Im Visier

Der Kanzler hat den Bezug zur Realität verloren: Schaffen Sie sich einen Hund an, Herr Merz

Die Geschichte beginnt bei Kohls Schäferhund und endet bei Merz. Dazwischen liegen Honecker, Joe Biden und die Frage, wie weit sich politische Eliten vom Alltag der Menschen entfernt haben.

8 Min
Bundeskanzler Friedrich Merz besucht im April 2026 das Deutsche Heer in Munster und traf dort einen Roboter in Form eines Hundes.

Bundeskanzler Friedrich Merz besucht im April 2026 das Deutsche Heer in Munster und traf dort einen Roboter in Form eines Hundes.

© Björn Trotzki/imago

In Momenten, in denen Helmut Kohl seinem Schäferhund zuraunte: „Da is ’n Soz!“ – ein Politiker mit SPD-Parteibuch – soll sein treuer Schäferhund Igo angefangen haben zu knurren. Aus dem anfänglichen Knurren wurde dann ein lautes Bellen, wenn der damalige Bundeskanzler in spe das Wort „Soz“ noch einmal in den Mund nahm. Ob der Schäferhund intuitiv handelte oder die Familie Kohl ihn darauf trainierte, wie auf „böse Genossen“ zu reagieren ist, konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Bundeskanzler Helmut Kohl am 5.5.1997 während eines kurzen Spaziergangs die Schäferhündin "Zoe".

Bundeskanzler Helmut Kohl am 5.5.1997 während eines kurzen Spaziergangs die Schäferhündin "Zoe".

© Martin Athenstädt/dpa

Freunde und Familienmitglieder hingegen begrüßte der Hütehund überschwänglich und freute sich über ihren Besuch. Wie „Igo“ bei einem Aufeinandertreffen mit dem aktuellen Ober-Soz reagieren würde, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Helmut hätte wohl beim Anblick des aktuellen Haushaltsentwurfs, der mehr als 200 Mrd. Euro neue Schulden für 2027 vorsieht, schneller einen Infarkt bekommen, als dass er noch „Soz“ über seine Lippen pressen könnte.

„Ein besonders intelligenter Hund“

Nun ja... In der altbekannten „Mutter aller Talkshows“ (3 nach 9) wurde der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl Jahre später vom Moderator noch einmal mit der „Legende“ um seinen vierbeinigen Freund konfrontiert: „Sie besitzen einen Hund und als er noch lebte, soll er geknurrt haben, wenn die Namen von SPD-Politikern erwähnt wurden?!“ Helmut Kohl: „Auch das ist eine Fama (Anm.: Gerücht). Es war ja ein besonders intelligenter Hund. Ein Deutscher Schäferhund und der kann differenzieren.“ Nachfrage des Moderators: „Und deswegen überlebte er nicht lange?“ Helmut Kohl: „Er hatte ein ehrwürdiges Hundealter von 13 Jahren. Das ist für einen Rassehund – wenn ich Sie belehren darf – sehr viel.“

Und wie sah es beim Ost-Pendant – dem Vorsitzenden des Staatsrats – in der DDR aus? Fama, die römische Göttin und Personifikation von Klatsch und Tratsch, musste bei Erich Honeckers Hund nicht angehört werden. Dafür reichten die ehemaligen Personenschützer von „Honni“ aus, die an Cockerspaniel „Flex“ kein gutes Haar ließen. Der Wunsch, sich einen Hund anzuschaffen, kam auch nicht von Familie Honecker selbst. Es war der Enkelsohn Roberto, der unbedingt einen vierbeinigen Freund wollte. Der Genosse Honecker wurde aber vom Hundezüchter eindringlich vor diesem Kauf gewarnt, denn Rüden dieser Rasse seien „ab dem fünften Lebensjahr“ schwierig. Außerdem wurde das Tier von allen Angestellten in der Waldsiedlung Wandlitz verwöhnt und musste schließlich auf Diät gesetzt werden.

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Anders als Schäferhund „Igo“ aus der BRD biss der braune Cockerspaniel „Flex“ jeden um sich herum, was andere Gründe haben musste, als die bekannte Cocker-Aufmüpfigkeit. Also wurde „Flex“ zum Arzt im Tierpark Friedrichsfelde nach Berlin gebracht. Eine Krankheit wurde bestätigt und trotz regelmäßiger Injektionsbehandlungen verstarb der Honecker-Hund zu früh. Doch so leicht nahm die Geschichte von Cockerspaniel „Flex“ (sein Zwingername war Fedor von Uckersee) kein Ende.

