BERLIN, 21. Oktober. Seine Vorlesungen genossen Kultstatus: Wenn Karl-Heinz Mehlan seinen Studenten das Thema Verhütung nahe bringen wollte, packte der Professor Penisattrappen aus Afrika und bunte Kondome aus. Was heute bei vielen nur noch ein sanftes Lächeln verursachen würde, war 1960 eine Sensation. Mit hochroten Köpfen verfolgten damals die Studenten der Rostocker Universität, wie Mehlan langsam die aus den Vereinigten Staaten mitgebrachten Kondome ausrollte und deren Gebrauch erklärte. Mehlan ließ es aber nicht bei der Sexualaufklärung bewenden. Er sorgte unter anderem dafür, dass die Pille auch in der DDR eingeführt wurde. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der Pillenvater der DDR bereits am 9. Oktober im Alter von 87 Jahren.Mehlan wurde am 18. Juli 1916 geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und wuchs auf einem Bauernhof im Spreewald auf. Er sollte Bauer werden, setzte sich aber über den Willen seines Großvaters hinweg und studierte an der Universität Breslau Medizin. Nach dem Krieg verpflichtete ihn die sowjetische Kommandatur in Senftenberg als Kreisarzt. Doch Mehlan zog es in die Forschung. 1951 habilitierte er an der Berliner Humboldt-Universität und beschäftigte sich dort erstmals mit einem Thema, das ihn danach nicht mehr loslassen sollte: Empfängnisverhütung und die Legalisierung der Abtreibung. "Wer junge Frauen gesehen hat, die ein blühendes Leben vor sich hatten und denen nicht mehr geholfen werden konnte, weil sie einem Pfuscher in die Hände gefallen waren, der wird sich wie ich für die Legalisierung der Abtreibung einsetzen", sagte Mehlan später in einem Interview mit dem Magazin Stern.1955 wechselte Mehlan an die Universität Rostock und baute dort das Institut für Sozialhygienie auf. Der nationale und internationale Durchbruch gelang im Jahr 1960: Auf einer von ihm organisierten Konferenz in Rostock, an der Vertreter aus mehr als 30 Staaten teilnahmen, plädierte Mehlan öffentlich für die legale Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten. Eine Forderung, die in vielen Ländern - 1972 auch in der DDR - umgesetzt wurde.In der vorderen SeitenlageDem Sozialhygieniker, der auch für die Weltgesundheitsorganisation WHO arbeitete, ging es aber auch darum, dass es erst gar nicht zu einer ungewollten Schwangerschaft kam. So geht die Einrichtung von 200 Ehe- und Sexualberatungsstellen auf seine Initiative zurück. Auch am Bau der ersten Kondomfabrik der DDR in Gotha hat er Anteil. Und auf seine Bemühungen geht die Produktion der ersten Anti-Baby-Pille der DDR "Ovosiston" vom VEB Jenapharm zurück. Sie wurde ab 1965 kostenlos abgegeben.Darüber hinaus wurde Mehlans Buch "Wunschkinder" ein großer Erfolg. Denn dort beschrieb der umtriebige Professor nicht nur detailliert die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung, sondern nebenbei auch viele Stellungen für den Geschlechtsverkehr ("vordere Seitenlage - mittelmäßige Befruchtungsmöglichkeit"). Das hatte es in der DDR noch nicht gegeben. Obwohl Mehlan zu diesem Zeitpunkt bereits als führender Experte der Geburtenregelung in Osteuropa galt und weltweit ein gefragter Redner war, konnte er im SED-Staat nicht alle seine Vorstellungen durchsetzen. Als der Professor 1970 Bildungsministerin Margot Honecker vorschlug, Kondomautomaten an Schulen aufzustellen, holte er sich eine glatte Abfuhr. Frau Honecker wollte einfach nicht über dieses schlüpfrige Thema sprechen.BLZ Sexualforscher Karl-Heinz Mehlan
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