HAMBURG. Als Albert Streit am Sonnabend nach einer Stunde gegen Jonathan Pitroipa ausgetauscht wurde, geschah etwas, was in der Hamburger Arena nicht mehr zu hören war, seit Martin Jol im vergangenen Sommer das Traineramt übernommen hatte. Mittelfeldspieler Streit, vom FC Schalke ausgeliehen, wurde hemmungslos ausgepfiffen. Gewiss war Streit gegen den 1. FC Köln zu wenig gelungen, um ihn mit Beifall verabschieden zu müssen. Diese Beschimpfungen aber waren mehr als die Reaktion auf eine wenig zufriedenstellende Leistung.Kurz klatschte sich Streit mit Jol am Spielfeldrand ab, dann eilte er in die schützenden Katakomben, unterhalb der geifernden Menge. Als "sehr enttäuschend" bewertete Jol die Reaktionen im Publikum. "Das tut mir unheimlich leid." Selbst Jol, ein Meister der Selbstkontrolle, hat Mühe, sachlich zu kommentieren, was allzu klar aus den Fugen geraten ist: Eine Saison, die verheißungsvoll begonnen hatte, die der HSV bis Anfang Mai bravourös gestalten konnte und die jetzt im Horror endet.In der Schlussetappe, die Belohnung für eine Tortur von Saison vor Augen, ist der HSV außer Kontrolle geraten. In den Halbfinal-Begegnungen des DFB-Pokals und des Uefa-Cups wurde er von Werder Bremen gedemütigt. In der Bundesliga vorgeführt, so schmerzhaft, dass Bernd Hoffmann unter der Woche von einem Trauma sprach, das die Hamburger noch lange begleiten werde. Wenigstens in diesem Fall spiegelt die Befindlichkeit des Vorstandsvorsitzenden die des ganzen Klubs wider. Die Niederlagen gegen Bremen haben mehr Wirkung gezeigt als vermutet. Martin Jol jedenfalls erschöpfte sich darin, sein verängstigtes und ausgebranntes Team wieder aufzurichten, seinem kraftlosen Körper wenigstens so viel Kontur zu verleihen, dass es noch das Minimalziel erreicht: Platz fünf, der zur Teilnahme an der neuen und lukrativen Europa League berechtigt.Beim 0:1 gegen Köln aber ist der HSV endgültig zusammen gebrochen, mit einer miserablen Vorführung hat er vermutlich die ganze Saison ruiniert. Die Europa League ist nur noch erreichbar, wenn Borussia Dortmund am letzten Spieltag bei Borussia Mönchengladbach patzt - und der HSV in Frankfurt gewinnt.Der HSV tut sich schwer, vom entrückten Zustand der Titelträumerei in die momentan zu harte Realität zurückzukehren: Das Auspfeifen von Streit ist Ausdruck davon, wie auch die Tatsache, dass Jol immer deutlicher seine Unzufriedenheit über die Transferpolitik seines Klubs äußert. "Man kann nicht für 42 Millionen Spieler verkaufen und dann hoffen, dass man Meister wird, so geht das nicht", sagte Jol, der 52 Pflichtspiele mit einem Kader bestreiten musste, dessen Qualität er für unzureichend hält, um hohe Ziele zu erreichen.Immer wieder hat Jol darauf hingewiesen, dass er mehr "Spezialisten" benötige, "mehr Kreativität". Verpflichtet wurde in der Winterpause ein Haufen von soliden Allroundern, die den Verlust von Rafael van der Vaart, Vincent Kompany und Nigel de Jong kompensieren sollten. Daran geglaubt hat Jol nie. Als van der Vaart nach Madrid ging, wollte der Niederländer sogar kurzfristig aufgeben. Sein Team aber schlug sich besser als vermutet, bis es kollabierte, als sich die Saison mit drei Wettbewerben unerträglich in die Länge zog. Und mehr Substanz abverlangte, als vorhanden ist.Am Ende dieser brutalen Spielzeit hörten sie auf, miteinander zu agieren, Fans und Spieler, Trainer und Vorstand, auch der Vorstand untereinander. Dass der innere Frieden beim HSV zerrüttet ist, zeigte sich an einer Szene, nach dem Debakel gegen Köln. Sportchef Dietmar Beiersdorfer gelang es kaum, seine Profis zum Hochhalten eines Transparents zu bewegen, das dem eigenen Anhang galt: "Danke für Eure einzigartige Unterstützung. Ihr seid meisterlich!" Dass es dabei zu keinen Handgreiflichkeiten gekommen ist, kann nur dem erschöpften Zustand der Profis zugeschrieben werden.Nach dem letzten Spieltag soll es beim HSV zu einer schonungslosen Aufarbeitung kommen. "Wir sind eingebrochen", räumt Sportchef Beiersdorfer ein. "Das gilt es zu analysieren." Eines darf als sicher gelten: Eine zweite Saison wird Martin Jol unter diesen Bedingungen nicht mehr mitmachen.------------------------------"Man kann nicht für 42 Millionen Euro Spieler verkaufen und dann hoffen, dass man Meister wird." HSV-Trainer Martin Jol------------------------------Foto: Suchender im Sucher der Kameras: Martin Jol, Trainer eines völlig erschöpften Hamburger Ensembles.
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