Der Martin-Gropius-Bau zeigt Harald Schmitts Fotografien vom Ende des Staatssozialismus

Das Beste zum Alltag machen

Carmen Böker
3 Min

Dass der Stinkefinger fehlt, darüber ist Harald Schmitt schon ein wenig enttäuscht. Mit 29 Jahren war er 1977 vom Magazin Stern als Fotograf angeheuert worden - unter der Bedingung, sofort nach Ost-Berlin zu gehen. Und er hatte, wie er heiter erzählt, seinerzeit durchaus noch die Kalter-Krieg-Ästhetik von Agentenfilmen im Hinterkopf verankert. Wann immer es ihm also gelang, die ihn bald eifrig verfolgenden Polizisten durch jähes Einscheren in eine Parklücke zum Vorbeifahren zu zwingen, zeigte er ihnen ziemlich cool den hochgereckten Mittelfinger. In seiner Stasi-Akte taucht diese Geste nicht auf - es gab einfach noch keinen Begriff dafür."Es war die tollste Zeit meines Lebens", sagt er beim Rundgang im Martin-Gropius-Bau, der ab Sonnabend rund 120 seiner Fotografien zeigen wird. Fünf Jahre lang blieb er in der DDR, erforschte ein Land, das ihm zunächst "fremd wie Burma" war. Dann wurde sein Visum nicht weiter verlängert, seiner Kontakte zur Friedensbewegung wegen - und wohl auch, weil er über seine Freundin und spätere Frau, eine Restauratorin, so leicht Zugang zur Künstlerszene gefunden hatte. Harald Schmitt fotografierte das Leben in einem Land, das vor der Tristesse des Kombinats Bitterfeld die sonderbar zweischneidige Parole "Das Beste zum Alltag machen" aufpflanzte; er hielt den jungen Vater fest, der seinen Kinderwagen trotzig an einer Kampfgruppenparade vorbeischiebt; er sah, wie Erich Honecker Helmut Schmidt noch ein Bonbon in den Waggon reichte, als der Staatsbesuch 1981 beendet war. Und er war zugegen bei der Beerdigung von Markus Wolfs Bruder Konrad - das Negativ vom ersten offiziellen Auftreten des Stasi-Chefs verschwand kurze Zeit später mysteriös aus dem Stern-Archiv.1979 besuchte Schmitt Robert Havemann - am Morgen, nachdem dessen Hausarrest aufgehoben wurde. Havemann tut auf diesem stillen Bild das, was ihm während jener drei Jahre zu tun übrig blieb: Er sitzt auf der Terrasse und blickt in den Garten. Ein anderes Bild zeigt ihn an seiner Schreibmaschine - anders als damit kommunizierte der beständig abgehörte Regimekritiker lieber nicht mit Besuchern. Solch sprechende Situationen wie diese, ob privat oder politisch (damals ohnehin untrennbar), haben der Schau ihren Titel gegeben: "Sekunden, die Geschichte wurden".Harald Schmitt kam in die DDR in einer, wie er sagt, "politischeren Zeit"; sein Stern-Vorgänger, der spätere Magnum-Präsident Thomas Hoepker, hatte sich noch im "langweiligsten Land der Welt" gewähnt. Schmitt hingegen kam, als Rudolf Bahros Abrechnung mit dem DDR-System, "Die Alternative", im Magazin Spiegel erschien und vieles in Bewegung geraten war. Er konnte gewissermaßen von Ost-Berlin aus dokumentieren, wie der monolithische "Ostblock" unter der Vorherrschaft der Sowjetunion zu erodieren begann. Seine Reisen führten ihn weiter nach Polen, Litauen, Lettland, Russland und in die Tschechoslowakei und weiter bis nach China, zum Platz des Himmlischen Friedens. In seiner Geschichtsstunde der Augenblicke findet sich der Aufstand der Danziger Werftarbeiter mit Walesa auf den Schultern ebenso wieder wie die grobe Drohgeste, mit der Jelzin Gorbatschow 1991 die Macht entreißt.Den Mauerfall hat er nicht fotografiert, da war er gerade im Urlaub. Und überhaupt gebe es davon wirklich genug Bilder, findet Harald Schmitt. Er ist immer noch beim Stern, 110 Länder hat er unterdessen bereist, neulich war es Jamaika, wegen des Läufers Usain Bolt. Nur Deutschland ist eher selten dabei.------------------------------Ab 3. Oktober im Martin-Gropius-Bau, geöffnet Mi-Mo 10-20 Uhr.Der Katalog mit Texten von Peter Sandmeyer erscheint bei Steidl. 256 S., 120 Fotografien, 18 Euro.------------------------------Foto: Kurz bevor DDR-Bürger 1979 nicht mehr mit Westgeld in den Intershop-Läden einkaufen durften.

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