Für Erich Mielke, der als Minister für Staatssicherheit das flächendeckende Überwachungs- und Unterdrückungssystem perfektioniert hatte, war klar, dass der Klassenfeind seine Hand im Spiel gehabt haben muss. Verfolgungs- und Größenwahn waren bei Mielke & Co. Programm. Es wurde eigens eine Kommission von ihm einberufen, die das Ende von Cockerspaniel „Flex“ im Detail untersuchen sollte. Das wenig überraschende Ergebnis der Experten lautete jedoch: Die Veterinärmediziner hatten ohne Beanstandungen ihren Job erledigt und der ranghöchste Hund in der Deutschen Demokratischen Republik wurde nicht vom kapitalistischen Klassenfeind ermordet. Alles fein säuberlich in Akten dokumentiert. Papiere, die zu DDR-Zeiten selbstverständlich streng geheim waren.

Bundeskanzler Helmut Kohl mit Ehefrau Hannelore und Hund im Urlaub.

Bundeskanzler Helmut Kohl mit Ehefrau Hannelore und Hund im Urlaub.

© IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Ein zentraler Unterschied zwischen einer Diktatur und einer Demokratie ist, dass das Informationsfreiheitsgesetz jedem Bürger bislang die Möglichkeit eröffnet hat, das Handeln der Verwaltung (der Macht) kritisch zu hinterfragen. Eine vertrauensstiftende Maßnahme par excellence, nicht nur bei vermeintlich gemeuchelten Vierbeinern. Und genau jenes Informationsfreiheitsgesetz soll jetzt beschnitten werden. Staatliches Handeln wird weder kontrollierbar noch nachvollziehbar sein, wie einst bei Erich Mielke. Verfolgungs- und Größenwahn bleiben somit folgenlos, denn niemand kann die Entscheidungen der Regierenden mehr schwarz auf weiß nachlesen und damit öffentlich machen. Das Gegenteil vom „Land of the free“.

Das Schnappen von Cockerspaniel „Flex“ sollte sich Jahrzehnte später auch beim einstigen Klassenfeind USA wiederholen. Dieses Mal war es „Commander“, der das Weiße Haus in Washington vorzeitig verlassen musste. Der Deutsche Schäferhund des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden hatte Gefallen daran gefunden, die Mitarbeiter im Oval Office als leichte Beute zu betrachten. Unter seinen Opfern sollen sich auch mindestens elf Mitarbeiter des US-Geheimdienstes Secret Service befunden haben. Aber nicht nur Geheimdienstler standen auf seinem Speiseplan, auch andere Mitarbeiter im Weißen Haus mussten anschließend z. T. sogar im Krankenhaus behandelt werden. Dazu eine Sprecherin des Präsidenten a. D.: „Das Weiße Haus könne eine stressige Umgebung für ein Haustier sein.“ Auch „Major“, ein weiterer Schäferhund des US-Präsidenten Joe Biden, musste bereits zuvor wieder ausziehen, nachdem er die Wadenmuskulatur von Mitarbeitern mit Kauknochen verwechselt hatte.

Tiere gibt es bei Merz nur noch als Krawatten-Motiv

Und nun die große Preisfrage: Wie sieht es beim zehnten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland aus? Ertönen auch in der Villa von Friedrich Merz freudige „Wau-“ und „Wuff-Laute“? Bilder vom Bundesvorsitzenden in Begleitung eines Hundes gibt es schon lange nicht mehr. Seine Liebe zu Tieren scheint sich auf Krawatten-Motive mit Schildkröten, Pinguinen und Elefanten zu beschränken.

So fragte eine große Boulevardzeitung unlängst, ob mit „Merz die Gäule durchgegangen sind?“ Die Anspielung bezog sich auf seinen Antrittsbesuch im Bundesland Niedersachsen, wo er eine rote Motiv-Krawatte mit Pferden aus dem Schrank geholt hatte. Damit sein tierisches Arsenal noch um einige weitere Exemplare vervollständigt wird, kam Jens Spahn aus der Bundestagsfraktion auf die Idee, ihm zusätzliche Krawatten zu schenken. Dieses Mal waren die Exemplare mit Delfin-, Elefanten- und Eichhörnchen-Motiven bestickt. Hunde und Katzen fanden sich augenscheinlich nicht im vielfältigen Seidenkrawatten-Ensemble.

