Der Kongress ruft

Jens Balzer
2 Min

An jedem dritten Augustwochenende reiste die Musikbranche in den vergangenen Jahren zur Musikmesse Popkomm nach Köln; in diesem Jahr findet die Popkomm erstmals Ende September in Berlin statt. In Köln wird die dadurch entstandene Lücke zum gewohnten Termin durch eine popkommähnliche Kombination aus Festival und Branchenkongress ersetzt. Das Festival "c/o Pop" ist am Wochenende mit 15 000 Besuchern nach Angaben der Veranstalter gut gestartet. Der Kongress "mem Pop" beginnt am Donnerstag unter anderem mit dem mit Spannung und Heiterkeit erwarteten ersten branchenöffentlichen Auftritt von Thomas M. Stein nach seiner Entlassung als BMG-Chef.Vier Tage vor dem Beginn des Kölner Kongresses stellten die Veranstalter der Berliner Popkomm gestern ihr eigenes Kongressprogramm vor; das Branchenblatt Musikwoche sprach wegen der zeitlichen Nähe der beiden Ereignisse schon von einem Zickenkrieg unter den Musikmessenveranstaltern. Davon wollen beide offiziell natürlich nichts wissen: "Wir fühlen uns nach dem Weggang der Popkomm wie befreit", hatte "c/o-Pop"-Sprecher Sebastian Tautkus vor Beginn seiner Veranstaltung gesagt. "Wir empfinden die ,c/o Pop' als wunderbare Ergänzung, auch wenn sie natürlich nicht die internationale Strahlkraft der Berliner Popkomm besitzt", sagte Popkomm-Chefin Katja Bittner auf Nachfrage der Berliner Zeitung.Doch auch wenn die Veranstaltungen unterschiedliche "Strahlkraft" besitzen: Der Wille, das Genre der Musikmesse aus dem Geist des Mittelstands neu zu erfinden, ist den Kölnern und den Berlinern gemein. Beide widmen sich in ihren Kongressprogrammen vor allem den Problemen der unabhängigen Schallplattenfirmen; die Berliner haben, wie sie gestern bewiesen, dazu ein gutes, umfangreiches Programm zusammengestellt.Von der Frage, wie Indies zu einem vernünftigen Download-Angebot kommen ("das ist wie Teenager-Sex: alle reden drüber, keiner hat's schon mal gemacht", sagte Horst Weidenmüller, der Chef des kleinen Labels K7, bei der Programmvorstellung) bis zum Panel "Vom Major gedroppt, was nun?" ist alles dabei, was den Mittelstand interessieren könnte - wenn, ja wenn die Branchenvertreter in diesem Jahr willens sind, ihre Zeit auch dann mit Podiumsdiskussionen zu verbringen, wenn sie nicht zufällig selbst auf dem Podi um sitzen. Die an Zahl weit geringeren, aber dennoch stets gähnend leeren Panels der letzten Kölner Popkomm deuten nicht unbedingt darauf hin. Ob sich der neue Mittelstand auch schon als solcher durchschaut hat, mit aller damit verbundenen BWLerhaften Uncoolness - das ist eine der interessantesten Fragen, die die Berliner Popkomm beantworten wird. So oder so.

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