Theater

Mit Nazis spielt man nicht: Skandalroman „Mephisto“ am Hans-Otto-Theater

Sascha Hawemann findet mit Klaus Manns Schlüsselroman „Mephisto“ den Stoff der Stunde. Gehaltvolles, verspieltes, kopf- und herzöffnendes Theater in Potsdam.

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Alle sind „Mephisto“ in der Potsdamer Inszenierung von Sascha Hawemann. Auf dem Bild: Charlott Lehmann.

Alle sind „Mephisto“ in der Potsdamer Inszenierung von Sascha Hawemann. Auf dem Bild: Charlott Lehmann.

© Thomas M. Jauk

Potsdam hat den Stoff und den Regisseur gefunden, die zeigen, wozu Theater gut und nötig ist: Sascha Hawemann hat zur Spielzeiteröffnung in einer weitgreifenden und dennoch dichten Fassung ein Ensemblestück auf die Bühne gebracht, das von Klaus Manns Roman „Mephisto“ inspiriert ist. Ein Stoff, der zeigt, wie relevant und existenziell es sein kann, über das Theater und die Kunst nachzudenken, wenn man unerschrocken genug ist, zugleich über sich selbst und mit dem Blick in die Geschichte über die Gegenwart nachzudenken. Und dies geschieht hier nicht im Erklär- oder Diskursmodus, sondern als Spiel in konkreten Situationen, mit Figuren, die man verstehen, denen man manches verzeihen kann, über die man sich ärgert, die ihre Gründe und Nöte haben, ihre Lüste und Schwächen. Die sind wie wir im Jetzt.

Hentrik [sic!] Höfgens wäre nun allerdings eine Figur, vor der man sich lieber ekeln, mit der man sich eigentlich nicht identifizieren möchte: inspiriert von dem Schauspielstar und Staatstheaterintendanten Gustapf [sic!] Gründgens, der in der Weimarer Republik als Salonkommunist mit einem linken revolutionären Theater liebäugelte, bei den Nazis Karriere machte, die er in der Bundesrepublik fortsetzte. Ein Mann ohne Haltung, der seine Kollegen und Freunde über die Klinge springen ließ, hier und da aus gewissenshygienischen Gründen auch mal jemanden zu retten versuchte, den Luxus und den Ruhm genoss und sich furchtbar ärgern konnte, wenn man in Kritiken seinen Vornamen falsch schrieb.

Guido Lambrecht spielt Klaus Mann, er verlottert 1936 auf einer Matratze im Exil, versucht seinen Schlüsselroman über seinen Freund, seinen künstlerischen und erotischen Zwillingsstern Höfgens zu schreiben, der in Berlin geblieben ist, das Theater, die Homosexualität verrät und das gefeierte Leben an der Rampe genießt. Der Roman wurde zum Skandal, 1971 wegen Verletzung von Gründgens’ Persönlichkeitsrechten verboten, seit den 80ern trotz dieses Verbots verkauft und von Istvan Szabo mit Klaus-Maria Brandauer in der Titelrolle verfilmt: Oscar.

Die Angst vor dem Verschwinden

Hawemanns erster Kunstgriff in seiner Potsdamer „Mephisto“-Inszenierung ist diese Rahmung, die Schnitte, Perspektivwechsel, zeitliche und räumliche Sprünge möglich macht. Der zweite Clou ist, dass er Höfgens zu einem Jedermann-Mephisto macht, indem das ganze Ensemble abwechselnd in seine Rolle schlüpft. Als Zeichen reicht eine weitergegebene Hornbrille: Wer sie aufhat, egal ob jung, alt, Mann oder Frau, ist Höfgens und zugleich der Schauspieler, auf dem gerade die Aufmerksamkeit liegt.

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Dieser Umstand hebt allein schon dessen Spiellaune und führt mithin einen Charakterzug Höfgens’ vor Augen: die existenzielle Sucht nach dem Gesehenwerden, die Angst vor dem Verschwinden, die größer ist als die Angst, überführt und ermordet zu werden, größer als Selbstekel und Freundschaft. Ein Fest für die Spieler, und sie greifen herrlich zu. Es gibt Slapsticks, Tränendrücker, Albernheiten, Rockmusik (manchmal arg schief), Aktivistenpathos, Stummheit, Verwirrung. Sehr zu empfehlen ist das digitale Programmheft mit orientierenden Hintergründen, bitte vorher hineinlesen.

Hawemann ist ein Mann, der deutlich, aber nie eindeutig wird. Die Parallelen zur Gegenwart schreibt er nicht hinein; die finden sich. Die wirtschaftliche Lage, die Abstiegsangst, die Suche nach den Sündenböcken, gesellschaftliche Segregation und das als Faschismus entfesselte Spießertum – all das ist gefasst von klugem dialektischem Reflexions- und Einfühlungsvermögen, aber auch von Wut und gegebenenfalls Hass, von der vergeblichen Sehnsucht nach Klarheit und Gutsein. Man steigt ein, mit dem Kopf und mit dem Herz – und bleibt dreieinhalb Stunden dran. 

Mephisto. 8., 14. Oktober; 3., 11., 25. November im Hans-Otto-Theater, Potsdam, Karten und Anfangszeiten unter Tel.: 0331/9811-8 oder www.hansottotheater.de

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