Der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus wäre 80 geworden

Das Kunstwerk als Zentrum

Wolfgang Fuhrmann
5 Min

Am Dienstag wäre Carl Dahlhaus 80 Jahre alt geworden. Dahlhaus war eine der prägenden Persönlichkeiten der westdeutschen (und nicht nur der westdeutschen) Musikwissenschaft nach dem Krieg, seine intellektuelle Ausstrahlung reichte weit über die Fachgrenzen hinaus. Ein wissenschaftliches Symposium, konzipiert von Peter Gülke, Norbert Miller und Hermann Danuser, wird sich ab morgen in Berlin, wo Dahlhaus von 1967 bis zu seinem Tod 1989 den Lehrstuhl für Musikgeschichte an der Technischen Universität innehatte, für vier Tage dem Thema "Carl Dahlhaus und die Musikwissenschaft. Werk, Wirkung, Aktualität" widmen.Eine Gesamtausgabe der Dahlhaus'schen Schriften ist vor kurzem vollendet worden - ein höchst ungewöhnlicher Vorgang in den Geisteswissenschaften. Das sind starke Zeichen. Wer war Carl Dahlhaus? Was macht seine Bedeutung aus? Für den Autor dieser Zeilen war während des musikwissenschaftlichen Studiums im fernen Wien der 80er Jahre die Dahlhaus-Lektüre unentbehrliches Mittel der wissenschaftlichen Selbstorientierung. Man lernte denken; und denken hieß vor allem, über die Bedingungen der Möglichkeit der eigenen Erkenntnis zu reflektieren. Um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen: In den "Grundlagen der Musikgeschichte", einem Buch, das ausschließlich der Reflexion über musikhistoriografische Probleme gewidmet ist, denkt Dahlhaus an einer Stelle über das Verhältnis von ästhetischen und politischen Zeugnissen nach und damit über eines der grundlegenden Themen seines eigenen Werks, das Verhältnis von ästhetischer Präsenz und historischem Kontext der Kunstwerke. Während die politisch-gesellschaftlichen Zustände und Ereignisse im Bild, das sich die Nachgeborenen von ihnen machen, verblassen, "treten die Kunstwerke hervor, als wären immer schon sie es gewesen, die die Signatur des Zeitalters bestimmen."Wer hat nun aber recht, der Zeitgenosse oder der Nachgeborene?"Der eingeschliffene Topos, daß eine Epoche erst im Rückblick in ihrem eigentlichen Wesen erkennbar werde, ist eine schiefe Formulierung für den Sachverhalt, daß wir Vergangenes, das in der Gegenwart überlebt, eben wegen des Überlebens für wesentlicher und charakteristischer halten als das, was abstirbt; ob aber die Akzentuierung der Nachgeborenen 'wahrer' ist als die der Zeitgenossen oder umgekehrt, ob also der Kultur- oder der Sozialgeschichte das entscheidende Wort zufällt, vermag einzig ein Metaphysike r auszumachen."Da wird in ein paar Sätzen dem Leser der Boden unter den Füßen weggezogen: An die Stelle der Frage, wie es eigentlich gewesen, tritt die Frage, unter welchen Bedingungen wir welche Sichtweisen auf die Vergangenheit gewinnen können oder zumindest gewinnen zu können glauben. Die Dahlhaus'sche Dialektik oszilliert zwischen einstigen und heutigen Werten, zwischen Werk- und Sozialgeschichte, und zuletzt stiehlt sich der Autor mit einem mephistophelischen Blinzeln aus der Affäre, indem er die Entscheidung dem Metaphysiker, also: niemandem überlässt.In diesen wenigen Sätzen steckt der ganze Dahlhaus, den man in der Tat schon an wenigen Sätzen erkennen und auch von der beträchtlichen Anzahl seiner stilistischen Epigonen unterscheiden kann - nur noch Adorno hat so viele Federn verdorben. Wer Carl Dahlhaus aber nun für einen eleganten, aber unverbindlichen Methodologen halten wollte, würde irren. Denn Dahlhaus' Denken - das macht es so faszinierend und zwiespältig - wies bei allen kunstvollen Reflexions-Schraubungen doch einen ehernen Kern auf, ein