Im östlichen Pazifik wird das Meer blauer, weil dem Plankton die Nährstoffe ausgehen. Satelliten der Nasa zeigen damit aus dem All, was Messbojen im Wasser längst registrieren: Der laufende El Niño hat den Rekord von 2015 bereits übertroffen. Hierzulande dürfte man ihn zuerst beim Kaffee spüren, und 2027 droht er die Erde auf einen neuen Hitzerekord zu treiben.
Rekord von 2015 gefallen – und das Wasser wird weiter wärmer
Im zentralen Pazifik, wo El Niño gemessen wird, lag das Meer zuletzt mehr als 3,4 Grad über dem Normalwert. Das übertrifft nach einer Auswertung der Washington Post den bisherigen Spitzenwert vom November 2015.
Weiter östlich, vor Peru und Ecuador, war das Wasser im September stellenweise über vier Grad zu warm. Die blaue Färbung ist eine direkte Folge davon: Die erlahmten Passatwinde holen kaum noch kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben, das Plankton wächst schlechter, das Wasser wird klarer.
Ein Ende der Erwärmung ist nicht in Sicht. Die US-Klimabehörde NOAA erwartet in ihrer Diagnose vom 8. Oktober eine weitere Verstärkung bis zum Jahresende. Mit 83 Prozent Wahrscheinlichkeit übertrifft El Niño von Oktober bis Dezember jedes Ereignis seit 1950.
Australien rüstet sich für Brände, Kenia für Starkregen
Den Scheitelpunkt sehen die meisten Klimamodelle noch in diesem Jahr. Ab Januar oder Februar dürfte das Phänomen nachlassen, ein starkes Ereignis gilt aber bis in den März hinein als wahrscheinlich.
Wo El Niño direkt wirkt, ist er längst angekommen. Australien hat das Phänomen offiziell ausgerufen und stellt sich auf eine längere Feuersaison ein. Kenias Wetterdienst erwartet für die laufende Regenzeit überdurchschnittliche Niederschläge in allen 47 Bezirken.
In den USA hat die NOAA Mitte Oktober ihren Winterausblick vorgelegt. Er zeigt einen deutlich nasseren Winter für den gesamten Süden des Landes.
Kommt der Jahrhundertwinter? Was der DWD sagt
Kaum ein Klimaphänomen heizt die Spekulation über den deutschen Winter so an wie El Niño. Der Deutsche Wetterdienst rät zur Gelassenheit, denn bis Europa wirkt der Pazifik nur auf Umwegen, über Druckmuster auf dem Atlantik und den Jetstream.
In vergangenen El-Niño-Jahren trat im frühen Winter häufiger eine Westwetterlage auf, wie der DWD in einer Auswertung schreibt. Sie bringt milde, feuchte Atlantikluft nach Deutschland.
Im Hochwinter kann ein gestörter Polarwirbel Kaltluft aus der Arktis nach Süden lenken. Ob es dazu kommt, hängt jedoch von zahlreichen anderen Faktoren ab. Der DWD stellt deshalb klar: „Damit lässt sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter in Europa ableiten!“
Kaffee: Diese Ernten bedroht El Niño
Beim Einkauf wird das Phänomen greifbarer als am Thermometer. Trockenheit in Südostasien gefährdet die Robusta-Ernte in Vietnam, dem größten Anbauland dieser Sorte.
In Brasilien wirkt El Niño zwiespältig. Höhere Temperaturen könnten den gefürchteten Frost auf den Arabica-Plantagen verhindern, im Gegenzug droht Trockenheit in der Wachstumsphase für die nächste Ernte, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.
Nach Daten der Großbank UBS stiegen die Kaffeepreise in früheren starken El-Niño-Phasen um 20 bis 50 Prozent. Schnell vorbei ist das nicht: Laut Agrarökonomen, die der Sender CNN befragt hat, können die Preise noch bis zu ein Jahr nach dem Ende von El Niño erhöht bleiben.
1,7 Grad: 2027 steuert auf einen Hitzerekord zu
Die Erdtemperatur folgt dem Pazifik mit Verzögerung. Meist ist deshalb das zweite Jahr eines El Niño das wärmere, diesmal also 2027.
Der Grazer Klimaforscher Gottfried Kirchengast rechnet für 2027 mit rund 1,7 Grad über dem vorindustriellen Niveau, wie die Österreichische Akademie der Wissenschaften berichtet. Der bisherige Rekord von 2024 lag laut Weltwetterorganisation bei etwa 1,55 Grad.
Der US-Klimaforscher Zeke Hausfather rückt die Größenordnung zurecht. Ein Super-El-Niño erwärmt die Erde für rund ein Jahr um etwa 0,2 Grad. Dieselbe Erwärmung verursacht der Mensch alle acht Jahre, und zwar dauerhaft. El Niño geht wieder. Die Erwärmung darunter bleibt.
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