So aufregend verlief es zuletzt im Herbst 1960. Vier Wochen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl ist kein klarer Favorit auszumachen. Als es knapp wurde, griff seinerzeit John F. Kennedy tief in die Trickkiste. Er rief seinen langjährigen Freund Frank Sinatra an, dessen Kontakte zum organisierten Verbrechen sicherstellen sollten, dass Kennedy in einigen Schlüsselstaaten die volle Unterstützung der Gewerkschaften bekommt. Bei den Arbeitnehmerorganisationen hatte die Mafia traditionell großen Einfluss. Zumindest in New Jersey und West Virginia, das ist heute allgemein bekannt, ging die Rechnung voll auf. Die Stimmen aus diesen beiden Staaten reichten, um dem Demokraten einen hauchdünnen Vorsprung zu bescheren. Wenn auch der versprochene saubere Wahlkampf noch auf sich warten lässt, darf man getrost davon ausgehen, dass weder George W. Bush noch Al Gore auf derartige Methoden zurückgreifen werden. Auch diesmal ist kein Sieger in Sicht. Bei der ersten Fernsehdebatte hatte der amtierende Vizepräsident zwar leichte Vorteile. Doch kaum ein Wähler wollte das einschläfernde TV-Duell zum Anlass nehmen, seine Meinung zu ändern oder als Unentschlossener sich nun endgültig festzulegen. Deutlich unterhaltsamer und substanzieller ging es bei den Vizepräsidentschaftskandidaten zu. Die anschließend befragten Wähler sahen den Republikaner Dick Cheney als klaren Sieger, obwohl auch Joe Lieberman einen souveränen Eindruck hinterließ. Doch mit der Ausnahme des Texaners Lyndon Johnson, der 1960 Kennedy die kritische Stimmenmehrheit im drittgrößten US-Bundesstaat sicherte, hat noch kein Vize die Wahl entschieden. Das wird auch dieses Jahr nicht anders sein. Was also können die beiden Spitzenkandidaten noch unternehmen, um bei dem zu erwartenden "Photo-Finish" als Erster ins Ziel zu kommen? Der Vizepräsident wird sein Erfolgsrezept beibehalten, inhaltliche und ideologische Differenzen in den Mittelpunkt rücken und bei jeder Gelegenheit seine Landsleute daran erinnern, dass es ihnen heute besser geht als vor Anbruch der Clinton-Gore-Ära. Die schwierige Gratwanderung, einerseits seine Individualität und Unabhängigkeit von Clinton zu etablieren und gleichzeitig dessen politische Erfolge in Anspruch zu nehmen, ist Gore meisterhaft gelungen. Er hat nicht die geringste Veranlassung, ausgerechnet jetzt einen Kurswechsel vorzunehmen. Schwieriger wird es für Bush, der womöglich schon sein Pulver verschossen hat. Das Ausbleiben einer Blamage bei der Fernsehdebatte galt für ihn als großer Erfolg. Der republikanische Gouverneur muss bei der nächsten Debatte, deren Talkshow-Format seinem legeren Stil deutlich entgegenkommt, unbedingt punkten. In der Sache hat er Gore wenig entgegenzusetzen. Allein die republikanischen Steuerpläne, die eindeutig die reichsten US-Bürger begünstigen, enttarnen den viel beschworenen "mitfühlsamen Konservativismus" als leere Worthülse. Bush bietet lediglich eine ideologische Alternative, die auf weniger Staat und mehr Eigenverantwortung setzt. Doch die unentschlossenen Wähler, die am siebten November den Ausschlag geben werden, konnte er bisher nicht überzeugen. Der Republikaner hat dennoch Chancen, den knappen Rückstand noch wettzumachen. Der Leitindex an der technologielastigen Nasdaq Börse hat seit Jahresbeginn ein Drittel seines Wertes verloren, Tendenz weiter fallend. Gerade die exorbitanten Kursgewinne bei Technologie-Aktien schürten aber den Optimismus der Verbraucher. Wenn die Kurse während der nächsten Wochen weiter abbröckeln, könnte dies Al Gore noch teuer zu stehen kommen.
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