Der Selbstaufseher

Thomas H. Wendel
4 Min

Nein, dass Heinrich von Pierer sich zu wenig Gedanken über das Verhältnis von Geschäft und Moral gemacht hätte, kann man dem Aufsichtsratschef von Siemens nicht vorwerfen. "Zwischen Profit und Moral" heißt der Titel eines Buches, das von Pierer mitverfasst hat. "Ein Unternehmen sollte ganz einfach deshalb moralisch handeln, weil sich unmoralisches Handeln nicht lohnt", lautet ein Satz daraus. Es sind solche Worte, die dem 65-jährigen den Ruf eines Saubermannes eingebracht haben. Auch bei Interessenkonflikten verfolgt von Pierer stets eine klare, von Moral geprägte Linie. Als etwa im vergangenen Sommer der CDU-Parlamentarier Norbert Röttgen den zusätzlichen Posten eines Hauptgeschäftsführers des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) anstrebte, stimmte auch von Pierer in den Chor der Entrüsteten ein: Er gehe davon aus, wurde der Siemens-Aufsichtsratschef damals zitiert, dass Röttgen als künftiger BDI-Geschäftsführer sein Bundestagsmandat abgeben werde.Es ist höchste Zeit, Heinrich von Pierer an seine eigenen ethischen Maßstäbe zu erinnern. Denn wenn es um seine Person geht, scheint der Siemens-Aufsichtsratschef sie nicht so genau zu nehmen wie in seinen beliebten Sonntagsreden. Die Rolle, die er im Schmierenstück um mutmaßliche Korruption bei Siemens spielt, ist jedenfalls fatal. Für von Pierer selbst, für den Konzern und auch für das Image der Bundesrepublik Deutschland, deren Kanzlerin der Manager in Sachen Innovation berät.Ermittler in Deutschland, der Schweiz, Österreich, dem Fürstentum Liechtenstein, Italien und Griechenland gehen teilweise schon seit Jahren dem Verdacht nach, dass Mitarbeiter des Siemens-Konzerns im großen Stil Politiker und Beamte im Ausland bestochen haben. Siemens hat eingeräumt, dass Mittelabflüsse von 420 Millionen Euro überprüft werden müssten. Es sei nicht ausgeschlossen, dass diese Gelder für Korruptionszwecke Verwendung fanden. Mehrere amtierende und ehemalige Siemens-Manager sitzen in Haft. Zuletzt wurde der Ex-Chef der Telekommunikations-Sparte festgenommen - er galt lange als ein Vertrauter von Pierers. So gut wie alle mutmaßlichen Korruptionsfälle gehen auf die Zeit zurück, in der von Pierer Chef des Siemens-Konzerns war - die Jahre 1992 bis 2005.Niemand wirft Heinrich von Pierer vor, persönlich von Bestechungsfällen gewusst oder sie geduldet zu haben. Man stelle sich aber einmal vor, ein ähnlicher Fall hätte sich in der Politik ereignet: Einem ehemaligen Minister würde vorgeworfen, sein Ressort sei in massive Bestechungsfälle verwickelt. Hätte der Ex-Minister die Chance, einem Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Thema vorzusitzen? Wohl kaum. Und wenn doch, wäre Heinrich von Pierer wohl sicher unter den Ersten, die dagegen wortmächtig protestieren würden.Heinrich von Pierer ist zu einer Belastung für Siemens geworden. Es ist Zeit für einen Neuanfang, gerade im Aufsichtsrat des größten deutschen Technologiekonzerns. Und das keineswegs nur, weil der Mann an der Spitze des Gremiums sich in Sachen Korruptionsaffäre selbst beaufsichtigen könnte. Mit dem Auffliegen der schwarzen Siemens-Kassen ist auch der Erfolg der Neuausrichtung des gesamten Konzerns gefährdet. Die nachträglichen Gewinn-Korrekturen schließlich, die Konzernchef Klaus Kleinfeld jetzt verkünden musste, dürften erst ein Anfang sein. Es gibt Berichte über drohende Ausschlüsse von Siemens bei der Vergabe von Staatsaufträgen, etwa in Norwegen. Der verschobene Start der gemeinsamen Telekom-Ausrüster-Tochter mit dem finnischen Handy-Konzern Nokia wird Siemens überdies teuer zu stehen kommen: Die Finnen werden finanzielle Nachforderungen stellen und sich von allen Schadenersatzansprüchen in Zusammenhang mit den schwarzen Kassen durch Siemens frei stellen lassen.Es ginge bei den Bestechungs-Vorwürfen um die "Fundamente unseres auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmens". So haben es von Pierer und Kleinfeld kürzlich in einem Mitarbeiter-Rundschreiben formuliert. Recht haben sie! Das Fundament muss deshalb neu gelegt werden. Dazu muss vor allem die Führung des Konzerns über jeden Zweifel erhaben sein. Heinrich von Pierer hat einmal gesagt, bei Siemens an der Spitze zu stehen, sei der schönste Posten, den die deutsche Industrie zu vergeben habe. Jetzt ist es an der Zeit, dass er seinen Beitrag dazu leistet, dass es auch der schönste Posten bleibt.------------------------------Heinrich von Pierer hat einmal gesagt, bei Siemens an der Spitze zu stehen, sei der schönste Posten in der deutschen Industrie. Jetzt sollte er etwas tun, dass es auch der schönste Posten bleibt.

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