Der Regierende Bürgermeister verabschiedet Finanzsenator Sarrazin aus seinem Amt - und dieser will eine zeitlang auf bissige Bemerkungen verzichten

Erstmal keine Schrecksekunden mehr

Mathias Raabe
3 Min

Thilo Sarrazin hat - was seinen rigiden Sparkurs betrifft - ganz offensichtlich Spuren in Berlin hinterlassen. Das wurde jedenfalls am Donnerstagvormittag bei der Verabschiedung des Finanzsenators aus seinem Amt deutlich. Getreu dem Motto: Berlin hat nichts zu verschenken (und in Krisenzeiten sowieso nicht) verzichtete der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auf ein Abschiedsgeschenk für den zur Bundesbank wechselnden Senator und überreichte Sarrazin stattdessen ein Leihgabe. Diese - eine alte mechanische Rechenmaschine, die in den Zwanzigerjahren gern von Bankern genutzt worden war - stammt aus den Beständen des Deutschen Technikmuseums und wird nun den neuen Arbeitsplatz des 64-Jährigen in Frankfurt am Main zieren. Zuvor musste Sarrazin - damit alles seine Richtigkeit hat - noch den entsprechenden Leihvertrag unterzeichnen und im Wappensaal des Roten Rathauses auch gleich noch die jährliche Leihgebühr von einem Euro bar an Wowereit entrichten.Der hatte zuvor die Verdienste seines Senators gewürdigt: "Die objektiven Erfolgskriterien sind die Zahlen des Haushaltes", sagte Wowereit. Bei Sarrazins Amtsantritt im Jahr 2002 habe das Defizit bei fünf Milliarden Euro gelegen, im Jahr 2008 konnte dagegen ein Plus von 940 Millionen Euro verzeichnet werden. "Berlin hat kein Einnahmen-, sondern nur ein Ausgabenproblem", zitierte der Regierende Bürgermeister einen Grundsatz seines Finanzfachmannes, der mit solchen Äußerungen und dem nachfolgenden Sparkurs zu einem "Mentalitätswandel" in der Stadt beigetragen habe. Wobei auch Wowereit über Sarrazin-Äußerungen nicht immer begeistert war. "Es gab da manche Schrecksekunde, wenn man morgens die Zeitung in die Hand nahm. Sie haben polarisiert wie kein zweiter in der Stadt", sagte Wowereit und erinnerte an die Tipps des Finanzsenators zur Speiseplangestaltung von Hartz-IV-Empfängern.Sarrazin sagte in seiner Erwiderung, er habe sich beim Amtsantritt vorgenommen, nicht zurückzutreten und schob dann noch eine Bemerkung zur Finanzsituation der Stadt nach: "Berlin ist in der Normalität eines ostdeutschen Bundeslandes angekommen."Danach versprach er, sich nicht mehr zu den finanziellen Fragen der Hauptstadt äußern zu wollen - "jedenfalls bis nach der Abgeordnetenhauswahl". Darauf Wowereit: "Wir haben das als Drohung verstanden." Im Anschluss an die kleine Feier bekam Sarrazins Nachfolger Ulrich Nußbaum - er war bis Juni 2007 Finanzsenator in Bremen - seine Ernennungsurkunde. Er tritt sein Amt am Montag an.------------------------------Foto: Ob er die braucht? Thilo Sarrazin (r.) bekam zu seinem Abschied als Finanzsenator eine altertümliche Rechenmaschine vom Regierenden Bürgermeister überreicht. Sie wurde ihm aber nicht geschenkt, sondern nur geliehen. Berlin hat das Sparen gelernt.

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