Dabei wäre ausreichend Platz für einen Dackel, Labrador, Golden Retriever oder einen Mischling aus dem Tierheim im Neubau des Bundeskanzleramtes in Berlin. Einst angedacht von Merkel, von Scholz beschlossen und nun von Merz gebaut. Im „Monument der Steuergeldverschwendung“ zusätzlich eine kleine Hundehütte aufzubauen, würde neben den geplanten Wintergärten, der eigenen Kindertagesstätte und der Hubschrauberlandeplattform sicher den „Kohl auch nicht mehr fett machen“.

Die bereits explodierten Kosten für den Erweiterungsbau, dessen Gesamtbudget bis 2027 auf über 1 Milliarde Euro geschätzt wird, sind in Berlin jedoch keine Besonderheit. Man erinnere sich nur an den BER-Flughafen: Hier war anfangs von 2 Milliarden Euro die Rede, am Ende summierten sich die Gesamtkosten schätzungsweise auf über 7 Milliarden Euro. Und das alles in Zeiten, in denen die Steuerlast für die Bürger (nicht nur die Hundesteuer!) ständig steigt.

Alternativ zu einem großen Hund ginge natürlich auch ein Dackel.

Alternativ zu einem großen Hund ginge natürlich auch ein Dackel.

© Roland Weihrauch

Der größte Vorteil, wenn ein Hund im Kanzleramt einziehen würde, wäre aber, dass sein Herrchen mit ihm Gassi gehen müsste. Das würde bedeuten, dass Friedrich Merz die wohlbehütete Welt hinter den hohen Zäunen des Kanzleramtes verlassen und bei Wind und Wetter durch den Tiergarten gehen müsste. Er müsste an Obdachlosen vorbei über den allgegenwärtigen Müll steigen und, wenn er ein kleines Päuschen einlegen möchte, das liegengebliebene Drogenbesteck auf der Parkbank beiseiteschieben. Einfach mal aus der Bundeskanzler-Bubble herauskommen. Selbst wenn es auch im Tiergarten für den Kanzler nur ein Blick aus der Distanz auf die Realität wäre.

Die allgegenwärtigen „Pöbeleien“ des Volkes würden nicht zu überhören sein. Anders als früher beim Ost-Pendant – Erich Honecker – bei dem die normalen Bürger Berlins durch MfS-Angehörige zuvor ausgetauscht wurden, sobald sich der Vorsitzende des Staatsrats näherte. Helmut Kohl durfte dies 1988 bei seinem Besuch in der DDR live erleben. Ganze Familien von MfS-Angehörigen wurden mit Bussen nach Erfurt, Weimar oder Dresden gefahren, damit sie für Helmut Kohl touristisches Publikum spielten.

Ein Land lässt sich nicht wie ein Unternehmen führen

Wenn Friedrich Merz heute in Berlin oder Niedereimer selbst keinen passenden Züchter finden sollte, bekommt er vielleicht bei einem seiner zahlreichen Staatsbesuche von einem der Amtskollegen aus China einen Chow Chow geschenkt. Oder in Indien einen Rajapalayam. Manchmal reicht aber auch schon ein Kurzstreckenflug nach Frankreich, um eine Bordeauxdogge als Gastgeschenk mitzubringen.

Egal, welcher Vierbeiner am Ende das Rennen macht, Hauptsache es führt dazu, dass sich der zehnte Bundeskanzler vom englischen König Heinrich VIII. oder dem schwedischen König Karl XI. inspirieren lässt. Nämlich ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Stimmung im Volk wirklich ist. Die Könige Heinrich und Karl wollten auf diesem Wege die Effizienz ihrer Stadtwachen überprüfen. Bei Friedrich Merz hingegen geht es noch um viel mehr: sich davon zu verabschieden, ein Land und seine Bevölkerung als „CEO“ führen zu können, und stattdessen „als König in Lumpen“ wieder ein Gespür dafür zu bekommen, was den Menschen wirklich auf der Seele liegt.

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