Der große Traum ist Amerika

Mechthild Henneke
3 Min

Ihr Fahrrad ist schon in Kroatien, wo sie selbst nie hin will. Die elfjährige Ivana träumt von Amerika. Doch ihr Vater hat das Rad vorsichtshalber per Post zurückgeschickt, denn vielleicht steht der Familie ein abrupter Aufbruch bevor. Das Mädchen, sein Bruder und seine Eltern wohnen in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Mitte. Seit fünf Jahren leben sie in Deutschland glücklich, dem Krieg entkommen zu sein. Ivanas Vater, ein 38jähriger Kroate, mag aber jetzt nicht einmal seinen Namen nennen, denn er hat Angst, daß er damit die Abschiebung seiner Familie provozieren könnte.Seit Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) überraschend über 100 Bürgerkriegsflüchtlinge aus Heimen und Wohnungen abholte und 74 von ihnen binnen weniger Stunden ins Flugzeug nach Sarajevo setzte, herrscht unter den Vertriebenen Furcht, ja Panik. Jeder könnte der nächste sein, denken sie.Ivana sitzt im Wohnzimmer und denkt nicht an eine mögliche Abschiebung. Sie ist eher ein bißchen sauer, daß sie wegen ihres Flüchtlingstatus Berlin in den Sommerferien nicht verlassen darf. "Das ist so langweilig", klagt sie. Ohnehin kann sie sich nicht mehr vorstellen, in Kroatien zu leben. "Ich spreche ja nicht einmal mehr richtig Kroatisch", sagt sie. Dafür aber perfekt Deutsch. Sie hat ihre ganze Schulzeit in Berlin verbracht fünf Klassen, und das letzte Zeugnis bestand nur aus Einsen und Zweien. "An unser Haus in Banja Luka erinnere ich mich nur, weil meine Eltern Fotos dabeihaben." Die Stadt liegt heute in der Serbenrepublik. In dem 300 Quadratmeter-Haus der Familie leben drei serbische Familien. Dorthin führt kein Weg zurück.Wie vielen Flüchtlingen fehlt Ivanas Familie die Heimat, in die sie zurückkehren könnte. Das Land ist geteilt. Kroaten und Bosnier, die früher in der jetzigen Serbenrepublik lebten, trauen sich nicht zurück. "Wer heimkehrt, soll sich einen eigenen Polizisten mitbringen. Ich kann für die Sicherheit nicht garantieren", soll der Ministerpräsident der Serbenrepublik, Milorad Dodik, gesagt haben. Das berichtet Ivanas Vater, der am liebsten nach Kanada auswandern will. Er ist Chemiker und hofft, dort Arbeit zu finden. "Ich möchte nach Florida", sagt Ivana und meint eigentlich Disneyland. Am liebsten führe sie dorthin in den Urlaub, doch dann wäre der Weg zurück nach Berlin versperrt. Soviel weiß die Elfjährige schon.Trotz aller Zukunftswünsche stehen in der kleinen Wohnung der Kroaten bereits Taschen mit dem Notwendigsten. "Wir haben das Wichtigste gepackt, für alle Fälle", sagt das Mädchen. Gott sei Dank hat sie eine Freundin in Sarajevo. Falls sie doch dort landen sollte, wüßte sie, wo sie mit Eltern und Bruder schlafen könnte. "Wenigstens in den ersten paar Tagen."

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