Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
1985 – das Jahr, in dem sich zwei Giganten gegenüberstanden. Nicht auf dem politischen Schlachtfeld des Kalten Krieges, sondern auf den Schreibtischen und in den Kinderzimmern einer ganzen Generation im Westen und auch in der DDR – wenn man nette BRD-Verwandte hatte. Auf der einen Seite der Commodore Amiga, auf der anderen der Atari ST. Zwei Heimcomputer, die innerhalb weniger Wochen das Licht der Welt erblickten. Technische Wunderwerke ihrer Zeit. Aber auch Produkte einer erbitterten Feindschaft und Rivalität, die nicht nur die Firmenchefs, sondern auch Heerscharen von Fans entzweite.
Was klingt wie ein dramatisches Drehbuch, war reale Techgeschichte. Und sie begann mit einem Mann: Jack Tramiel, Holocaust-Überlebender, Gründer von Commodore, (Mit-)Erfinder des legendären C64 – und später Feind seines eigenen Erbes. Nachdem er Commodore 1984 im Streit verlassen hatte, übernahm Tramiel kurzerhand Atari, das gerade selbst in der Krise steckte. Doch Tramiel war keiner, der aufgab. Er trat an, um zu überleben.
Automobile der 70er: Als auf deutschen Straßen noch keine SUV unterwegs waren
Sein Plan: Die Übernahme der revolutionären Amiga-Technologie – ein Projekt, das insgeheim von einem Joystick-Hersteller ausgebrütet worden war und mit seiner Spezialhardware für Grafik und Sound neue Maßstäbe setzen sollte. Doch Commodore kam Tramiel zuvor, kaufte Amiga – und ließ den neuen Atari-Boss in die Röhre schauen.
Jack Tramiel 1986
© Thomas Schmidt/dpa
Die Folge: Jack schlug zurück. Innerhalb weniger Monate entwickelte er mit seinem Team den Atari ST, ein technisch respektables Gerät mit grafischer Benutzeroberfläche, dem gleichen 68000-Hauptprozessor von Motorola wie bei der Amiga (und Apple), eingebautem MIDI-Anschluss und einem unschlagbaren Preis. Aber auch Schwächen, wie einer nur schwer erweiterbaren Hardwareplattform, weniger Farben als der Amiga, einem piepsigen Soundprozessor und einem Betriebssystem, das in aller Eile lizenziert und adaptiert worden war. Zunächst aber lag Tramiel vorn: Im Januar 1985 wurde der Atari ST vorgestellt und war ab Mitte des Jahres lieferbar, als Commodore erst den Amiga präsentieren konnte.
Zwei Maschinen, zwei Welten
Der Atari ST war das schnell geborene Kind aus gekränktem Stolz und unternehmerischer Wut, der Amiga hingegen das technologische Meisterstück, das mit seinen Custom-Chips, echtem Multitasking, 4096 Farben und Stereo-Sound seiner Zeit um Jahre voraus war. Schnell spaltete sich die Welt in zwei Lager.
Der Amiga galt als Maschine für Grafikfreaks, Spieleentwickler und kreative Köpfe. Spiele wie „Shadow of the Beast“, „Turrican“ oder Anwendungen wie „Deluxe Paint“ setzten Standards. Animationsfilme, Demoszene-Kunstwerke und sogar frühe 3D-Grafiken verdankten dem Amiga ihre Existenz. Das noch heute in Film und TV verwendete Programm Cinema 4D entdeckte auf dem Amiga das Licht der Welt. Kein Wunder, dass selbst Hollywood ihn für Spezialeffekte entdeckte. „Space: Above and Beyond“, „Seaquest DSV“, „Babylon 5“ wurden zum Teil auf dem Amiga mit Lightwave berechnet.
Premiere vor 40 Jahren: der stilprägende Rechner für den Schreibtisch von IBM
Rund und bunt: So hat der iMac vor 25 Jahren die Welt verändert
Der Atari ST hingegen war die Wahl der Musiker, Textarbeiter und Desktop-Publisher. Durch seinen eingebauten MIDI-Port wurde er in Studios weltweit zum Standard. Künstler wie Jean-Michel Jarre, Fancy oder Fatboy Slim komponierten ihre Alben auf dem ST. Programme wie Cubase oder Notator entstanden hier, lange bevor das „Home Studio“ ein Modewort war.