Gravitationszentrum: die Idee des absolut-musikalischen Kunstwerks. Es war der "Kanon" der musikalischen Werke von Bach bis Schönberg, dem sich Dahlhaus' weit ausgreifende und alle Gebiete der Musikwissenschaft berührende Arbeit zuinnerst verpflichtet fühlte.In der wissenschaftlichen Praxis errichtete das eine Hürde zwischen der intern-musikalischen Analyse von Notentexten (nach diesem Verständnis dem Hauptgeschäft des Musikwissenschaftlers) und allem, was sich außerhalb des Notentexts an Konnotationen an die Werke anlagerte: an Lebensweltlichem, Persönlich-Emotionalen, Soziokulturellem. Dahlhaus leugnete diese Konnotationen nicht, bezog sie ein - im entscheidenden Moment wurde dann aber stets der absolut-musikalischen Erklärung der Vorrang zugestanden. Hier setzte sich die Dialektik Grenzen.Spürbar wurde diese Wertsetzung vor allem an dem Gewicht, das Dahlhaus der musikhistorischen Forschung über die bürgerliche Epoche gegeben hat, eben der Zeit der absoluten Musik und der sie sozial ermöglichenden Form, des Konzerts, in das man geht, um Musik zu hören und nichts sonst. Damit machte er die Schule; ab etwa 1980 wandte sich die Musikwissenschaft dem Milieu zu, aus dem sie selbst hervorgegangen war, und jenen Werken, deren "Ewigkeitsrang" ihre Gründergeneration dazu motiviert hatte, nach ihren "Wurzeln" zu suchen. Dahlhaus immerhin verhinderte, dass diese Zuwendung zum Kanon der musikalischen Werke bloß ein Fest der Selbstlegitimation wurde, sondern machte daraus auch ein Fest der Selbstreflexion.Dass mit dieser Schwerpunktsetzung anderes an den Rand gedrängt wurde, nahm Dahlhaus gelassen hin. "Die Kunst Machauts, Josquins und sogar Monteverdis ist versteinert, und der Versuch, sie außerhalb enger Zirkel lebendig zu machen, dürfte vergebliche Mühe sein", hieß es 1967 am Ende seines Buchs "Musikästhetik". Entsprechend behandelte er Alte Musik allenfalls als Demonstrationsobjekt ihrer historischen Theorie, während er der neuen und neuesten Musik - hierin wie in so vielem anderen aus dem Schatten der NS-Zeit tretend - immer lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Andere Musikformen (zum Beispiel außereuropäische) rangierten nur als Folie, von der sich das, worauf es ankam, umso deutlicher abhob.Aber was 1970 noch mutig war - eine Dissertation über das 19. Jahrhundert zu schreiben, sich mit Schönberg oder gar mit zeitgenössischer Musik zu beschäftigen, die ästhetischen Wurzeln der bürgerlichen Musikkultur von heute zu erforschen - wirkt heute ein bisschen wie eine Rückzugshaltung angesichts einer kunterbunten musikalischen Wirklichkeit. Die lebhaften theoretischen und methodischen Debatten, die in den USA über Begriffe wie Kanon, kulturelle Identität, musikalische Zeichen geführt werden, die transatlantischen Attacken auf das deutsche Reinheitsgebot der absoluten Musik brechen ( angeregt durch die Übersetzung von Dahlhaus' Schriften ins Englische), finden hier kaum Widerhall.Er aber hätte sich diesen Thesen streitlustig, auf höchstem Niveau und mit überraschenden dialektischen Volten gestellt. Vielleicht kann und will man es heute nicht mehr so machen wie er. Aber sich dem nie persönlich erlebten Lehrer noch im Widerspruch zum Dank verpflichtet fühlen, das darf man.Carl Dahlhaus und die Musikwissenschaft. Symposium im Curt-Sachs-Saal des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz Berlin. Beginn: Dienstag, 17 Uhr. http://www.muwi.hu-berlin.de/Historische/dahlhaussymp------------------------------Foto: Der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus (1928 bis 1989)

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