Alaska wie aus dem Bilderbuch: Unberührte Wildnis erstreckt sich bis zum Horizont. Durch die endlose Tundra schlängeln sich ungezähmte Flüsse, die sich in ein Netz von Armen aufspalten. Moschusochsen und Karibus trotten durch die baumlose Landschaft. Im Süden erheben sich die schroffen schneebedeckten Hänge der "Brooks Range" abrupt aus der Ebene. Im Norden, an der Beaufort-See, leben Eisbären und Robben. Die Idylle ist gefährdet. US-Präsident George W. Bush will dort nach Öl bohren lassen - mitten in einem der am strengsten geschützten Reservate der USA, dem "Arctic National Wildlife Refuge". Dafür hat Bush eine gesetzliche Ausnahmeregelung auf den Weg gebracht. Für kaum eine andere Entscheidung, von der Klimapolitik abgesehen, hat Bush so viel Kritik von Naturschützern einstecken müssen. "Dieses Gebiet ist einzigartig in Nordamerika und wahrscheinlich sogar in der ganzen Arktis", schwärmt Randall Snodgrass von der US-Sektion des World Wide Fund For Nature (WWF). Denn zwischen Beaufort-See und Brooks Range findet sich das gesamte Spektrum arktischer Lebensräume, die sich bis heute weitgehend ungestört von den Einflüssen des Menschen entfalten können. Schon in den fünfziger Jahren haben Naturschützer für die Erhaltung dieser nordischen Wildnis gekämpft, 1960 entstand ein erstes Schutzgebiet. Zwanzig Jahre später verabschiedete der US-Kongress den "Alaska Lands Act", der das Reservat auf mehr als die doppelte Fläche vergrößerte. Heute ist das "Arctic National Wildlife Refuge" mit rund acht Millionen Hektar etwas größer als Irland. "Dieses Gebiet ist eines der größten unzerschnittenen Wildnisgebiete der Arktis", sagt Peter Prokosch, Leiter des WWF-Arktis Programms. Und eines der artenreichsten: Fast 180 Vogelspezies haben Ornithologen dort gezählt. Hinzu kommen 45 Säugetierarten, zum Beispiel Bären, Wölfe und Polarfüchse. Sollten Bushs Öl-Pläne Wirklichkeit werden, wäre es mit der Ungestörtheit des Reservates bald vorbei. "Was passieren würde, kann man gleich westlich des Schutzgebietes in der Prudhoe Bay sehen", sagt Prokosch. Bohrtürme über Bohrtürme, Werkshallen und Hunderte von Kilometern Straßen prägen dort das Bild der Landschaft. Nordamerikas größtes Ölfeld, aus dem zu seinen produktivsten Zeiten jeden Tag mehr als 300 Millionen Liter Öl durch die Trans-Alaska-Pipeline nach Süden flossen, wurde in den siebziger Jahren erschlossen. Seither, so argumentieren Befürworter neuer Bohrungen, habe sich die Technik weiterentwickelt, Ölförderung müsse heute nicht mehr großflächig Landschaften zerstören. Naturschützer aber bezweifeln das. Da die Lagerstätten im Reservat verstreut liegen, werde sich neue Infrastruktur wie ein Netz über die heute noch unberührte Region legen. Wie groß das letztendlich betroffene Gebiet ist, darüber gehen die Schätzungen von Gegnern und Befürwortern der neuen Pläne weit auseinander. Im Weißen Haus spricht man von nur 800 Hektar, Peter Prokosch nennt 2 000 Hektar, die Zahlen anderer Naturschützer liegen um ein Vielfaches darüber. Sicher ist jedoch, dass die Bohrungen im Herzen des Reservates stattfinden werden: in den großen Tundren der arktischen Küstenebene. Die ist heiliges Land für die Ureinwohner vom Volk der Gwich in. Denn dort liegt die Kinderstube der "Porcupine Karibus". Die nach einem Fluss benannten Rentiere sind eine eigene Unterart, von der es etwa 130 000 Exemplare geben soll. Zu Zehntausenden brechen die Tiere jedes Frühjahr in Nordkanada auf, durchqueren den eisigen Porcupine-Fluss und erreichen schließlich nach Hunderten von Kilometern die Tundren des "Arctic National Wildlife Refuge". In der