzeichnete Amtsführung unermüdlich die „Bewertung von handwerklicher Qualität, Schönheit und Geschmack“ hochhielt. Das Prozedere selbst sah die Vorstellung nebst Erläuterung der zu beurteilenden Arbeiten sowie mehrere Rundgänge mitsamt anschließender Abstimmung vor. Von den anfänglichen 65 Vorschlägen bezüglich des „Goldenen Esels“ gelangte letztlich ein Fünftel in die engere Wahl, in der sich ein breites Spektrum vielfältiger Ansätze und Ausdrucksformen offenbarte.

Miteinander konkurrierte einerseits eindeutig Greifbares wie Skulpturen von zwei Stelzenläufern, ein Totempfahl mit Tierkopfmotiven, eine vergoldete Baumwurzel auf einer Säule mit andererseits eher kryptisch Anmutendem („Environment aus architektonischen und plakativ-flächigen, kinetischen Elementen“). Eine Ausführung schlug die Errichtung einer begehbaren Pyramide mit Sternenhimmel vor, ein anderer regte ein turmartiges Gewächshaus an, ein weiterer sprach sich für einen künstlichen Quellhügel aus. Das Wohlwollen der Juroren vermochte jene Einreichung auf sich zu vereinigen, deren Umsetzung bis auf den heutigen Tag den Stadtraum ziert.

Der Siegerentwurf

Mit acht Dafür-, drei Gegenstimmen und einer Enthaltung wurde Beitrag Nummer 25 zur Verwirklichung empfohlen. Sein Urheber, Eckhart Haisch, hatte in der Projektskizze auf konsequenten Minimalismus gesetzt, auf schnörkellose Radikalität und klarste Formensprache. Seinen obligaten Erläuterungsbericht leitete er mit den programmatischen Worten „Nicht mehr, nicht weniger – ein Esel!“ ein, worauf ein mehrzeiliges, aus des Römers Apuleius Hauptwerk „Der Goldene Esel“ entnommenes Zitat folgte, das die Verwandlung eines Menschen in besagtes Titeltier schilderte.

In der schriftlichen Beurteilung machte dieser mühelose Rückgriff auf klassische und Lokalgeschichte, diese „Verbindung von Kunst und Popularität“ die vorschwebende Silhouettenfigur zum Favoriten des Preisgerichts. Nicht unwesentlich für den Entscheidungsfindungsprozess dürften der offenkundige thematische Bezug zur Natur, die hohe Eignung als landschaftliches Merkzeichen, das witterungsbeständige Material (Cortenstahlblech) und die im Vergleich zu allen übrigen Entwürfen am niedrigsten veranschlagten Herstellungskosten gewesen sein.

Im Frühjahr 1985 war es so weit: Die Pforten der Buga öffneten sich, Heerscharen an Besuchern pilgerten erwartungsvoll ihnen entgegen. Bundespräsident und Bürgermeister empfingen sie mit weihevollen Worten – Richard von Weizsäcker würdigte „Engagement und Sachverstand“ der Verantwortlichen, Eberhard Diepgen sah den Beweis erbracht, „dass sich selbst auf dicht besiedeltem Stadtraum noch Freiräume verwirklichen lassen, und zwar städtebaulich, ökologisch und sozialpolitisch anspruchsvoll“.

Über 90 Hektar Blütenpracht und Naturschauspiel laden seitdem zum Verweilen ein. Allzu viel Beachtung, geschweige denn Zuneigung seitens Erholungssuchender, wird dem Goldesel wohl kaum zuteil. An fotogenen Fertigkeiten beschränkt, erschöpft sich seine Präsenz in der Funktion als einprägsames Wahrzeichen. Unverrückbar, geradezu unbeirrbar posiert er an der Kreuzung, gänzlich unbeeindruckt von dem ihn umbrandenden Verkehrsfluss, in seiner störrischen Eigenart.

Gabriel Wolfson ist Doktorand der Geschichtswissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

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