Der Komponist, Dirigent und Essayist Pierre Boulez feiert am Sonntag seinen 70. Geburtstag

Neugier bedeutet ihm Leben

Jürgen Otten
4 Min

Welche Bilder, welche Attribute hat man nicht bemüht, um ihn zu charakterisieren. Fürst der Zwölfton-Finsternis, Leichenredner der Oper, Bürgerschreck, musikalischer Jakobiner - der Schlagworte waren und sind es viele. Und doch steckt in allen irgendwie ein Funken Wahrheit, wenn es gilt, etwas über den Komponisten, Dirigenten und Essayisten Pierre Boulez zu sagen, sich seiner Person, seinem Geist, seinem Denken anzunähern. Denn Boulez, der am kommenden Sonntag seinen 70. Geburtstag begeht, ließ sich nie einfach einordnen. "Ich bin nicht der Mann, der sich auf einmal erworbene Positionen festlegt", hat er einmal gesagt. Und: "Ich bin, weil ich arbeite, und weil ich arbeite, entdecke ich neue Welten. Ohne Unbekanntes von mir zu wissen, kann ich nicht leben." Start als Autodidakt Gerade einmal 26 Jahre alt war der 1925 in Montbrison/Loire geborene "Autodidakt aus freien Stücken", als er einen Aufsatz keß mit den Worten "Schönberg est mort - Schönberg ist tot" übertitelte. Ein Rebell trat an die Öffentlichkeit und demaskierte den Komponisten, dessen Zwölftontechnik er weiterentwickeln und dessen Werke er wesentlich später mit äußerster Sorgfalt dirigieren würde. Die Avantgarde war geboren - und Pierre Boulez einer ihrer Wortführer. Ein unbequemer Musiker, der die bürgerliche Kulturbequemlichkeit vehement ablehnte, sich aber nicht der Verurteilung des Konservatismus begnügte, sondern konsequent neue schöpferische Wege beschritt."Er war bissig, aggressiv, manchmal irritierend. Aber hinter dieser anarchischen Wildheit spürten wir ein seltenes, leicht verletzbares Temperament und eine geheime Sensibilität". Diese Worte hatte der berühmte Schauspielregisseur Jean-Louis Barrault fünf Jahre zuvor über Boulez geschrieben. Eben diese innere Distanz zu den Dingen, das Undomestizierbare hat sich Boulez bewahrt, auch wenn es heute vielleicht etwas subtiler erscheint. Seine Urteile haben nichts von ihrer Schärfe verloren, ebensowenig ist seine Arbeit zur Routine verkommen. Boulez, das ist ein besessen Suchender, der auf seinem Weg weder sich noch diejenigen, die mit ihm arbeiten, schont, ein Perfektionist und radikaler Gegner künstlerischer Willkür; einer, der, wie es der amerikanische Komponist Morton Feldman einmal nannte, "die Welt bereichert".Toleranz erlaubte ihm sein rigides Kunstverständnis dabei nie: "Kunst ist nichts Gefälliges; sie erfordert Anstrengung und Konzentration. Wenn man den Menschen nicht die Möglichkeit gibt, die Kulturmuskeln zu trainieren, braucht man sich über Kultur-Analphabeten nicht zu wundern." Den Minimalismus bezeichnet Boulez als primitiv, weil "der menschliche Geist zu mehr imstande" sei, "als es der Minimalismus ihm abverlange". Henze vergleicht er mit einem lackierten Friseur, der dem oberflächlichen Modernismus huldige, und Alban Bergs Opern hält er für die letzten diskutablen, die in diesem Jahrhundert komponiert wurden. Niemals zufrieden Provozierende Äußerungen, aber sie stammen von einem Mann, der sich nie mit dem Bestehenden zufriedengab. Boulez war es, der schon früh mit der Verbindung von akustischer und elektronischer Musik experimentierte; das von ihm 1976 gegründete "Ensemble InterContemporain" war eines der ersten auf zeitgenössische Musik spezialisierte; im gleichen Jahr rief er das "Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique" (IRCAM) ins Leben, wo seither avantgardistische Ideen ausgebrütet werden: ein Ort der musikalischen Kernforschung. Gleichzeitig widmete Boulez sich ausgiebig dem Dirigieren. Unvergessen ist sein Bayreuther "Ring" mit Patrice Chereau, es gibt kaum ein berühmtes Orchester, an dessen Pult Boulez nicht gestanden hat. Kritiker lobten dabei seinen extrem geschulten Gehörsinn, die minutiöse technische Ausarbeitung der Werke und sein unbestechliches Auge für kompositorische Strukturen.Nun wird er 70, doch seine Vitalität ist ungebrochen. Auf die Frage, wie er das nächste Jahrzehnt anzugehen gedenke, antwortet Boulez: "Immer wenn ich müde bin, denke ich: Da draußen sind andere, die nicht müde sind. Ich will nicht zurückbleiben, deswegen arbeite ich weiter. Für mich bedeutet Neugier Leben. Wenn man nicht mehr neugierig ist, liegt man im Sarg." Typisch Boulez. +++

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