Es wäre so schön, wenn Wirtschaftspolitik so einfach funktionierte. Auf der einen Seite die Reichen, auf der anderen der Rest. Man nimmt den einen etwas weg, gibt es den anderen – und am Ende fährt der Bus kostenlos, die Kita kostet nichts und die Miete bleibt bezahlbar.
Mit einer überzeugenden Version dieser Erzählung ist Zohran Mamdani Bürgermeister von New York geworden. Am Sonntag will Elif Eralp in Berlin etwas Ähnliches versuchen: zwei Metropolen, dieselbe Diagnose – explodierende Lebenshaltungskosten, ein Wohnungsmarkt im Ausnahmezustand. Das Problem ist nur: Irgendjemand muss die Rechnung bezahlen. Und ausgerechnet die Menschen, gegen die sich die linke Rhetorik so lustvoll richtet, gehören zu denen, die ein solcher Sozialstaat am dringendsten braucht.
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Nein, die Millionäre sind nicht alle nach Florida geflohen
Beginnen wir mit etwas, das Mamdanis Kritiker nicht gerne hören. Im Juli ging eine Zahl um die Welt: Elf Milliarden Dollar habe New York an Steuern verloren, weil die Reichen vor Mamdani nach Florida flöhen. Sie stammt aus einer Auswertung der Citizens Budget Commission, einer New Yorker Haushaltsorganisation. Wer nachliest, findet dort etwas anderes.
Untersucht wurde New Yorks Anteil an allen amerikanischen Einkommensmillionären. Er sank zwischen 2010 und 2022 von 12,7 auf 8,7 Prozent; hätte der Bundesstaat seinen alten Anteil gehalten, hätte er 2022 rund 10,7 Milliarden Dollar mehr eingenommen.
Das ist eine Hätte-Rechnung, kein Verlust: New York nahm 2022 mehr Einkommensteuer ein als 2010, nicht weniger. Der Anteil sank, weil andere Bundesstaaten schneller wuchsen – Florida vervierfachte seine Zahl der Einkommensmillionäre, in New York stieg sie von 35.802 auf 69.780.
Bleibt das Datum. Die Berechnung endet 2022. Mamdani wurde im November 2025 gewählt und trat sein Amt am 1. Januar 2026 an. Als Beweis für einen „Mamdani-Exodus“ taugen diese Zahlen ungefähr so gut wie die Geburtenstatistik von 1997 als Beweis für seine Familienpolitik. Correctiv hat die Geschichte Ende Juli auseinandergenommen und als falsch bewertet. Zu Recht.
Der Mann liefert – und polarisiert
Auch das Bild vom Fantasten stimmt nicht. Staatliche Lebensmittelläden, gebührenfreier Nahverkehr, kostenlose Kinderbetreuung: Was im Wahlkampf als Luftschloss galt, ist in Teilen Regierungshandeln. Der Mietenstopp steht, das erste Betreuungsjahr läuft, und wo ihm der Bundesstaat New York die Millionärsteuer verweigerte, holte er sich als Kompromiss eine Abgabe auf luxuriöse Zweitwohnsitze. In einer Stadt, in der eine Einzimmerwohnung im Schnitt mehr als 3700 Dollar kostet und ein Kitaplatz 20.000 Dollar im Jahr, ist das keine Symbolpolitik – und der erste muslimische Bürgermeister New Yorks, ein früherer Rapper, wird damit zur weltweiten Projektionsfläche.
Umstritten ist er trotzdem, nur selten aus ökonomischen Gründen. Mamdani nennt Israels Vorgehen in Gaza einen Völkermord und spricht von einem Apartheidsystem; die Ankündigung, Benjamin Netanjahu verhaften zu lassen, musste er zurücknehmen, weil einem Bürgermeister dafür jede Handhabe fehlt. Er hat die Verbrechen der Hamas vom Oktober 2023 verurteilt und mehr Geld gegen Hasskriminalität versprochen – für viele jüdische New Yorker bleibt seine Haltung dennoch eine Zumutung, der Antisemitismusvorwurf begleitet ihn.
Elif Eralp gibt sich hier erkennbar vorsichtiger, wobei Antisemitismusvorwürfe und eine schwierige Haltung zu Israel auch dem Berliner Landesverband der Linkspartei nicht fremd sind.