riesigen Ebene finden sie eine Fülle fressbarer Pflanzen, gleichzeitig gibt es relativ wenige Raubtiere, die den zunächst recht hilflosen Jungtieren nachstellen könnten. Etwa 40 000 Kälber werden dort Anfang Juni geboren. Einige Wochen später macht sich die ganze Herde wieder zurück auf den Weg nach Kanada. Die Wanderung der Karibus ist ein beeindruckendes Naturschauspiel, das Millionen Zuschauer schon in unzähligen Tierfilmen auf dem Fernsehschirm verfolgt haben.Für die Gwich in, das "Hirschvolk", sind die Tiere mehr als ein Symbol für unberührte Natur. Seit Jahrtausenden ist ihre Kultur tief mit der riesigen wandernden Herde verbunden, die ihnen die Lebensgrundlage liefert. Zwischen 3 000 und 5 000 Karibus jagen die Gwich in jedes Jahr. "Diese Tiere haben mein Volk über viele Generationen am Leben erhalten, aber jetzt sind sie durch die Ölförderpläne gefährdet", sagt Norma Kassi, Angehörige des Indianer-Volkes und Mitglied im WWF Kanada. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Volkes. Gerade in den besonders sensiblen Kalbungsgebieten nach Öl zu bohren, sei unverantwortlich. Vehement setzen sich die Gwich in daher für die Erhaltung der Wildnis im hohen Norden ein. "Das ist vielleicht eines der besten Beispiele für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen indigenen Völkern und Naturschutzverbänden", sagt Peter Prokosch. Das Indianervolk macht politischen Druck gegen die Ölpläne, versucht, Senatoren zu überzeugen, und wirbt im Arktischen Rat für das Schutzgebiet. Der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern der Bohrungen spaltet allerdings auch die Ureinwohner der Region. Die Bewohner der Inuit-Siedlung Kaktovik haben sich bereits für die Erschließung ausgesprochen, weil sie sich davon Vorteile erhoffen. Überhaupt verbinden die Befürworter der Pläne große Hoffnungen mit den Ölvorräten im hohen Norden. Ob die US-Regierung die Stromausfälle in Kalifornien beklagt oder die Abhängigkeit von den Scheichs der Ölemirate - für alle Probleme der Energiewirtschaft sollen die neuen Bohrtürme in der Wildnis Alaskas die Lösung sein. "Dabei könnten die Amerikaner allein mit minimalen Energiesparmaßnahmen genau das Gleiche erreichen", meint Peter Prokosch. So hat das Repräsentantenhaus zum Beispiel vor wenigen Tagen eine Regelung abgelehnt, die Benzin sparendere Motoren vor allem für die in den USA beliebten spritfressenden Geländewagen vorschreibt. "Allein dadurch hätte man jedes Jahr etwa die Menge einsparen können, die man gleichzeitig im Schutzgebiet fördern könnte", schätzt Prokosch. Die ganze Lagerstätte gebe vermutlich nicht mehr Öl her, als die USA in 60 Tagen verbrauchen. Und das sei es nicht wert, ein weltweit einzigartiges Wildnisgebiet zu opfern. Dabei fürchten Prokosch und seine Kollegen nicht nur den ökologischen Schaden vor Ort, sondern vor allem die politische Botschaft. Immerhin ist das Reservat eines der höchstrangigen Naturschutzgebiete der USA. "Und wenn gerade das Heimatland der Nationalparkidee ein solches Gebiet zur Nutzung freigibt, kann das nur ein verheerendes Signal für den internationalen Naturschutz sein", befürchtet Prokosch. Dieses Beispiel könnte etwa Russland willkommene Argumente liefern, um die Ölförderung in der arktischen Petschora-See ohne Rücksicht auf die dort vorhandenen Schutzgebiete voranzutreiben.BERLINER ZEITUNG/KATRIN BORN Das "Arctic National Wildlife Refuge" ist ungefähr so groß wie Irland.AP/AL GRILLO Durch die Trans-Alaska-Pipeline flossen in Spitzenzeiten der Förderung bis zu 300 Millionen Liter Öl pro Tag.
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