Ein ausländischer Geheimdienst, der in Deutschland Morde begangen haben soll. Eliten, die an demokratischen Kontrollinstanzen vorbei operieren. Und Neonazis mit mächtigen Verbündeten – mit dem Kriminalroman „Der Kreis“ führt der in Berlin lebende Schriftsteller Martin Maurer in die politischen Abgründe der alten Bundesrepublik.
Bereits der erste Fall seines Kommissars Nick Marzek spielte in den 1980er-Jahren und griff die Geschichte der rechtsextremen Terrorzelle „Gruppe Ludwig“ auf. Die Handlung des neuen Buches setzt wenig später ein, im München des Sommers 1984. In einem Waldgebiet werden zwei Leichen entdeckt, und bald steht der Verdacht im Raum, dass diese der Auseinandersetzung zwischen kroatischer Exil-Opposition und jugoslawischem Geheimdienst zum Opfer gefallen sind.
Der rätselhafte Doppelmord tritt jedoch immer wieder in den Hintergrund. Denn die besagte „Gruppe Ludwig“ wirft weiter ihre Schatten. Marzek zweifelt an den offiziellen Ermittlungsergebnissen, und bald scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass die Falschen eingesperrt wurden – mithilfe dunkler Mächte, die die wahren Täter schützen.
Schon weil Maurer in einem weiteren Erzählstrang in die Welt konservativer Hinterzimmerzirkel einführt, die an antikommunistischen Umstürzen werkeln, lässt sich Marzeks zunehmende Paranoia nachempfinden. Der Kommissar traut bald nicht einmal mehr seinem eigenen Chef. Dass nichts ist, wie es scheint, ist ein wiederkehrendes Motiv des Romans, der somit gut ins postfaktische Zeitalter mit seinen multiplen Wahrheiten passt.
Liebe fürs historische Detail
Überhaupt erinnert das historische Setting in „Der Kreis“ häufig an die Gegenwart. Da ist zum Beispiel der Polizist, der sich im Sound heutiger Maskenverweigerer über die anstehende Anschnallpflicht echauffiert („Wehret den Anfängen!“). Oder der Trend, mit selbst gedrehten Videos Geld zu verdienen – nur dass es statt lustiger YouTube-Clips hier VHS-Kassetten mit Gewaltdarstellungen sind.
Dabei hat die Mischung aus historischer Detailliebe einerseits und verschwörungsmythischen Andeutungen andererseits eine problematische Seite: Ob etwa Zweifel an der gerichtlich festgestellten Täterschaft der beiden Mitglieder der „Gruppe Ludwig“ wirklich gegeben sind, klärt Maurer auch im Nachwort nicht auf – lässt seine Figuren aber entsprechende Theorien in den Raum stellen. Berechtigte Skepsis gegenüber der alleinigen Täterschaft der Verurteilten, für die, ähnlich wie beim NSU, ein Unterstützernetzwerk eher wahrscheinlich ist, wandelt sich so zu einer Entlastungsthese, die angesichts real existierender Opfer der „Gruppe Ludwig“ einen Beigeschmack behält.
Dennoch macht gerade diese Mischung die Spannung des Romans aus: Man rätselt gemeinsam mit der Hauptfigur, was Fakt ist und was bloß Fiktion, und staunt über manche Wendung, die Zusammenhänge zwischen ermordeten Jugoslawen, der „Gruppe Ludwig“ und rechtskonservativen Geheimtreffen enthüllt. Die Gefahren, die sich daraus ergeben, zwingen die Protagonisten zum schnellen Handeln – und die Leser dazu, das Buch nicht aus der Hand zu legen.
Martin Maurer: Der Kreis. Dumont, Köln 2022. 384 Seiten, 18 Euro.
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