Atari ST und Commodore Amiga wurden von vielen Kreativen verwendet: Commodore Amiga-Set-Up, mit dem Andy Warhol 1985 arbeitete, um im Auftrag von Commodore die Fähigkeiten des Computers zu demonstrieren.
© The Andy Warhol Museum/dpa
Doch so unterschiedlich die Nutzung, so ähnlich der Stolz der Anwender: Beide Lager sahen ihre Maschine als die einzig wahre. In den Leserbriefspalten von Magazinen wie ASM, Happy Computer oder Power Play tobten regelrechte Kleinkriege. „Atari ST? Spielt doch eh keiner!“ – „Amiga? Teures Spielzeug für Möchtegern-Grafiker!“ Die Kommentare waren bissig, leidenschaftlich – und manchmal beleidigend. Freundschaften zerbrachen, Schulhöfe wurden zu Schlachtfeldern der Argumente.
Vom Siegeszug zum Absturz
Technologisch konnte der Amiga langfristig überzeugen. Seine Architektur war moderner, erweiterbar, zukunftsfähig. Der ST wirkte bald veraltet. Die Schwächen der frühen Jahre weiteten sich zu gravierenden Nachteilen aus. Auch der Ende 1989 mit dem Amiga gleichziehende STE und später der Atari Falcon (1992), dieser sogar erkennbar an Steve Jobs NeXT orientiert, konnten nichts mehr reißen. Die Spieleentwickler wanderten ab, die Software-Vielfalt schrumpfte. Commodore konnte sich mit dem Amiga als Multimediaplattform etablieren – für einige Jahre zumindest.
Doch in der Hightech gibt es keinen Ruhestand. Das Ende geriet zur Tragödie: Trotz seiner Stärken verpasste Commodore die Integration in die entstehende PC-Welt. IBM-Kompatible und Apple Macintosh holten auf, Softwarefirmen konzentrierten sich auf Windows und MacOS. Amiga OS wurde nicht mehr ernsthaft weiterentwickelt, Commodore ging 1994 pleite. Die von ESCOM aufgekauften Reste firmierten noch als Amiga Technologies einige Zeit weiter, doch Neuentwicklungen gab es nicht mehr.
Atari, das zwar etwas länger durchhielt, erlebte mit der 64-Bit-Spielekonsole Jaguar sein letztes Aufbäumen – und wurde 1996 abgewickelt. Die Rivalität endete, wie sie begann: gleichzeitig – und tragisch. Zwei visionäre Geräte, begraben von schlechten Managemententscheidungen, verpassten Chancen und der Wucht des Marktes.
Ein Atari ST ist am 16. April 1985 auf der Hannover-Messe zu sehen.
© Wolfgang Weihs/dpa
Der Geist lebt weiter – im Herzen der Retro-Community
Und heute? Der Pixelkrieg ist vorbei, nicht aber die Rivalität, die heute sportlich ausgetragen wird. Eine neue Generation von Fans hat die Maschinen für sich entdeckt. Retro-Gruppen, Emulatoren, YouTube-Kanäle, Messen und Museumsausstellungen lassen an der Renaissance der einstigen Rivalen teilhaben. Amiga- und Atari-Nutzer basteln, reparieren, programmieren, konvertieren ihre Techdemos für die jeweils andere Plattform und vor allem: reden wieder miteinander. Was früher Grund für hitzige Leserbriefe war, ist heute Gesprächsstoff für Nerd-Talks und Freundschaften. Statt Feindbilder gibt es Respekt. Und statt Verachtung für das „andere Lager“ verbindet die Liebe zur klassischen Technik, die auch nach Jahrzehnten noch funktioniert und fasziniert.
Denn wer einmal Multitasking auf der Workbench erlebte, einen Macintosh-Emulator auf einem Atari ST gestartet oder „Turrican II“ auf Originalhardware gespielt hat, der weiß: Es geht nicht nur um Nostalgie. Es geht um eine Ära, in der Technik noch Pioniergeist hatte. In der man Chips und Datenleitungen noch mit bloßem Auge identifizieren konnte. In der zwei Maschinen, geschaffen aus Streit, die Computerwelt prägten – und heute zeigen, dass Gegensätze auch gemeinsam Geschichte schreiben können.
Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- (Uni Duisburg-Essen) sowie Medienwissenschaften (Uni Leipzig) und wurde habilitiert in Religionspädagogik (Uni Kassel). Er prüft Filmmedien bei der FSK und beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion, Kultur und Gesellschaft.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]