Über die Frage, ob Mamdanis Wirtschaftspolitik trägt, sagt das nichts. Die ernsthafte ökonomische Kritik kommt ohnehin nicht von rechten Accounts oder Millionären, die ihre Maklerin in Palm Beach anrufen. Sie kommt aus der Forschung – und ist raffinierter.
Die Frage ist nicht, ob die Millionäre von heute gehen
Cristobal Young, Soziologe an der Cornell University, hat 45 Millionen Steuererklärungen von 3,7 Millionen amerikanischen Spitzenverdienern ausgewertet. Sein Ergebnis ist zunächst beruhigend für Mamdani: Millionäre sind erstaunlich sesshaft. Nur 2,4 Prozent ziehen pro Jahr in einen anderen Bundesstaat, in der Gesamtbevölkerung sind es 2,9 Prozent. Kein Investmentbanker wirft sein New Yorker Leben in den East River, weil Florida keine State Income Tax verlangt.
Auch Gabriel Zucman, Ökonom in Berkeley, nannte die Vorstellung einer großen Steuerflucht bei einem Auftritt mit Mamdani im April „beinahe Propaganda“; die Forschung zeige keine Reaktion von exakt null, aber eine „extrem kleine“.
Mamdani kann also sagen: „Seit meinem Amtsantritt prophezeit ihr die Flucht der Reichen, und sie sind noch da.“ Nur beantwortet das die falsche Frage. Sie lautet nicht: Wo wohnt der Millionär von heute? Sondern: Wo entsteht der Millionär von morgen?
Neue Steuern haben Folgen
Hier kommt Enrico Moretti ins Spiel, ebenfalls Berkeley, einer der renommiertesten Ökonomen für Städte und Innovation. Mit Daniel Wilson von der Notenbank in San Francisco untersuchte er eine für Metropolen besonders interessante Gruppe: Spitzenerfinder, die obersten fünf Prozent, gemessen an Patenten – Menschen, die wählen können, ob sie in New York, Boston oder Florida arbeiten. Bei ihnen finden die beiden große und stabile Effekte persönlicher wie unternehmerischer Steuern: Genug Firmen und Beschäftigte stünden am Rand der Entscheidung, sodass Steuern ins Gewicht fielen.
Neue Steuern haben Folgen – das ist der Satz, den progressive Großstadtpolitiker über ihren Schreibtisch hängen sollten. Denn Standorterosion sieht nicht aus wie „Großbank verlässt New York – 10.000 Jobs weg“, sondern viel langweiliger: Ein Vorstand verteilt 2000 neue Stellen, New York bekommt 500, Texas 1000, Florida 500. Niemand demonstriert, die Stadt hat sogar Jobs gewonnen – ohne ihre Standortnachteile wären es vielleicht 1500 gewesen.
Nicht anders der 27-jährige Gründer, der mit seiner noch unbedeutenden Firma nicht New York, sondern Florida wählt. Zwanzig Jahre später kann genau dieser Mann der Milliardär sein, dessen Steuern Mamdani gerne hätte. Nur wohnt er dann leider in einem anderen Bundesstaat.
Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken für die Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus 2026. Mamdanis Sieg in New York gilt als Vorbild für die Berliner Linkspartei.
© IMAGO/Jens Schicke
Mamdani braucht sehr viel Geld
Das ist das große Paradox seiner Politik. Kostenlose Kinderbetreuung ist keineswegs verrückt, sondern ökonomisch sinnvoll: Sie erleichtert vor allem Müttern die Rückkehr in den Beruf. Aber all diese schönen Dinge kosten Geld – jedes Jahr, für sehr viele Jahre. Seit September läuft in vier Schulbezirken das erste kostenlose Betreuungsjahr für Zweijährige, gut 2000 Plätze. Bezahlt wird es bisher vor allem von jemand anderem: Gouverneurin Kathy Hochul hat mehr als 1,2 Milliarden Dollar zugesagt. Die Erzieherinnen wollen erstaunlicherweise auch 2035 noch bezahlt werden.
