PARIS, 2. Juni. Er ist die Nummer eins, der Beste, Meister aller Schläge, wird bewundert und bestaunt. Jener Mann, über den sein Coach Tony Roche sagt: "Er hat diesen Sport neu definiert."Er ist die Nummer fünf, der Beste dieses Frühjahrs und der Beste auf Sand, hungrig und stark. Jener junge Mann, über den der frühere French-Open-Sieger Albert Costa sagt: "Er ist aus einer anderen Welt."Die Rede ist von Roder Federer und Rafael Nadal, die im Halbfinale der French Open am Freitagnachmittag aufeinander treffen. Als Federer so alt war, wie es Nadal jetzt ist, nämlich 19, galt er als große Hoffnung des Tennis, aber es fehlten noch Steine für das Mosaik: Konstanz, Beharrlichkeit, Selbstbeherrschung. Auf dem Platz habe er sich manchmal in eine zweite Persönlichkeit verwandelt, hat er kürzlich erzählt; in einem Moment sei er absolut ruhig gewesen, dann sei er durchgedreht. Schläger schmeißen, jammern, verlieren, das ganze Programm. Erst als er zwei Jahre später genug davon hatte und sich zur Ruhe zwang, spielte er stabiler. Und erst mit dem Titel in Wimbledon 2003 fielen die Zweifel von ihm ab. Es war der Moment, in dem er endlich glaubte, was immer schon alle gesagt hatten: Du kannst der Beste sein; keiner spielt so wie du.Sieht nicht so aus, als wüsste Rafael Nadal, was Zweifel sind. Er hat nichts von Federers schwereloser Eleganz, aber er steckt voll ungebremster Energie, voller Glauben an eigene Stärke, voller Kraft und Willen. Erinnert er mit seinem wilden Blick und den wehenden schwarzen Haaren unter dem Stirnband nicht an einen indianischen Krieger? An einen Häuptlingssohn, der auf dem Rücken seines Rappen im gestreckten Galopp die Jagd aufnimmt? Er würde sich vermutlich kaputt lachen über diesen Vergleich. Aber die Familie Nadal ist fast so etwas wie ein Stamm. Als Rafael mit elf die ersten Turniere gewann, schlug der spanische Verband tatsächlich vor, er solle in eines der vielen Tenniszentren aufs Festland wechseln, aber die Familie meinte, daheim in Manacor auf Mallorca habe er alles, was er brauche. Onkel Toni gab danach seinen Job als Tennistrainer im Klub auf und kümmerte sich ausschließlich um Rafael, und daran hat sich bis heute nichts geändert.Unter einem DachUnd noch immer wohnen sie in Manacor alle unter einem Dach; unten die Großeltern, im ersten Stock Onkel Toni mit Frau und drei Töchtern, im zweiten Rafaels Eltern, er selbst ganz oben, gemeinsam mit der 14 Jahre alten Schwester Maria Isabel. Und seinen Namen hat er, wie es sich gehört, nach dem Opa. Die Gene des Stamms sind offensichtlich gut für den Sport. Rafaels zweiter Onkel, Miguel Angel, hat lange erfolgreich im Mittelfeld beim FC Barcelona Fußball gespielt. Rafael konnte schon immer rennen wie ein Hase, und sie sagen, gute Muskeln habe er auch schon immer gehabt. Manchmal erinnert er an ein Kind, ist brummig, etwas schüchtern, dann wieder nett und verspielt. Aber es nervt ihn, dass die Leute nun immer öfter an ihm zerren. Was er selbst im Sinn hat, ist völlig klar: "Gewinnen zu wollen, das ist ganz natürlich für mich".Wenn er Tennis spielt, wirkt alles an ihm, jede Geste, jeder Blick, so selbstverständlich und direkt, dass einem als Vergleich nur der junge Boris Becker einfällt. Aber im Gegensatz zu Becker spricht vieles dafür, dass die Nadals auf mögliche Erdbewegungen vorbereitet sind. Toni, der Trainer-Onkel, sagt: "Wir Mallorquiner reden immer über alles und nichts. Aber was uns auch passiert, es kommt uns normal vor." Deshalb ist es für den Neffen überhaupt kein Thema, an einen Sieg gegen Federer zu glauben. Einmal hat er das schon geschafft, 2004 in Miami. In diesem Jahr gewann Federer an gleicher Stelle in fünf Sätzen, und er versichert: "Ich weiß, wie ich gegen ihn spielen muss."Vom ersten Tag der French Open an hat Federer die Fragen nach der absehbaren Begegnung mit Nadal stilvoll beantwortet. Doch nun ist es an der Zeit für eine konkrete Antwort. Er sei schließlich die Nummer eins, sagt er, wieso solle er irgendwen fürchten? Respekt, das ja, aber fürchten? Wer weiß, mit welchem Stolz der Schweizer über sich und seine führende, tragende, schwebende Rolle in diesem Sport spricht, der kann ahnen, was dieses Halbfinale auch für ihn bedeutet.------------------------------Henin gegen PierceSiege: Die Belgierin Justine Henin-Hardenne und die Französin Mary Pierce bestreiten am Sonnabend das Frauen-Endspiel. Einen Tag nach ihrem 23. Geburtstag gewann Henin-Hardenne ihr Halbfinale gegen die Russin Nadja Petrowa mit 6:2, 6:3 und ist nun seit 23 Matches ungeschlagen. Pierce besiegte Jelena Lichowzewa leicht mit 6:1, 6:1.Titel: Justine Henin-Hardenne stand bereits 2003 im Finale der French Open und gewann gegen ihre Landsfrau Kim Clijsters. Mary Pierce erreichte 1994 und 2000 das Endspiel; sie siegte vor fünf Jahren.------------------------------Foto: Direkter Blick, direkter Schlag: Rafael Nadal, derzeit der weltbeste Spieler auf Sand.
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