Ferat Koçak ist zurzeit nur für Freunde erreichbar. Ansonsten antwortet dem Anrufer eine Mailbox. Der Neuköllner Linke-Politiker sah sich wegen seiner zugespitzten Äußerungen zwar schon des Öfteren heftiger Kritik ausgesetzt. Aber dieses Mal scheint es den 47-Jährigen besonders hart zu treffen. Denn in seiner Person scheint sich die Verbindung krimineller Clans mit der Linkspartei zu manifestieren – so die oberflächliche öffentliche Wahrnehmung seit Montag.
An diesem Tag verlieh ihm ein Posting auf X größte öffentliche Aufmerksamkeit. Darin wurde auf einen Chatverlauf aufmerksam gemacht, den ein Mitglied des berüchtigten Remmo-Clans bei Instagram veröffentlicht hatte. Er legt nahe, dass der Bundestagsabgeordnete Beziehungen zu dem Clan pflegt. Koçak bezeichnet ihn in dem Chat als „Bruder“ und lässt dessen Vater Issa Remmo grüßen.
Inzwischen bezeichnete Koçak seinen Chatkontakt mit dem Mitglied der Familie als Fehler. Er habe zunächst nicht gewusst, mit wem er es zu tun hatte, erklärte er auf X. Er rufe regelmäßig Menschen dazu auf, sich an politischen Aktionen zu beteiligen. Nach seinen Worten hat sich das Mitglied des Remmo-Clans im Zuge eines solchen Aufrufs bei ihm gemeldet. Am Dienstag teilte die Bundestagsfraktion mit, dass Koçak seine Parlamentsfunktionen ruhen lasse – „bis auf weiteres, bis volle Transparenz hergestellt ist“, wie die Fraktion mitteilte.
Ferat Koçak (M.) zusammen mit Ibrahim Ibrahim (r.) bei der Neuköllner Wahlparty.
© Screenshot Berliner Zeitung
Ablichten ließ sich Ferat Koçak bei der Wahlparty seiner Partei am Sonntagabend auch mit dem Aktivisten Ibrahim Ibrahim. Dieser gilt als Unterstützer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die von der EU als Terrororganisation gelistet ist. Er hatte unter anderem den Hamas-Chef Yahya Sinwar als „standhaften Führer“ und „Märtyrerhelden“ bezeichnet. Aus seiner Sympathie für die Palästinenser hat Koçak nie einen Hehl gemacht.
Koçaks Neuköllner Bezirksverband ist für seine israelfeindlichen Positionen bekannt. Auf eine Frage auf der Website Abgeordnetenwatch antwortet er zum Beispiel: „Der Terror der Hamas am 7.10. ist nicht zu rechtfertigen und jedes zivile Opfer ist eines zu viel. Die Reaktion der israelischen Regierung ist allerdings vollkommen unverhältnismäßig.“ Zugleich verbreitet er die von der Terrororganisation Hamas verbreiteten Opferzahlen.
Sein Fall wurde Symbol für das Versagen der Behörden
Wer ist Koçak? Er stammt aus einer kurdisch-alevitischen Familie: Sein Vater, ein linker Gewerkschafter, floh nach dem Militärputsch von 1980 aus der Türkei; seine Mutter, Frauenrechtsaktivistin, ist Tochter von Gastarbeitern, die in den 1960ern nach Berlin kamen. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin.
Schon in seiner Jugend engagierte er sich im Kampf gegen Rassismus und Faschismus. 2016 trat er in die Linkspartei ein. Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016 kandidierte er für die Linke im Wahlkreis Neukölln 6. Er konnte den Stimmenanteil seiner Partei im Vergleich zur vorherigen Wahl verdoppeln, verpasste aber den Einzug ins Berliner Parlament.
2018 verübten mutmaßlich Neonazis einen Brandanschlag auf das Auto von Ferat Koçak.
© Die Linke
Bundesweit bekannt wurde Ferat Koçak 2018 als Betroffener des sogenannten Neukölln-Komplexes: Mutmaßliche Neonazis zündeten sein Auto vor dem Haus seiner Eltern an. Das Feuer griff auf das Gebäude über.
Der Fall gilt als Symbol für die Kritik an den Ermittlungsbehörden, weil die Polizei Koçak als gefährdete Person nicht gewarnt hatte, obwohl der Verfassungsschutz Hinweise hatte. Der Brandanschlag wühlte ihn nach eigenem Bekunden stark auf. Doch er mache weiter, wie er dieser Zeitung einmal sagte. Seitdem befasst sich Koçak noch intensiver mit den Themen Antifaschismus, Rassismus und Neonazis.
„Wir haben in der Polizei ein Nazi-Problem“
Von 2021 bis 2025 saß er im Berliner Abgeordnetenhaus, seit März 2025 ist er Mitglied des Bundestags. Er gewann in Neukölln das Direktmandat mit rund 30 Prozent.
Koçak sorgte schon in der Zeit, als er noch Mitglied des Abgeordnetenhauses war, mit radikalen Aussagen für Aufsehen: zu vermeintlicher Polizeigewalt auf der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration etwa, bei der 2024 nicht nur mehrere Demonstranten, sondern auch 21 Polizisten zum Teil schwer verletzt wurden. Oder mit seiner Aussage von 2022: „Wir haben in der Polizei nicht nur ein Problem mit Rassismus, sondern ein Nazi-Problem.“ Ferat Koçak ist einer, der der Polizei misstraut. Das polizeiliche Handeln verfolgt er regelmäßig bei linken Demonstrationen als „parlamentarischer Beobachter“.
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Heftige Kritik fing sich Koçak vor drei Jahren ein, als er sich mit der verurteilten Linksextremistin Lina E. solidarisch zeigte, einem Mitglied der sogenannten Hammerbande, die Jagd auf Neonazis machte und diese schwer verletzte. „Solidarität mit Lina E. Wer gegen Nazis kämpft, ist nicht kriminell, sondern wird kriminalisiert“, twitterte er.
Den Post, von dem ein Screenshot noch immer im Netz kursiert, hat er inzwischen gelöscht. Er sei eine Kritik an dem Paragrafen 129 gewesen, sagte er damals. Dieser Paragraf im Strafgesetzbuch stellt die Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung oder deren Unterstützung unter Strafe. Der Berliner Zeitung sagte Koçak damals, er finde es ungerecht, dass beim Gerichtsverfahren zum Anschlag 2018 auf seine Familie die Täter nicht als kriminelle Vereinigung verurteilt wurden, die Gruppe um Lina E. aber schon. „Das war der ausschlaggebende Grund für meinen Tweet.“
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