Wer einen großen Sozialstaat verspricht, braucht deshalb etwas, worüber Linke selten mit derselben Leidenschaft sprechen wie über Umverteilung: eine wachsende, außerordentlich produktive Steuerbasis. Der Sozialstaat braucht erfolgreiche Kapitalisten. Für einen demokratischen Sozialisten klingt das wie ein Witz, ist aber simple Mathematik. Ein Hedgefonds-Manager mit zwanzig Millionen Dollar Jahreseinkommen mag für einen klassischen Linken-Wähler unsympathisch sein, für den Finanzsenator ist er ein Traum. Diskutieren kann man, wieviel er beitragen sollte – nicht, ob es einer Stadt egal sein darf, ob er dort lebt.
Preise lassen sich einfrieren. Kosten nicht
Seine riskanteste Idee ist dabei nicht die Millionärsteuer. Die zusätzlichen zwei Prozentpunkte auf Millioneneinkommen sind ohnehin nicht umgesetzt, dasselbe gilt für die höhere Unternehmenssteuer und den Mindestlohn von 30 Dollar, der bis 2030 kommen soll. Problematisch ist die Kombination – und eine Sprache, in der Vermögen vor allem als Quelle auftritt, aus der man das benötigte Geld herauspumpt. Jede Maßnahme lässt sich einzeln verteidigen. Aber Unternehmer sehen das Paket.
Das gilt auch für Mamdanis größtes Versprechen. Das Rent Guidelines Board, in das er im Februar sechs von neun Mitgliedern neu berief, beschloss Ende Juni mit sieben zu einer Stimme den Mietenstopp: null Prozent für Vertragsverlängerungen zwischen Oktober 2026 und September 2027. Betroffen sind knapp eine Million gedeckelte Wohnungen, gut 40 Prozent aller Mietwohnungen der Stadt. Die kurzfristigen Gewinner sind offensichtlich: die Mieter. Nur verschwinden die Kosten des Gebäudes nicht: Versicherungen, Handwerker und Energie werden teurer, Löhne steigen, und die Grundsteuer verschwindet nicht aus Solidarität mit dem Sozialismus.
Die einzige Gegenstimme kam von Arpit Gupta, Finanzprofessor an der NYU, den noch Mamdanis Vorgänger Eric Adams berief. Friere Mamdani die Mieten, wie angekündigt, jedes Jahr seiner Amtszeit ein, warnt er, werde ein Großteil der fast vollständig regulierten Gebäude 2046 nicht mehr stehen, bewohnbar und bewohnt sein. Gupta ist Senior Fellow am marktliberalen Manhattan Institute, neutral ist er nicht – eine Lobbyisten-Tirade ist es trotzdem nicht, sondern die Rechnung eines Finanzökonomen. Preise lassen sich politisch einfrieren. Kosten nicht.
Was das für Berlin heißt
Eralp sollte deshalb nach New York schauen – auf beide Seiten. „Wenn ein Linker in New York gewinnen kann, dann genauso gut in Berlin“, sagte sie am Tag nach Mamdanis Wahlsieg. Hohe Vermögen sollen stärker belastet, rund 220.000 Wohnungen vergesellschaftet werden. Fünfeinhalb Milliarden Euro jährlich könnten Berlin durch eine Vermögensteuer zufließen, sagt sie. Wofür? Schulen, Krankenhäuser, sozialer Wohnungsbau, mehr Personal gegen Mietwucher – Dinge, die Berlin dringend braucht.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens fordert Eralp die Vermögensteuer auf Bundesebene. Ein Berliner Senat kann sie nicht im Alleingang einführen, im Bundestag gibt es dafür keine Mehrheit: Das Geld ist eine Forderung, kein Haushaltsposten. Zweitens offenbart schon die Liste das New Yorker Paradox. Wer fünfeinhalb Milliarden von Vermögenden will, sollte ein enormes Interesse daran haben, dass Vermögende in Berlin leben, investieren und entstehen. Man kann keine Vermögensteuer auf Vermögen erheben, das woanders entsteht.
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Berlin besitzt heute etwas ausgesprochen Wertvolles: 2025 flossen 2,7 Milliarden Euro Risikokapital in Berliner Start-ups, in 218 Finanzierungsrunden – mehr als in jedem anderen Bundesland. Rund 94.000 Menschen arbeiten in diesem Ökosystem. Ein Anspruch darauf ist das nicht. Paris will diese Gründer, London will sie. Und irgendwo in Dubai hält garantiert jemand schon die steuerfreie Präsentation bereit. Standortpolitik ist Wettbewerb. Jeden verdammten Tag.
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