Warum ihr Junge? Warum Patrick? Mit zitternden Händen zündet sich Gabi J. eine Zigarette an. "Ich finde keine Erklärung. Er ist doch erst 14." Warum hat er ihr gesagt: "Mama, wenn ich den Brandstifter erwische, den klatsche ich an die Wand." Sechsmal hat es in diesem Jahr in der Mittenwalder Straße in Hellersdorf gebrannt. Meist Kellerverschläge. Doch beim letzten Mal war es das Kinderzimmer der Nachbarn von Gabi J. Die Angst ging um in der Mittenwalder Straße. Den "Hellersdorfer Feuerteufel" nannte ihn die Bild-Zeitung. Patrick hat vier dieser sechs Brandstiftungen gestanden. Die letzten drei Brände hatte er selbst der Feuerwehr gemeldet. So etwas fällt auf. Seit 12. September sitzt Patrick in der Jugendhaftanstalt Plötzensee und wartet auf seinen Prozeß. Er ist der jüngste Gefangene in Berlin."Mein Mann und ich haben doch alles versucht, seit es Probleme mit dem Jungen gibt", erzählt die 34jährige Mutter. Konsultationen bei Schulpsychologen und beim Jugendamt. Die haben nach einem Knacks in Patricks jungem Leben gesucht. Und ihn auch gefunden. Der erste Knacks Mit vier begann Patrick zu stottern und ins Bett zu machen. Eine Kindergarten-Erzieherin hatte ihn vor allen anderen als Lügner abgestempelt und zur Strafe in eine Ecke gestellt. Und das nur, weil er seine Schilderungen von den Waldwanderungen mit Eltern und Janek, seinem jüngeren Bruder, phantasievoll ausgemalt hatte. Von einem Jeep war da die Rede, und den glaubte die Erzieherin nicht. Dabei hatten die Eltern tatsächlich aus dem Westen einen gebrauchten Jeep eingeführt. Ein halbes Jahr lang stotterte Patrick, ehe die Mutter den Grund erfuhr. Sie wechselte den Kindergarten. In der dritten Klasse wurde Patrick wieder als Schwindler hingestellt. Er hätte sich den Krankenschein vom Zahnarzt nur besorgt, um schwänzen zu können, hieß es. Aber er hatte sich tatsächlich einen Zahn ziehen lassen.Aber kann in diesen Erlebnissen das Motiv für die Brandstiftungen liegen? Nein, das war nur die Vorgeschichte, weiß auch die Mutter.Patrick hat drei Brüder: Janek (11), Mathias (8) und Christian (1). Sein Vater ist Handelsvertreter, die Mutter derzeit aber im Babyjahr. Doch sein Vater ist nicht sein leiblicher Vater. Von dem trennte sich seine Mutter, als sie mit Patrick schwanger war. In einem elfgeschossigen Plattenbau in Hellersdorf hat die sechsköpfige Familie eine Vierraumwohnung. Patrick besitzt als einziger ein eigenes Zimmer. An der Wand hängen Pferdeposter: Sein Vater ging mit ihm jede Woche zum Reiten. Bücher stapeln sich im Regal. Zwei Mäuse liegen faul im Käfig. "Pauline", Patricks Meerschwein, ist jetzt in dem anderen Kinderzimmer. Gabi J. fällt es schwer, das Puzzle zusammenzusetzen. "Mein Sohn will immer im Mittelpunkt stehen. Das geht aber nicht bei vier Kindern und auch in der Schule nicht." Die Oma hätte ihren Lieblingsenkel verhätschelt, ihm weisgemacht, er sei etwas Besonderes. Auch deshalb finde er schwer Freunde."Patrick ist wißbegierig, aufgeschlossen, verfügt über ein gutes Allgemeinwissen. Aber er ordnet sich den Normen der Schule nicht unter." So oder ähnlich lauten bis zur siebten Klasse die Einschätzungen der Lehrer. Anfang des Jahres passiert etwas mit Patrick: Plötzlich zieht er nur noch schwarze Sachen an, läuft mit zwei Mäusen auf der Schulter herum, wird Kettenraucher, ißt kaum noch, schleicht abends aus dem Haus. "Und er hatte auf einmal neuen Umgang, über den er bis heute nicht reden will", berichtet die Mutter. Patrick schwänzt die Schule und schafft die achte Klasse nicht. Zu Beginn des neuen Schuljahrs im August muß er von Hellersdorf auf eine Gesamtschule in Marzahn wechseln. Die Chance zu einem Neuanfang - denken seine Eltern und die alte Schulleitung. "Gleich vom ersten Tag an hat Patrick provoziert", so sein neuer Klassenlehrer