Der Gutachten-Streit über den Preis der Mobilität ist noch immer unentschieden

Wieviel kostet uns der Straßenverkehr?

Daniel Wetzel
4 Min

Berlin. Sommersmog, Waldsterben, jährlich 40 000 Verkehrstote: Der Preis der Mobilität ist hoch. Doch die Autofahrer haben die Rechnung längst beglichen, behauptet eine Studie der Autoindustrie.Für Achim Diekmann, den Präsidenten des internationalen Verbandes der Automobilindustrie (OICA), hat der deutsche Autofahrer genug berappt. Mit Kfz- und Mineralölsteuern in Höhe von 70 Milliarden Mark hätten die deutschen Autofahrer im letzten Jahr sogar 14 Milliarden Mark mehr bezahlt, als zur Deckung aller wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Kosten des Straßenverkehrs notwendig gewesen wäre.Laut OICA-Studie "Die externen Kosten des Straßenverkehrs", die Diekmann in Frankfurt vorstellte, wird der deutsche Wagenlenker im Jahre 2010 gar Zahlmeister der Nation sein. Wegen sinkender Unfallzahlen und Schadstoff-Emissionen lägen dann nämlich die Unfall- und Umweltkosten des Straßenverkehrs bei nur noch 18 Milliarden Mark. Zahlmeister Autofahrer Dem ständen 100 Milliarden Mark gegenüber, die der Autobesitzer an den Fiskus abführe. Die politischen Konsequenzen sind für Diekmann klar: Mehr Straßen müssen her. Alternative Verkehrskonzepte wie "Verkehr vermeiden, verlagern, verteuern" sind für den OICA-Präsidenten "lediglich ein Vorwand, den Autofahrer weiter zu schröpfen".Die Studie des OICA ist der jüngste Versuch, die wahren Kosten des Autofahrens in Mark und Pfennig zu beziffern. Doch in dem Zahlenwerk steckt viel Unsicherheit: bislang habe man sich an den Universitäten vergebens bemüht, auszurechnen, welchen Schaden das Auto in unserer Umwelt wirklich anrichtet.Beispiel CO2-Ausstoß: Für jede Tonne CO2, die mit den Abgasen in die Luft geblasen wird, nimmt die OICA-Studie einen Umweltschaden von 22,5 Ecu an. Eine Zahl aus dem blauen Dunst: Welchen Einfluß Abgase tatsächlich langfristig auf Ozon-Loch, Waldsterben und Sommersmog haben, darüber gibt es höchstens Vermutungen. Die OICA-Studie muß selbst einräumen, daß "weder das physikalische Ausmaß noch die ökonomischen Implikationen des sogenannten Treibhauseffektes vollends bekannt sind". Verkehrs-Wissenschaftler, wie etwa Hariolf Grupp vom Fraunhofer Institut für Systemtechnik, gestehen längst freimütig ein, daß hinter ihren Zahlenspielen "schwach ausgebildetes und angreifbares Grundwissen" steht. Beispiel Unfallopfer: Diekmanns Verkehrsexperten verbuchten unter "Unfallkosten" jeden Verletzten mit 15 000 Ecu. Jeder Verkehrstote war ihnen 650 000 Ecu wert. "Kosten", die der Autofahrer laut OICA-Studie durch seine Kfz- und Mineralölsteuern mehr als abbezahlt hat. Was kostet ein Leben? Für jedes Leben einen Fixpreis einzusetzen und daraus Verkehrspolitik abzuleiten, mag zynisch erscheinen. Der Rechen-Ansatz ist jedoch auch methodisch "außerordentliche problematisch", wie Hariolf Grupp schrieb. Volkswirtschaftlich sinnvoll wäre die Rechnung nur, wenn man bei jedem Unfalltoten das Alter miteinbezöge. Denn bei einem jungen Unfalltoten verlöre die Wirtschaft sehr viel mehr produktive Arbeitstage. Konsequenz: Der Tod eines Minderjährigen sei volkswirtschaftlich gesehen kein Schaden.Die Wissenschaftler versuchen sogar, die Todeskosten der Autoabgase auszurechnen. Aus dem Anteil des Straßenverkehrs an der Luftverschmutzung einerseits und den Todesfällen aus Atemwegserkrankungen andererseits errechnete Grupp einen Schaden von jährlich 4,6 Miliarden Mark. Über die begrenzte Aussagefähigkeit solcher Zahlen hat Grupp freilich keine Illusionen: "Es müssen Daten ganz unterschiedlicher Herkunft und Qualität benutzt werden, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen." Geringe Aussagekraft Auch die Aussagekraft der neuen OICA-Studie scheint gering: Für Rainer Willeke, Verkehrswissenschaftler an der Universität Köln, fußt die Rechnung "auf theoretisch überholten und empirisch fehlerhaften Konstruktionen". Ihre Annahmen seien "nichts mehr als politisch gebildete und damit meinungsabhängige Konventionen".So lassen sich psychische Schäden durch Autolärm nicht zuverlässig in Geld ausdrücken. Die Folgen von Smog und Waldsterben sind für niemanden abzusehen. Auch die Arbeitsstunden, die in den Staus der Volkswirtschaft verlorengehen, kann man bestenfalls schätzen. "Die landschaftlich-ästhetische Abwertung durch Straßenbau ist genausowenig zu quantifizieren", schreibt Grupp. So schwanken die Schätzungen verschiedener Institute über die externen Kosten des Straßenverkehrs gewaltig: während die Automobilhersteller glauben, mit 56 Milliarden sei alles bezahlt, rechnete das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI) mit über 300 Milliarden Mark. Zur Kostendeckung, so das UPI, müsse der Benzinpreis auf über fünf Mark pro Liter steigen. Eine Einschätzung, die sogar der Sachverständigenrat für Umweltfragen bei der Bundesregierung teilt.

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