Der Schriftsteller Adolf Muschg ist neuer Präsident der Akademie der Künste

Die Schweizer Lösung

Harald Jähner
6 Min

Die Berliner Akademie der Künste hat seit zwei Tagen einen neuen Präsidenten, den Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg. Der weißhaarige Pfeifenraucher, 1934 geboren, ist ein Akademie-Idealpräsident. Der beredsamen Unentschlossenheit dieser Institution wird er vermutlich in perfekter Weise vorsitzen, hat er doch schon in seinem ersten Roman, "Im Sommer des Hasen" aus dem Jahr 1965, entschiedenen Aussagen eine natürlich nicht ganz entschiedene Absage erteilt. "Im Sommer des Hasen" ist eine versierte literarische Würdigung aller Skrupel, eine klare Aussage zu treffen. Der Überzeugung, nur die umständliche, in Kreisen um das Abwägen herumführende Rede sei eine wahrhaft präzise, ist Muschg, von einer zeittypisch entschiedeneren Phase nach 1968 einmal abgesehen, bis heute treu geblieben. Am vergangenen Samstag hob er als frisch gewählter Präsident sogleich wieder die Unbrauchbarkeit als das wichtigste Merkmal der Künste und ihrer Akademie hervor. Für eine einfache Aussage oder Parteinahme dürfe sie sich nicht funktionalisieren lassen. Am bis zur Harmlosigkeit Diskreten der Akademie wird Präsident Muschg also vermutlich wenig ändern, auch wenn er in einem Gespräch nach seiner Wahl den Konflikt als Essenz des Lebens bezeichnete, als notwendigen Bestandteil des Willens, das Leben im Sinne der Aufklärung zu verbessern. Bislang trägt die Akademie ihre Konflikte aber, wenn überhaupt, hinter verschlossenen Klubtüren aus. So auch bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Freitag, als Günter Grass sich offenbar in einer scharfen Kontroverse gegen György Konrads Vorwurf des Antiamerikanismus verwahrte. Erstaunlich genug, dass es überhaupt zum Streit gekommen war: Selbst in den bedrückendsten Tagen des Irak-Krieges hatte die Akademie der Künste ein öffentliches Streitgespräch mit Kriegsbefürworter Konrad, Muschgs Vorgänger im Amt, vermieden - eine unverzeihliche Verschwendung von Minderheitsmeinungen.Bei der Amtsübergabe sagte Muschg, was er am meisten von seinem Vorgänger übernehmen möchte, sei Gelassenheit. Als ob es ausgerechnet daran der Akademie fehlen würde.In der Schweiz allerdings gilt Muschg vielen als Querulant. Man sah ihn als Sympathisanten der randalierenden Punks in Zürich, als lärmigen Prediger wider den Schweizer Isolationismus und als rechthaberischen Einkläger Schweizer Mitverantwortung an den deutschen Naziverbrechen. In einer bewegenden Antwort auf die Aussage des Schweizer Bundesrates Jean-Pascal Delamuraz: "Auschwitz liegt nicht in der Schweiz", wandte sich Muschg gegen Teilnahms-Ferne und den "langen Schlaf der Selbstgerechten". Das wiederum führte zu einer Muschg befeuernden wie auch quälenden Auseinandersetzung mit dem nationalistischen Politiker Christoph Blocher, der als Herr B. immer wieder in dem Notiz- und Essayband "O mein Heimatland" (1998) auftaucht.Leicht hat es Adolf Muschg nie gehabt. Er stammt aus einer schwierigen, gelehrten Familie. Sein berühmter Halbbruder, der Germanist Walter Muschg, über 30 Jahre vor Adolf Muschg geboren, hatte den Hass auf seines Vaters zweite Ehe mit einer sehr viel jüngeren Frau auf den Bruder übertragen, was Adolf nie daran gehindert hat, über viele Jahre hinweg wacker in des erwachsenen Bruders Fußstapfen zu treten. Er wurde Germanist und Professor wie Walter, liebte und schrieb über dieselben Schriftsteller und überflügelte ihn schließlich als Dichter und Literat. Was ihn von den meisten tonangebenden Schweizer Schriftstellern unterscheidet, ist die Wahl fremder Handlungsorte und sein Verzicht auf jene manierierte stilistische Schlichtheit in der Nachfolge Robert Walsers. Gespielte Naivität ist seine Sache nicht; von Beginn an zeichnet sich Muschg durch virtuoses Räsonieren aus. Seine Figuren bis hin zum jüngsten Roman "Sutters Glück" navigieren in steigendem Maße