Der Leiter des UN-Umweltprogramms Achim Steiner über die Verantwortung der größten Wirtschaftsnationen und die Chance, die in der Krise steckt

"Der G20-Gipfel darf sich nicht nur um die Interessen der G20 kümmern"

Marc Engelhardt
4 Min

NAIROBI. Die G20-Staaten müssen die billionenschwere Wirtschaftshilfe in eine zukunftsfähige Ökonomie investieren, fordert der Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner - sonst drohen neue Krisen.Herr Steiner, unternehmen die G20 genug, um die Weltwirtschaft wieder ins Lot zu bringen?Es ist immerhin der Versuch einer neuen Art von Teil-Weltgemeinschaft, synchron voranzugehen. Aber was mir Sorgen macht, ist die Frage, ob London nur ein Finanzgipfel ist, oder ein ökonomischer Gipfel, der sich auch mit der Frage der Zukunft unserer Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft befasst. Meine Hoffnung und die von UNEP ist, dass die G20 eine Richtung vorgeben: Die Entwicklungsagenda muss weiter gehen, es darf keinen Protektionismus geben und einen wirklich globalen Ansatz. Die G20 dürfen nicht nur Beschlüsse fassen, die für sie selber nützlich sind.Was ist aus Ihrer Sicht der richtige Weg?Ich mahne eine Weiterentwicklung unserer Wirtschaft an. Wenn wir diese Krise nicht in einen Vorteil umwandeln können, dann haben wir für die nächste Generation ein enormes Potenzial verloren. Wir sind dabei, dreitausend Milliarden Dollar für die Stabilisierung in einer Wirtschaftskrise zu verwenden. Wenn dieses Geld nicht auch in Strukturveränderungen in unserer Energie- und Transportpolitik, in den Bereichen Wasser und Landwirtschaft fließt, dann werden wir nicht mit der Klimafrage fertig und müssen mit neuen Krisen rechnen, nämlich mit Energie-, Wasser- und Nahrungsmittelkrisen.Sie haben heute in London einen "Global Green New Deal" gefordert. Wie sieht der aus?Wir haben mit Ökonomen, mit Thinktanks und anderen UN-Organisationen ein Fünf-Punkte-Programm erarbeitet, das schnell Arbeitsplätze schaffen und so die Konjunktur stabilisieren soll, aber gleichzeitig in Produkte, Technologien und Märkte von morgen investiert und die Klimafrage angeht. Dabei geht es um Energieeffizienz, wie es die KfW-Bank mit ihren Förderprogrammen in Deutschland vorgemacht hat; außerdem um erneuerbare Energien. Dann die Reform des Transportsektors, der für fast ein Fünftel aller CO2-Emissionen verantwortlich ist: Wir brauchen neue Mobilitätskonzepte und mehr ÖPNV. Schließlich das, was wir die ökologische Infrastruktur nennen: die Wälder, Böden und Seen, die wir zum Überleben brauchen. Und nicht zuletzt nachhaltige Landwirtschaft, die es uns ermöglicht, perspektivisch neun Milliarden Menschen zu ernähren.Wo gibt es gegen einen solchen Plan denn Widerstand?Zum einen gibt es Skeptiker, die nicht glauben wollen, was längst möglich ist. Die halten erneuerbare Energien für ein Konzept des 22. Jahrhunderts, obwohl in Deutschland schon heute fünfzehn Prozent des Strombedarfs damit erzeugt werden. Dann gibt es natürlich Unternehmen und Sektoren, die sich auf ein bestimmtes Wirtschaftsmodell eingeschworen haben. Die wehren sich, wenn sich jetzt der Bezugsrahmen verschiebt. Aber ich bin optimistisch, dass Innovation die treibende Kraft in unseren Wirtschaften bleiben wird. Wir sehen in immer mehr Unternehmen, wie sich die grüne Ökonomie durchsetzt, eben weil es enorme Marktchancen gibt.In London sitzen die reichsten Nationen zusammen, am schlimmsten betroffen von der Krise sind die ärmsten. Sind die G20 denn überhaupt das richtige Gremium, um über solche Zukunftsfragen zu entscheiden?Für mich sind die G20 eine von mehreren Gruppen, die man keinesfalls mit der Staatengemeinschaft als ganzes verwechseln darf. Und doch darf ein G20-Gipfel sich nicht nur um die Interessen der G20 kümmern. Diese Länder haben eine Verantwortung für die gesamte Weltwirtschaft und die Weltgemeinschaft als ganzes übernommen. Das ist der Maßstab, an dem sich dieser Gipfel jedenfalls messen lassen muss.In Kopenhagen soll Ende des Jahres das wichtigste Klimaschutzabkommen seit Kyoto beschlossen werden. Stiehlt Ihnen die Wirtschaftskrise die Show?Ich glaube, die Gefahr besteht, aber es muss nicht so sein. Wenn die Milliarden und Billionen gezielt so eingesetzt werden, dass sie auch dem Klima helfen, dann ist die Krise eine Chance. So wie damals bei Roosevelt und seinem New Deal: Viele profitieren bis heute von den Infrastrukturinvestitionen, die der US-Präsident nach dem großen Börsencrash veranlasst hat.Das Gespräch führte Marc Engelhardt.------------------------------Foto: Achim Steiner ist Leiter des UN-Umwelt- programms in Nairobi.

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