Der Schatten Thomas Manns

Dirk Pilz
3 Min

Heinrich Breloer war Literaturwissenschaftler, ehe er zum Film kam. In Bonn hat er studiert, in Hamburg promoviert. "Persönliche Erfahrung und ästhetische Abstraktion" heißt seine Dissertationsschrift. Ende der 70er-Jahre begann er dann Dokumentationen für das Fernsehen zu drehen, fast immer über Themen aus der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte. Es gibt von ihm Filme über das Deutschland der 50er-Jahre, Willy Brandt, Herbert Wehner, Björn Engholm, die Barschel-Affäre.Heute wird sein erster Spielfilm der Öffentlichkeit präsentiert, vor geladenen Gästen: "Die Buddenbrooks" nach Thomas Mann; am ersten Weihnachtsfeiertag kommt er in die Kinos. Diese 150 Filmminuten zeigen einen neuen Breloer. Denn "Die Buddenbrooks" ist kein die Geschichte oder den Roman erkundender Streifen, er bebildert das Buch. 3 000 Kostüme und 16 Millionen Euro Produktionskosten hat es dafür gebraucht. Mit seinen gut 40 Dokumentarfilmen ist Breloer dagegen immer auch Literaturwissenschaftler geblieben - er begriff die Geschichte als ein Ensemble von Geschichten, die einer Interpretation bedürfen. Seine ersten Arbeiten suchten noch, das Gewesene einfach nachzustellen. Später entwickelte er das, was er selbst die "offene Form" nennt, Dokumentarfilme, die Spielszenen und dokumentarisches Material so mischen, dass sie sich gegenseitig kommentieren. Das zeichnet "Todesspiel" aus, seinen Film von 1997 über die Ermordung Hanns Martin Schleyers, das war auch der Reiz des Doku-Dramas "Speer und Er" von 2004, nicht zuletzt, weil dadurch die Biografie Albert Speers zum Streitfall werden konnte. Er nahm hier der Geschichte die Begriffsstutzigkeit, verwandelte sie zum fasslichen und angreifbaren Erinnerungsmaterial. Am eindringlichsten gelingt ihm seine neue, offene Dokumentationsform mit dem Dreiteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" über die Familie Thomas Mann. Breloer folgt Manns eigener Erzählweise und wird auf diese Weise zum "raunenden Beschwörer des Imperativs", zum "schauenden Schatten am Wege" der Geschichte, der das Ausdeuten dem Zuschauer, die erzählte Geschichte aber nie der Beliebigkeit überantwortet. Durch seine filmischen Neuerungen ist Breloer gleichsam zum Traditionalisten geworden, zum Bewahrer der historischen Erinnerung, der aber die, mit Thomas Mann gesprochen, "hochgradige Verflossenheit" der Geschichte selbst nie vergisst: Erinnerte Geschichte gibt es einzig in der offenen Form, als aus Erfahrungen geformte Erzählung. Das wissen die Historiker seit Herodot, dem ersten Geschichtserzähler der westlichen Welt.Mit "Die Buddenbrooks" verabschiedet sich Breloer von dieser Historikerweisheit. Er will mit diesem Film nicht mehr der forschende Dokumentationskünstler sein, er will seinem heftig bewunderten Thomas Mann auf Augenhöhe begegnen. Heinrich Breloer, geboren 1942 in Gelsenkirchen und ausgezeichnet mit einer Vielzahl an Preisen, ist zum Beschwörer der eigenen Thomas Mann-Begeisterung geworden.------------------------------Foto: Heinrich Breloer, Regisseur der "Buddenbrooks"

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