durch eine Fülle von historischem Bildungsstoff. Das macht die Lektüre für den Kenner zu einem Genuss, bei dem sich angenehm die Zeit verlängert, für den eiligen Leser wird die Sache jedoch schnell fad. Besonders charakteristisch ist Muschgs Vorliebe für die Fremde. Bereits sein Debüt "Im Sommer des Hasen" handelt von der Reise einer Schriftstellerdelegation nach Japan, ein späteres Buch nimmt das Reisethema, diesmal Richtung China, auf. Mit einer Japanerin ist Adolf Muschg verheiratet, die er bei seinem Aufenthalt in Berlin als Fellow des Wissenschaftskollegs in den späten achtziger Jahren kennen gelernt hat. Japanischer Herkunft soll auch die wasserbetriebene Wildschweinscheuche im Garten seines Hauses in Männedorf bei Zürich sein, die mit ihrem monotonen Gleichklang Berichten zufolge Schweine wie Besucher gleichermaßen irritiert.Die "Kultur des Anderssein" ist für Muschg der Kern des europäischen Selbstverständnisses, wie er am Samstag in der Akademie betonte. In der Schweiz fühle er sich angesichts ihrer Viersprachigkeit wohl, weil sie damit ein europäisches Land par excellence sein könnte, nur begreifen würden die Schweizer das nicht. "Ich hange an Berlin", sagte er auf der Treppe der Akademie, "hange", wie die Schweizer sagen, und führte aus, er sei froh, hier seine Vatersprache als europäische Sprache sprechen zu können, "nicht als Sprache der Abwehr gegen Europa wie in meinem eigenen Land"."Für mich ist das so genannte alte Europa des Herrn Rumsfeld der private Adressat meine Seele, die Ressource, aus der ich lebe." Zu diesem kleinteilig erinnerungsgesättigten, polyglotten Europaverständnis gehört in idealer Weise das vergangene Preußen mit seinen holländischen, böhmischen, französischen Einflüssen hinzu. "Das verschwundene Preußen ist ein Stück Heimat für mich", rief Muschg seinem etwas verblüfften Publikum zu.Mag der bald siebzigjährige Schweizer, der in Berlin wieder das inzwischen längst gefällige Bild der Kunst vom Hofnarren als kritisches Pendant des Herrschers bemühte, allzu charmant in die hiesige Saturiertheit passen, es könnte doch sein, dass man sich bei ihm noch wundern wird. Aus der Distanz wurde Muschg ein sehr genauer Kenner der Deutschen in Ost wie West.Nach der massiven Welle ausländerfeindlicher Angriffe in den neuen Bundesländern, wie man damals, 1993, notorisch sagte, veröffentlichte Muschg im Spiegel einen der dann doch ungemütlichsten Essays zur deutsch-deutschen Misere. Sein Lob des Westens ist von wunderbarer Zweischneidigkeit: "Die alte Bundesrepublik hatte für mich fast aufgehört, Ausland zu sein. Nirgends konnte man (den Fußball abgerechnet) von nationaler Selbstgratulation weiter entfernt leben. Nirgends war man ernsthafter bemüht um die Arbeit an der eigenen Geschichte, gewissenhafter, persönlicher berührt von den Verbrechen des Dritten Reiches. Zum erstenmal nahm die einschüchternde Musterhaftigkeit der Deutschen einen Hauch von Lebensart an." Und eine Spiegelseite später: "Auch unter dem SED-Regime, und ihm zum Trotz, ist ein respektgebietender Bürgersinn entwickelt worden, sonst hätte er es nicht beseitigen können. (.) Diese Energie nicht zu nützen, weil sie verfluchten Prämissen entspringt, ja, sie für diese Prämissen nun erst recht abzustrafen, ist eine Verschwendung demokratischer Substanz, die sich der stärkste Staat nicht leisten kann - und ein ziviler sich nicht zu leisten braucht."Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Sollte das neue Gebäude der Akademie am Pariser Platz einmal fertig werden, präsidiert der Schweizer an der prominentesten einstigen Trennlinie Deutschlands, am, wie er selbst sagt, fulminantesten Platz der Republik. Was für eine salomonische Lösung!"Ich komme aus einem europäischen Land, auch wenn es das noch nicht begreift. ".BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN "Ich will es überleben!" Adolf Muschg nach der Wahl.

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