Menzel. Freche Zwischenrufe im Unterricht, Schlägereien auf dem Schulhof. Von einem ganz anderen Patrick scheint Rosemarie Heiderich zu sprechen, die ihn im Fach Darstellendes Spiel unterrichtet. "Patrick engagiert sich mehr als seine Mitschüler und hat Talent." Einmal hat er ihr einen Zettel mit einer kleinen Szene in die Hand gedrückt. Am nächsten Morgen lag das Script noch einmal überarbeitet, mit dem Computer getippt, in ihrem Fach. Ohne Aufforderung, betont die Pädagogin. Das habe noch kein Schüler gemacht.Patrick will sich mitteilen. Auch in der Hellersdorfer Schülerzeitungsredaktion "Kaktus". Der Junge macht mit, obwohl er in der Schule null Bock auf Rechtschreibung hat. Die frühere Redaktionsleiterin Elke Schilling beschreibt den Jungen so: "Offen bis an die Schmerzgrenze - Patrick beteiligt sich an allen Diskussionen, provoziert, sucht Anerkennung und wirkt dabei oft unsicher." Die Eltern suchen immer wieder das Gespräch mit ihrem Ältesten, wollen ihn in ärztliche Behandlung geben. "Er war einverstanden. Mama, hat er gesagt, ich habe so viel Mist gemacht. Ich will das nicht mehr. Aber allein schaffe ich das nicht", erinnert sich Gabi J. an den Hilferuf ihres Sohnes. Sie hätten sich an den Jugendpsychiatrischen Dienst gewandt. Doch nach drei-, viermal ging er nicht mehr hin. Knappe Diagnose: Patrick hat kaum noch soziale Bindungen.Sauer, richtig sauer wird Gabi J., als sie auf die Oma zu sprechen kommt. Von Anfang an hat sie den zweiten Mann ihrer Tochter nicht akzeptiert. Als Patrick zum Psychiater geht, sagt sie: "Die wollen dich nur in die Klapsmühle stecken. Und Papa ist nicht dein richtiger Vater." Mitten in seiner Pubertätskrise trifft Patrick dies wie der Schock seines Lebens. Der Junge fällt in ein dunkles, tiefes Loch - und wird unerreichbar. Signale der Krise Patrick rennt von zu Hause weg, will in ein Heim, kommt wieder zurück. Sucht den leiblichen Vater auf, weiß aber mit ihm nichts anzufangen. So bleibt er hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen.Wie haben Jugendamt und behandelnder Psychiater darauf reagiert? Kein Kommentar - so die Order der zuständigen Hellersdorfer Stadträte an ihre Mitarbeiter. Die Eltern wollten Patrick vorübergehend in ein Heim geben, damit er von dieser Clique wegkommt. "Es gibt doch Heime, die Haustiere haben und zur Therapie nutzen. Unser Junge ist doch so ein Pferdenarr. Er wollte ja selber", sagt die Mutter. Aber im Jugendamt erklärt man ihr, daß solche Häuser nur für schwere Fälle seien. Jens Boje, Psychologe beim SOS Kinderdorf Hellersdorf, kennt Patrick nicht. Aber er weiß: Bei seelischer Überforderung geben Kinder Signale von sich. Sie ziehen sich in sich zurück oder sind aggressiv, auffällig im Verhalten. Auf der Suche nach ihrer Identität und sozialer Anerkennung sind sie oft unsicher. "Mehrere Lebenseinbrüche auf einmal wie bei Patrick können leicht zu einer Katastrophe führen. Das kann in jeder Familie passieren."Rechtsanwalt Burkhard Eschenbach fordert: "Patrick ist solange unschuldig, bis er überführt ist. Indizien weisen auf Anstiftung hin. Nicht ausgeschlossen, daß er andere Täter deckt. Eine große Rolle scheinen Gruftis und schwarze Magie zu spielen." Brandlegungen gehörten manchmal zu Aufnahmeritualen. Von Patrick kommt für die Aufklärung bisher keine Hilfe: Er schweigt.In einem ist sich der Verteidiger mit Staatsanwaltschaft und Eltern einig: Patrick muß raus aus dem alten Milieu. Wohin, das muß das Gericht entscheiden. Doch was kommt dann? "Wann kommt Patrick wieder?", will Janek von der Mutter wissen, als sie zum ersten Besuch nach Plötzensee fährt. "Sag ihm, daß es Pauline gut geht." Die Brüder versorgen sein Meerschwein. Aber die Grufti-Mäuse, die wollen sie nicht. +++
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